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rief nach der Tochter des Hauses.„Kommen Sie, wir werden vermißt,“ flüsterte sie, mich hastig mit sich fortziehend.
Als wir herantraten, war das Gespräch— ich weiß nicht mehr, durch welchen Zufall— gerade auf Hero und Leander gekommen. Der Sturm schien eben jetzt seinen Höhepunkt er⸗ reicht zu haben; unheimlich klang sein Pfeifen und Heulen, unter⸗ mischt mit dem dumpfen Brausen des Wassers in den fröhlichen Lärm der Unterhaltung hinein.
„Gut, daß in dieser Nacht kein Leander über den Fluß zu schwimmen braucht,“ bemerkte einer meiner jüngeren Kameraden, indem er sich behaglich in seinen Sessel zurücklehnte.
„Glaube auch kaum, daß er lebendig zu seiner Hero kommen würde, Herr Kamerad!“ schnarrte ein Anderer mit näselnder Stimme.
„Mein Gott, Komtesse, wie bleich Sie sind! Ist Ihnen nicht wohl?“ rief plötzlich eine der Damen, auf Komtesse Wladislava blickend.
Dieselbe war in der That weiß, wie die Blumen in ihrem Haar. Ich, der ich neben ihr saß, hörte auch deutlich, daß ihre Zähne wie im Fieberfrost aufeinanderschlugen.
Aller Augen richteten sich auf sie. Auch Graf Szariszow blickte unruhig auf seine Tochter.„Was fehlt Dir, Wlada? Du siehst nicht gut aus, mein Kind,“ sagte er, die Worte mit einem Blick begleitend, der mir eine Mahnung zu enthalten schien. Die Komtesse strich mit der schlanken Hand über die Stirn. „Es ist nichts, nur ein leichter Schwindel, der schon vor— übergeht,“ sagte sie, sich zum Lächeln zwingend.„Wahrscheinlich eine Folge des Tanzes von vorhin; die Herrschaften brauchen sich derum nicht im Geringsten zu beunxuhigen.“
an seinen Nachbar.„Nicht wahr, Komtesse? Die Vorstellung eines in den Fluthen versinkenden Leanders, die wir leichtsinnig heraufbeschworen, hat Ihr weiches Herz allzu sehr erschüttert?“
Er lachte selbst aus vollem Halse über den kapitalen Witz, den er nach seiner Meinung gemacht, und die Gesellschaft that ihm den Gefallen, darin einzustimmen. Auch Komtesse Wladislava
ihre Glieder schüttelte.
mit dem Bleigießen zu beginnen. ich laut über den Tisch.„Eh bien! Bereiten wir uns vor, einen Blick in die Zukunft zu thun!“
Mit Jubel wurde die Mahnung aufgenommen. Ein Jeder Gleich darauf hielt Jeder eine kleine Pfanne in der Hand, unter der eine Spiritusflamme brannte. Daneben stand für Jeden ein Gefäß mit Wasser.
„Jetzt, Achtung, meine Herrschaften!“ belehrte ich mit krampf—
hafter Lustigkeit.„In dem Augenblick, wo die Uhr zum Schlage aushebt, läßt ein Jeder sein siedendes Blei in die Schüssel
laufen und das Orakel ist fertig. Ich wünsche, daß es aller—
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seits ein Erwünschtes sein möge!“
Tiefe, fast feierliche Stille herrschte jetzt im weiten Saale. All' die übermüthig blitzenden Augenpaare waren erwartungs— voll auf das Zifferblatt der Uhr gerichtet. Mein Blick fuhr unwillkürlich zu Komtesse Wladislava hinüber. Sie war ge— spenstisch-bleich, große Tropfen perlten auf ihrer Stirn, während ein Schauer nach dem andern ihren Körß, durchflog. War sie abergläubssch? Es schien so, denn sie zog plötzlich die Hand, welche die Pfanne hielt, vom Feuer zurück. Sie fürchtete sich offenbar vor dem Orakel.
Auch die Andexen hatten das jetzt bemerkt.
„Ah, Komtesse wollen sich ausschließen?“„Das gilt nicht!“ „Das kann nicht zugegeben werden!“ so schwirrte es durchein— ander, und unter dem allgemeinen Entrüstungssturm blieb der also Ueberfallenen nichts anderes übrig, als den Zauberapparat wieder aufzunehmen.
Jetzt— der große Moment war gekommen: langsam und feierlich hallten die zwölf Schläge durch den Saal und a tempo floß zischend aus jeder Pfanne das flüssige Blei in die Schüsseln. In das Jubeln und Lachen, welches das Erkennen und Errathen der in den letzteren enstehenden Figuren begleitete, tönte plötzlich
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warfen gespenstischen Schein auf das schöne, todtbleiche Antlitz, „Ich glaube, wir beide sind Schuld, Herr Kamerad,“ wandte sich der mit der näselnden Stimme in komischer Zerknirschung
lachte mit den Uebrigen, aber ich sah, wie ein leiser Schauer
Ich wollte der Qual ein Ende machen, indem ich vorschlug, „Es ist gleich zwölf!“ rief
bemächtigte sich voll Eifer der vor ihm stehenden Geräthschaften.
ein kurzer, schriller Aufschrei. Er kam von Wladislava's Lippen, und zugleich sahen wir sie todtenbleich, geschlossenen Auges, gegen die Lehne ihres Sessels sinken.
Alles sprang erschrocken von den Sitzen auf. Die zunächst Sitzenden warfen scheue Blicke in die vor der Bewußtlosen stehende Schüssel.„Wie seltsam— ein Sarg. flüsterte mit leisem Schütteln eine der Damen.„Hm, ja, wahrhaftig!“ bestätigte der Lieutenant mit der näselnden Stimme,„fataler Zufall, hm!“
Man bemühte sich um die Leblose. Graf Szariszow, der sogleich auf sie zugetreten war, beugte sich über sie, während er die Gesellschaft, die verstohlene Blicke tauschte, bat, sich durch den kleinen„Zwischenfall“ nicht stören zu lassen. Seine Tochter sei ja schon den ganzen Abend nervös gewesen, sonst würde der Streich, den ihr der Zufall gespielt, nicht solchen Eindruck auf sie gemacht haben. Es sei auch jedenfalls nur eine momentane Betäubung, die gewiß schnell vorübergehen werde.
„Darf ich um Ihre Hülfe bitten, Herr Lieutenant?“ wandte er sich an mich, der ich stumm und verstört in der Nähe stand. „Ich denke, wir tragen sie einen Augenblick an die frische Luft, dort wird sie sich am schnellsten erholen.“
Natürlich war ich bereit, und so brachten wir die Bewußt— lose auf eine rund um den Saal laufende verdeckte Gallerie, wo wir sie in einen der gruppenweise vertheilten Sessel gleiten ließen.
Ein kalter Luftzug wehte uns entgegen und ließ die von farbigen Glocken geschützten Lampen, welche an metallenen Ketten von der Verandadecke herniederhingen, heftig aufflackern. Sie
das regungslos an der dunklen Holzlehne lag. Der Graf schauerte fröstelnd zusammen. „Ich fürchte, meine Tochter wird sich hier erkälten in dem leichten Gewande,“ sagte er.„Ich eile, mir von ihrer Zofe einen Mantel für sie geben zu lassen; bleiben Sie ihr indeß zur Seite, ich bin sogleich zurück!“ Und mit hastigen Schritten eilte er davon. Ich stellte mich vor die Bewußtlose, mit meinem Körper sie vor der eindringenden Kälte zu schützen. Mein Herz schlug wild unter der Angst und qualvollen Spannung des Augenblicks. Wladislava glich völlig einer schönen, geschmückten Leiche. Bei ihrem Anblick ergriff mich plötzlich glühend und unwider— stehlich das Verlangen, ein Mal, nur ein einziges Mal meine heißen Lippen auf diesen holden, blassen Mund zu drücken. Ich weiß nicht, ob ich, der ich sonst keine abergläubische Regung gekannt, dennoch unter dem Einfluß des unheimlichen Orakels stand, genug, ich hatte in jenem Moment das unabweisbare Ge— fühl, daß es das Antlitz einer dem Tode Geweihten sei, das da unter dem Wasserrosenkranze in bläulicher Weiße hervorschimmerte. — Rasch, als könnte es zu spät werden, beugte ich mich herab; aber ehe noch meine verlangenden Lippen die ihren erreicht, fuhr abermals heulend ein Windstoß daher, der die Wellen des Flusses gegen das nahe Ufer warf. Meinen aufgeregten Sinnen klang es fast, als riefen die Wasser in zorniger Ungeduld nach einem Opfer. Da— ktäuschte ich mich! oder mischte sich in die brausenden Naturstimmen wirklich noch ein anderer— ein menschlicher Laut? Es hatte mir geklungen wie ein gedämpfter, langgezogener Pfiff,— war es nur der Schrei eines Wasservogels gewesen? oder vielleicht ein Signal meines Nebenbuhlers zum Stelldichein? Der Gedanke durchblitzte mich wie mit körperlichem Schmerz und weckte auf's Neue in meiner Brust einen glühenden Haß gegen den Tollkühnen da draußen auf den Wellen. Der Wunsch, daß sie ihn verschlingen möchten, schoß mit jäher Gewalt durch mein fieberndes Hirn. Ich glaube, fast haßte ich in diesem Augenblick auch sie, Wladislava, die, als ob jener Ton die Kraft gehabt, ihre Betäubung zu durchdringen, plötzlich mit einem zitternden Seufzer die Augen aufschlug und verstört um⸗ her blickte. Im nächsten Augenblick schauerte sie zusammen und brach, die Hände vor das Antlitz schlagend, in konvulsivisches Weinen aus. Der Anblick ihrer Thränen brachte allsogleich eine Wand⸗ lung in meiner Stimmung hervor: mein eben noch so wild empörtes Herz fühlte wieder nichts als zärtliches Mitleid für sie. 0


