Ausgabe 
15.1.1888
 
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19 D.

Japans, die Pariser Fabrikate des raffinirten Luxus neben grotesken Schmucksachen und Waffen aus dem Kaukasus, und nicht die letzte Stelle nehmen großartige Buchläden und Kunstausstellungen ein. Freilich sieht ein solcher Reisender nichts von der elenden Lebens weise vieler Millionen, nichts von den meilenweiten Landstrichen von ödem oder nachlässig angebautem Land, nichts von dem Heer von hungrigen und korrupten Beamten, nichts von Unterschleif Willkür und Bestechlichkeit, nichts von...

Doch halt! Willst Du die schlafende Löwin nicht wecken, so wandle still durch die Straße der Schrecken! Vergiß nicht, daß Petersburgim Stande des verstärkten Schutzes lebt, das heißt, im Belagerungszustande, daß der Polizeimeister ohnedies schon das Recht, wie die Gewalt hat, Jeden, der ihm im Geringsten mißfällt, sofort ohne Weiteres auszuweisen, zu arretiren, oder auch mit nächster Gelegenheit nach Sibirien zu verschicken ohne Gericht und Urtheil.

Es war an einem schönen, klaren, frostigen Februartage, als ein junger Mann langsam den Newsky-Prospekt hinabschritt, wie Jemand, der heute sein Tagewerk beendigt und jetzt keine Eile mehr hat. Er mochte etwa dreißig Jahre zählen, seine edel geformten Züge trugen das Gepräge der Ruhe, aber auch des Selbstvertrauens und der Thatkraft. Wenn er zuweilen den Blick erhob, so strahlte sein Auge im düsteren Feuer, jedoch nur wie in einem unbewachten Moment. Schnell erlosch es wieder, der Blick senkte sich, oder richtete sich theilnahmslos in die Ferne. Nichts Auffälliges war an ihm zu bemerken. Er war gekleidet wie tausend Andere, auf dem Kopfe eine leichte, schwarzbraune Pelzmütze von Biberfell, in einen eleganten Pelz⸗ paletot gehüllt, welcher bis oben zugeknöpft war, an den Füßen hohe Schneegaloschen, wie sie in Rußland so unentbehrlich sind. In gemäßigtem Schritt ging er seines Wegs, wie Jemand, der mit seinem Tagewerk zufrieden ist, oder wie Einer, der, seines Diners sicher, sich nicht zu übereilen braucht. Es mußte wohl ein Fremder sein, vielleicht erst seit kurzer Zeit in Petersburg sich aufhaltend, denn er hatte mit Niemand einen Gruß zu wechseln, er fand Keinen, mit dem er die Hände zu schütteln und einige Minuten plaudernd und das Gewühl betrachtend stehen zu bleiben veranlaßt gewesen wäre. Fremd und einsam, wie Robinson auf seiner wüsten Insel, schritt er weiter. Doch halt! zwei oder drei Mal geschah es doch, daß er mit einem Vorüber⸗ gehenden einen raschen, fast unbemerkbaren Blick wechselte und dabei jedes Mal mit der Hand langsam eine Bewegung nach seiner Brusttasche machte. Merkwürdig, diejenigen, welchen dieses Zeichen verständlich schien, beantworteten es stets durch einen Blick nach rechts und noch sonderbarer, sie waren alle ganz ebenso gekleidet, wie der ihnen entgegen Kommende, mit dessen Anzug der ihrige in Schnitt und Farbe übereinstimmte. Dann setzten sie ruhig ihren Weg fort, gleichfalls Niemand grüßend und anscheinend Niemand beachtend.

Die Menge wuchs mit jeder Minute und immer stärker wurde das Gedränge, das oft schon undurchdringlich schien. Die Sonne stand schon tief gegen den Horizont geneigt, obgleich erst wenige Stunden seit Mittag verflossen waren. Es war die fashionable Stunde, in der es zum guten Ton gehört, einen Spaziergang über den Newsky zu machen, um nach seinen Be⸗ kannten zu sehen, oder um ihnen zu zeigen, daß man noch ge⸗ sund und auf freien Füßen ist, daß man zu denWohlgesinnten gehört und noch nicht alsverdächtig eingezogen ist, um in den Kasematten der Peter-Pauls⸗Festung einige Monate nach⸗ zudenken. Um jene Zeit herrschte fortwährende Aufregung in Folge der wiederholten Angriffe auf das Leben des geliebten Kaisers. Alltäglich entstanden neue beunruhigende Gerüchte und durchliefen blitzschnell die Stadt, obgleich sie Jeder nur ängstlich und vorsichtig seinem intimsten Bekannten mittheilte. So ge⸗ fährlich es auch unter Umständen werden konnte, auch nur diese Gerüchte zu kennen, so schien es doch für Jedermann unmöglich, sie für sich zu behalten, sie mußten heraus und griffen un⸗ aufhaltsam weiter. Bald hieß es, der Kaiser habe beim Diner durch ein Telegramm aus London eine Warnung erhalten, sich nicht an seinen Schreibtisch zu setzen, weil die Stearinkerzen in den silbernen Leuchtern auf demselben mit Dynamit gefüllt seien. Dann hieß es, ein Gensdarm sei mit wichtigen Depeschen, welche ihm in einer verschlossenen Mappe übergeben worden, von dem

gleich aufhängen, oder sonst sofort beseitigen, dann kann er

Kaiser im Winterpalast abgefertigt worden. Als man dort die Mappe öffnete, seien die Depeschen verschwunden gewesen und an deren Stelle hätte sich nichts vorgefunden, als die neuesten Nummern einer nihilistischen Zeitschrift, welche in Petersburg fort während erscheine, ohne daß man die geheime Druckerei entdecken könne. Große Angst verursachte aber das Gerücht, vor der Kasan'schen Kathedrale auf dem Newsky-Prospekt habe man Briefe gefunden, welche die Drohung enthielten, man werde den Winterpalast und die Kasan'sche Kathedrale in die Luft sprengen. a

Manche wagten gar nicht mehr, diesen Gebäuden nahe zu kommen. Viele, sehr Viele aber gingen auf der Straße stets rasch ihres Wegs, weder rechts noch links blickend, ängstlich jeden Gruß vermeidend und waren sehr wenig erfreut, wenn sie dennoch von einem Bekannten gegrüßt oder gar angeredet wurden.

Denn, wer konnte wissen, ob dieser nicht auch schon zu den Verdächtigen gehörte, und sie damit selbst auch anrüchig machte. Vielleicht hatte er mit seiner unnützen, unverzeihlichen Schwatzhaftigkeit eben erst, ohne es zu wissen, mit einem Nihilisten gesprochen und konnte so Jeden unglücklich machen, mit dem er darauf wieder redete. Vielleicht wurde er schon von früher her beobachtet, und verbreitete so die Anrüchigkeit immer weiter. So ein Verdächtiger wird doch früher oder später jedenfalls einmal festgenommen, es wäre daher besser, man würde ihn

wenigstens nicht Andere auch noch unglücklich machen. So ungefähr war die Ansicht solcher ängstlichen Gemüther, und leider hatten sie damit zum Theil recht.

Doch nur dem Einheimischen waren solche Verhältnin Rbe kannt, nur dem Eingeweihten war das gedrückte Wesen der auf dem Newsky-Prospekt wogenden Menschenmasse sichtbar. Für den Fremden war er in der That wie immer ein merkwürdiger Anblick, ein seltenes, mannigfaltiges Schauspiel, dieser unaufhörliche Menschenstrom. Da waren die zahlreichen Uniformeu des Heeres, der Marine, der Beamten, größtentheils malerisch und kleidsam, da waren die langzöpfigen Chinesen, mit tiefem Ernst auf den ziemlich häßlichen Gesichtern, dann schlanke Lesghier und andere Bergbewohner aus dem Kaukasus mit ungeheuren Pelzmützen und langen oft recht elegant gearbeiteten Leibröcken, auf der Brust mit kleinen Patrontaschen benäht, da waren Grieihen, dann Türken, kleine Armenier mit listigen Gesichtern, Perser, Turkmenen und andere Orientalen, welche sich ohne Skrupel unter die Ungläubigen mischten, da waren aber auch echte Peters⸗ burger, mit mehr oder weniger Eleganz in kostbares Pelzwerk gehüllt. Unglaublich ist aber der Luxus, der darin oft getrieben wird, und wer in Petersburg eine gewisse Stellung einnehmen will, wird nicht umhin können, tausend Rubel für einen Pelz⸗ paletot zu opfern. Noch kostbarer ist oft das Pelzwerk vom blauen Fuchs, Hermelin, Skongs, welches die vornehme Damen welt schmückt, und meist unsinnige Summen kostet. In, sogar Schlittendecken von feinem Pelzwerk, welche dem reichen Besitzer ein kleines Vermögen kosteten, gehören zum guten Ton. Ebenso gehört auch zum guten Ton ein bärtiger Kutscher von imposanter Korpulenz. Dergleichen Leute sind sehr gesucht und werden schon für ihr ansehnliches Format gut bezahlt. Ist etwas Der⸗ artiges aber etwa nicht zu finden, so begnügt man sich eben mit einem gewöhnlichen Iwan, derselbe muß sich dann aber bequemen, noch eine überflüssige Anzahl Jacken und Binden unter seinen Kaftan zu nehmen, bis sich seine Gestalt der Kugel form nähert und damit dem ästhetischen Gefühl des Herrn und demguten Ton der Mode entspricht als sprechendes Bild der Ueppigkeit in dem Hause, dem er dient.

(Fortsetzung folgt.).

Das Orakel der Sulvesternacht.

Erzählung von A. Brüning. (Fortsetzung.) Die Stunde der Mitternacht war mittlerweile herangerückt. Die Gesellschaft sammelte sich in bunter Reihe um den großen Tisch, auf welchem Alles zum Bleigießen vorbereitet war. Man

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