sonst Niemand weit und breit.
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Entsetzt trat Karpow an das Bett.
„Ist der Arzt noch nicht gekommen, Wera?“ fragte eine ältere Dame, welche in diesem Augenblick. in's Zimmer trat.
„Nein, Mama, aber er wird gewiß noch heute kommen. Er sagte, heute werde Maxim Petrowitsch wahrscheinlich erwachen.“
„Das gebe Gott! Mich beunruhigt diese lange Ruhe und Bewußtlosigkeit mehr, als seine wilden Phantasien am ersten Tage.“
„Aber ein Freund von Maxim Petrowitsch ist gekommen, Mama,“ bemerkte Wera,—„hier Herr... 9
„Entschuldigen Sie, meine Damen,“ sagte Karpow mit höf⸗ licher Verbeugung,—„daß ich in der Bestürzung ganz vergaß, mich Ihnen vorzustellen,— Wladimir Nikolajewitsch Karzow. Ich kam, um Maxim zu besuchen, wie ich ihm gestern Abend versprochen hatte, und nun finde ich ihn so...
„Als Freund von Maxim Petrowitsch sind Sie uns herzlich willkommen! Sie können noch nicht wissen, wie sehr wir ihm zu Dank verpflichtet sind. Doch meine Tochter Wera soll Ihnen selbst erzählen, was ihr begegnet ist.“
„Wie? Auch Ihnen mein Fräulein?“ rief Karpow gespannt. —„O bitte, erzählen Sie!“
„Ach, es war entsetzlich!“ rief Wera schaudernd.—„Doch hören Sie! Auf dem Heimweg von meiner verheiratheten Kousine, welche jenseits der Fontanka in der Iwanowskaja wohnt, war ich schon in die Nähe des großen Theaters gekommen. Ich hatte mich ohne meine Schuld verspätet und mußte ohne Begleitung den Weg antreten. Der Vollmond beleuchtete hell das Theater— gebäude und ich war froh, bald zu Hause zu sein. Da bemerke ich hinter mir zwei Männer, welche sich raschen Schritts mir näherten. Die Angst beschleunigte meine Schritte, mit aller An— strengung suchte ich aus ihrer Nähe zu kommen, jedoch ver—⸗ gebens, die Entfernung nahm immer mehr ab. Mein Weg lag im tiefen Schatten, denn er führte längs der Häuserreihe hin, welche dem Theater gegenüber liegt und ich fürchtete doppelt ein Zusammentreffen mit den Unbekannten an dieser dunkeln Stelle.
„Endlich erreichte ich den Newsky-Prospekt, welcher in seiner ganzen Breite vom hellen Licht des Vollmondes übergossen war. Die beiden Männer waren nicht mehr zu sehen, ganz ver— schwunden, als fürchteten sie sich, in das helle Licht heraus— zutreten. Ich athmete wieder auf, überschritt rasch den Newsky und bog in den Bitjeny-Prospekt ein, welcher gleichfalls wieder auf der einen Seite in tiefem Schatten lag. Nur noch wenige hundert Schritte hatte ich bis nach Hause. Ich sah weit hinter mir eine hohe Gestalt vom Newsky her in die Straße einbiegen,
„Da plötzlich, als ich an dies kleine Quergäßchen kam, finde ich mich den beiden Männern gegenüber, welche mich an der Ecke erwartet hatten. Vor Schreck war ich unfähig, mich von der Stelle zu rühren oder einen Ruf auszustoßen.
„Diese ist's,“ sagte eine Stimme, die ich unter Tausenden wiedererkennen würde,—„mach' rasch.— Halte still, mein Täubchen, sei nicht ungeberdig, sonst wird Dir's schlecht ergehen.“
„Ein dickes großes Tuch wurde mir über den Kopf geworfen
und so fest zusammengebunden, daß ich kaum athmen konnte. Zwei oder drei Mal konnte ich nach Hilfe rufen, dann fühlte ich mich an beiden Armen fortgezogen, trotz meines verzweifelten Sträubens.
„Plötzlich hörte ich einen Ruf nicht ferne, dann näher, schnelle Schritte näherten sich, ich fühlte einen Stoß, dann wurden beide Hände losgelassen. Darauf hörte ich einen gräulichen Fluch und gleich darauf flüchtige Schritte, die sich rasch entfernten.
„Fürchten Sie sich nicht mehr, mein Fräulein,“ sagte eine wohlklingende Stimme, und als das gräuliche Tuch mir vom Kopf genommen wurde, sah ich einen hochgewachsenen jungen Mann in feiner Kleidung vor mir stehen. Jetzt erst brach ich aus Angst in heftiges Weinen aus, und war nicht im Stande, ihm zu antworten, als er sich erbot, mich nach Hause zu ge— leiten und nach meiner Wohnung fragte. Es war mir ganz und gar unmöglich, ein Wort herauszubringen und vergebens bemühte ich mich, meinen Thränen Einhalt zu thun.
„Da plötzlich sah ich, nach ihm aufblickend, wie ein Mensch
Newsky zu besitzen, sich einzuordnen in die lange Reihe von
Kunstsinn, dem Reichthum, dem verfeinerten Geschmack, dem Luxus
mochte ich auszustoßen, da hatte schon ein Schlag das Haupt meines Retters getroffen und er war bewußtlos zusammen⸗ gebrochen.
„Außer mir vor Angst und vor Wuth über den heimtückischen Mörder und fest entschlossen, nicht nochmals in die Gewalt der Verbrecher zu fallen, schrie ich wie rasend um Hilfe. Es wurde laut in der Straße, da und dort öffnete sich ein Fenster, eine Hausthüre, der Mörder schleuderte sein Brecheisen, das er in der Hand hielt, nach mir, daß es sausend über meinen Kopf hinweg⸗ flog, und ergriff die Flucht.
„Ich bückte mich nach meinem Retter und unterstützte sein blutiges Haupt. Sein Gesicht war mir etwas bekannt, ich glaube, es öfters gesehen zu haben.
„Mehrere Leute näherten sich, und der Dwornik?) unseres Hauses erkannte den jungen Mann als einen Studenten der Medizin, der im Hause wohnte, eine Treppe tiefer als wir. Er wurde auf sein Zimmer gebracht und man sandte nach einem Arzt. Inzwischen hatte ich meine Mutter geweckt, und wir brachten die Nacht am Lager des Verwundeten zu. Der Arzt erschien, machte einige Anordnungen und erklärte den Fall für sehr bedenklich. Indessen konnte er noch nicht sagen, ob unmittelbare, ernste Gefahr vorhanden sei.“
„Nun und wie hat er die Nacht zugebracht?“ sich wie aus einer Erstarrung erholend. „Anfangs lag er still, doch später wurde der Kranke sehr unruhig und sprach auch zuweilen von einer Ireue Paulowna und von einem Wladimir.“
„Und wo haben Sie das Tuch gelassen, das man Ihnen um den Kopf gebunden hatte? Es könnte zur Entdeckung der Thäter wichtige Dienste leisten.“
„Es ist wohl verwahrt. Mama will es der Polizei über— geben und ihr Anzeige von dem Ueberfall machen.“
„Sie sehen,“ sagte Wera's Mutter, Frau Uschakow,„Ihr Freund ist in sicherer Obhut; denn er hat den höchsten Anspruch auf unsere Dankbarkeit. Doch wird es mich freuen, Sie öfter hier zu sehen, wenn Sie Ihren edlen Freund besuchen kommen.“
Tief ergriffen erhob sich Karpow und schied mit der Bitte, die Sorge um den Kranken mit den Damen theilen zu dürfen.
fragte Karpow,
IV. Geheimnisse von St. Petersburg.
Der Newsky-Prospekt in St. Petersburg ist eine jener groß— artigen Pulsadern, wie sie keine unserer modernen Riesenstädte entbehren kann. Was die Champs Elysées für Paris, die Linden für Berlin, Regent street für London, das ist für Petersburg der Newsky-Prospekt, ja noch wichtiger, denn mehr als jene hat er eine centrale Lage, durchschneidet er die ganze Stadt. Die Linden in Berlin übertrifft er weit an Länge, denn vom Admiralitäts⸗ platz an der Newa ausgehend, durchschneidet er die Stadt ihrer ganzen Breite, nach rechts und links große Verkehrsstraßen in sich aufnehmend und reicht, Werste weit nach Süden hin sich er⸗ streckend, bis zu dem berühmten Alexander-Newsky-Kloster mit seinen wunderthätigen Heiligenbildern.
Der Newsky-Prospekt ist Gegenstand der Sehnsucht von Millionen. Alles, was in Rußland lebt, wünscht, wenigstens einmal ihn gesehen und beschritten zu haben, hoffend, dann auch zugleich des Kaisers Angesicht schauen zu können, der für das Volk ein überirdisches, mythenhaftes Wesen ist. Auch der Ehr⸗ geiz strebt nach dem Newsky-Prospekt. Denn vielen Tausenden ist es das Ziel aller Wünsche, einmal ein Magazin auf dem
glänzenden Läden, welche dem Luxus nicht nur der Riesenstadt, sondern auch des ungeheuren Weltreichs dienen wollen. Und in der That, ein Reisender, welcher etwa mit dem Dampfer in Petersburg ankommt und Rußland nach dem Newsky-Prospekt beurtheilen wollte, müßte eine hohe Meinung erhalten von dem
und der Bildung seiner Bewohner. Es ist wie eine großartige, permanente Weltausstellung, die Erzeugnisse europäischer Industrie neben den Produkten des fernen Ostens, Persiens, Indiens,
sich hinterrücks herbeischlich. Nur einen einzigen Schrei ver⸗„) Portier.
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