Ausgabe 
15.1.1888
 
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ist eine Welt für sich, es birgt eine Mannigfaltigkeit von Typen,

Beilage

Oberhessischen

zu den

Uuchrichten.

geder Nachdruck aus dem Inhalt vieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Ur. 3.

Gießen, den 15. Januar.

Vor dem Sturm.

Roman aus dem modernen russischen Leben von A. L. Berthoff. (Fortsetzung.)

III. Treue Freundschaft.

Ppät am Morgen nach dem Ball beim Staatsrath Welikanow erwachte Karpow. Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Wenn sie auch nicht vermochte, die Gewalt des starren Frostes zu brechen, wenn auch ihre Strahlen, sonst der Quell alles Lebens, den eisigen Hauch des grimmigen Winters nicht über winden konnten, so goß sich doch ein Meer von Licht und Wonne aus über die schlafende Natur.

Karpow erinnerte sich sogleich des Versprechens, das er dem Freunde gegeben. Seit acht Jahren kannte er Maxim fast nur im Zustande wilden Schmerzes um den verlorenen Vater, in stillem, eifrigem Studium Vergessenheit suchend, dann wieder in fieberhafter Erregung eine trügerische Spur verfolgend in der vergeblichen Hoffnung, den Verlorenen zu finden. Er wünschte Maxim noch ungestört zu sprechen vor seiner nahe bevorstehenden Abreise und machte sich deshalb noch vor Mittag auf den Weg.

Das Haus, in welchem Maxim wohnte, war eine jener enormen Miethskasernen, wie sie Petersburg eigen sind. Häuser, welche ein ganzes Stadtviertel umfassen, mit drei, vier Höfen, welche immer wieder durch große fünfeckige Quergebäude ab geschlossen werden, mit tausend, ja bis dreitausend Einwohnern, sind in der nordischen Residenz nicht selten. Ein solches Haus

Figuren, eine Stufenleiter von Charakteren bis zur äußersten Verworfenheit herab, wie sie keine Phantasie erdenken kann. In seinen Mauern haust der Spekulant, der reiche Wucherer, der in der fürstlich eingerichtetenBel-Etage dem Luxus fröhnt, und die arme Wittwe, die in ihrem Dachstübchen sich mit erstarrten Fingern abmüht, für ihre Kinder ein kärgliches Brod zu ver dienen. Auch der Beamte führt hier seine sparsame Existenz, ebenso der solide Geschäftsmaun, der Arzt, und eine Unzahl von einzelnen Zimmern beherbergt Kommis, Nähterinnen, Hand arbeiterinnen, Handwerker und nicht selten fanden sich auch geheime Druckereien und Absteig-Quartiere der Nihilisten in solchen Häusern, deren genaue Ueberwachung fast unmöglich ist.

Maxim's Wohnung befand sich in einem Quergebäude des ungeheuren Hauses. Es war ein mittelgroßes Zimmer mit zwei Fenstern, durch welche die helle Januarssonne ihre noch un mächtigen Strahlen sandte. An der einen Wand ein Schreib tisch, mit Büchern und Papieren in ziemlicher Unordnung be deckt. Nächst der Eingangsthür stand ein ziemlich großer Schrank und dem Schreibtisch gegenüber an der andern Wand ein eisernes Bett, mit einem Teppich davor. An den Wänden waren Bilder und Photographien. Das Ganze machte keinen ärmlichen, aber einen nur wenig behaglichen Eindruck, wie dies von einem

Studentenquartier nicht wohl anders zu erwarten ist. In der Mitte des Zimmers stand ein größerer Tisch, bedeckt mit Flaschen, Tellern mit Eisstücken, Schüsseln und allerlei Geräthe. Vor dem etwas altmodischen Spiegeltisch, der zwischen beiden Fenstern angebracht war, saß ein junges Mädchen, mit einer Handarbeit emsig beschäftigt, daß sie nur selten einen flüchtigen Blick durchs Fenster oder nach dem Bett hin richten konnte, auf welchem Maxim noch immer regungslos lag.

Ihre regelmäßigen Züge hatten etwas sehr Einnehmendes, ihr Gesicht bildete ein selten schönes Oval und sie hätte für eine vollendete Schönheit gelten können, wenn nicht zuweilen ihr seltsam harter Blick den Eindruck gestört hätte. Wenn sie die Augen aufschlug, in Augenblicken der Erregung oder selbst nur des Nachdenkens, so war es wie das Blinken blanken Stahls.

Wo man solchem Blick begegnet, erkennt man ihn leicht als die Folge einer rauhen Jugend, welche frühzeitig das junge Herz stählte, ein Vortheil im ferneren Kampf um's Dasein, der theuer bezahlt wurde mit dem Verlust der tausendfarbigen Illusionen und Freuden der harmlosen Kindesseele.

Schlicht und einfach war ihr Anzug, den aber ein Hauch von Grazie und Geschmack der kostbarsten Toilette gleichstellte.

Karpow trat rasch in Maxims Zimmer ein. Er hatte von außen kein Geräusch im Zimmer gehört und war begierig auf das Vergnügen, den Freund noch aus dem Morgenschlummer aufzuschrecken. Beim Anblick der jungen Dame, welche ver⸗ wundert aufblickte, blieb er überrascht stehen.

Entschuldigen Sie, mein Fräulein, sagte er verwirrt. Mein rasches Eintreten muß Ihnen wohl seltsam erscheinen. Gewiß habe ich mich in dem großen Gebäude um ein Stockwerk versehen.

Wen suchen Sie? fragte sie mit gedämpfter Stimme.

Meinen Freund, Maxim Marlitzky, erwiderte Karzow etwas zuversichtlicher, denn er erkannte das Innere von Maxim's Zimmer wieder.

Er wohnt hier. Bitte treten Sie ein, wenn Sie ein Freund von ihm sind, erwiderte das Mädchen halblaut mit einer einladenden Handbewegung.

Unwillkürlich beeinflußt durch ihre leisen Worte trat Karpow geräuschlos in's Zimmer.

Aber erlauben Sie mir, Karpow.

Wo Ihr Freund ist? Wissen Sie nicht, was ihm in letzter Nacht zugestoßen?

Um Gotteswillen! Kein Wort!

Ach! Dort liegt er, schwer verwundet!

zu fragen, begann

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