Ausgabe 
14.10.1888
 
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trug sie behutsam ins Schlafzimmer.

leise richtig.

ihre Tochter so fein ausbilden ließe. Das ist sie. Nun, etwas besser gefällt sie mir deshalb, weil sie ihre Mutter liebt.

Sie nahm die kleine, schlafende Jancia auf ihren Arm und Das kleine Mädchen er⸗ wachte und fragte im Halbschlummer nach ihren Blumen. Bei dem matten Lichte der kleinen Nachtlampe entkleidete Anna ihr Töchterchen, bettete dasselbe sanft in das kleine, mit hübschen Stickereien verzierte Bettchen und heftete an das Kopfkissen der

Kleinen den Blumenstrauß. Jancia griff nach den Blumen, preßte

sie in ihre Händchen und schlief wieder ein. Anna kehrte in's Eßzimmer zurück, schloß vorsichtig die Thür, damit das Geräusch der Nähmaschine den Gast nicht störe, und fing an zu nähen. Sie nähte an einem Kinderkleidchen und war dabei so sichtbar fleißig, aber bald fiel ihre Hand, welche die Kurbel der Maschine bewegte, schlaff herab, und sie versank in ein tiefes Nachdenken. Irgend etwas bedrückte ihr Herz sie machte eine abwehrende Bewegung.

Ach, woher sollte so etwas kommen, flüsterte sie,so schnell, nach so kurzer Zeit!

Doch immer lebhafter wurden ihre Gedanken.

In der That, sie ist schön, fein und klug

Nachdem sie eine Weile hin und her gedacht, flüsterte sie mit triumphirendem Lächeln:und dennoch bin ich Gattin, seine Gattin und die Mutter seines Kindes.

Dann nähte sie weiter. f g

In demselben Augenblicke hielt Herr Mirewicz beide Hände seiner Kousine in den seinigen, schaute ihr innig in die Augen und sagte leise:ich begreife nicht, Paula, wie Du bei Deiner Schönheit, Deinem Geiste, Deiner Energie und Deinem Charakter, welchen Du so reizend zu zeigen weißt, bis jetzt unverheirathet bleiben konntest

Halb lächelnd, halb verwundert, machte sie ihre Augen groß auf, so daß sie zwei glänzenden Saphiren glichen.Aber ich war ja verheirathet, mein lieber Jas.

Er sprang verwundert auf.Wie was sagst Du? Bist Du geschieden? Du nanntest mir doch Deinen Mädchennamen?

Weil ich ihn niemals gewechselt habe.

Wie geht das zu?

Indem sie ihn mit weit geöffneten Augen groß anschaute, brach sie in ein helles, herzliches Lachen aus. Allein schnell dämpfte sie den Ausbruch ihrer Lustigkeit und wurde sehr ernst. Die Leute dahier würden es nicht verstehen, sagte sie,aber Du, Jas, wirst mich verstehen. Wir lernten uns kennen und liebten uns und was weiter? Dachten wir denn daran, uns sogleich für das ganze Leben zu binden? Schließlich konnte er sich nicht binden, wenn er es auch gewollt hätte; denn er stammte

aus einer sehr reichen, adeligen Familie, welche es niemals ge⸗

stattet hätte. Und ich war zu einfältig, um über die Folgen nachzudenken, die aus einem solchen Verhältniß für eine Frau entstehen können. Unser Glück dauerte zwei Jahre.

Und dann? fragte Jas hastig.

Und dann, entgegnete sie rubig, indem sie die Hände auf ihrem Schoße faltete und die Augen niederschlug,dann hörten wir auf, Gefallen an einander zu finden, und wir trennten uns.

Herr Mirewicz saß mit niedergeschlagenen Augen schweigend neben ihr. Was er gehört hatte, schien ihm ganz unmöglich zu sein. Wohl hatte er von solch entsagender Liebe, von Schein ehen u. s. w. gehört und gelesen, aber in der Nähe sah sich alles ganz anders an. Von der jungen Dame, welche neben ihm saß, und welche er anbetete, wünschte er nicht, daß sie in dieser Hinsicht eine so gleichgültige Sprache führte. Aus seinen Grübeleien rüttelte ihn Paula's weiches, sanftes Flüstern.Was meine Vergangenheit angeht, sagte sie,so bedauere ich nur meine arme Regina Victoria

Welche Regina Victoria?

Mein Töchterchen.

Herr Mirewicz sprang wie elektrisirt von seinem Sessel auf, und nach einem minutenlangen, peinlichen Stillschweigen fragte er mit verschleierter Stimme:und was ist mit ihr geschehen? Sie starb, in meinen Armen starb sie, flüsterte Paula ganz und führte ihr Taschentuch an die Augen. Sie weinte auf⸗

Mirewicz maß mit unruhigen, schnellen Schritten mehrmals das Zimmer, dann blieb er, noch immer erregt, aber doch schon ein wenig versöhnt, vor seiner Kousine stehen.

Paula, ich danke Dir für das Vertrauen, welches Du mir entgegengebracht hast. Deine Wahrheitsliebe und Deine Auf richtigkeit rechne ich Dir sehr hoch an. Ja, so ist es, der Mensch muß auf sein Thun nnd Lassen dreist hinsehen können. Paula, Du bist ein außerordentliches Weib.

Mit flammenden Wangen beugte er sich zu ihr herab und küßte ihr die Hände. Sie drückte aber tief bewegt ihre Lippen auf seine heiße Stirn. Dieser Kuß verwirrte Mirewicz und weckte in seinem Busen andere Gefühle. Er zog ihre beiden Hände an seine Brust und flehte:reise nicht so schnell wieder fort!

Ich will sehen, entgegnete sie leise,ich will sehen vielleicht hierauf sah sie sich lebhaft um und rief:ich fühle, daß ich sehr angegriffene Nerven habe. Ich möchte gern spielen aber hier ist kein Pianoforte

Spielen? Ach, ich sehne mich so sehr nach schöner Musik, und Du mußt herrlich spielen! Morgen schon wirst Du ein Piano⸗ forte haben. O welch ein Glück! N

Die Anwesenheit der Kousine verursachte Frau Anna großen Kummer. Sie hatte am nächsten Morgen mit Hilfe ihres Dienst⸗ mädchens den Frühstückstisch gedeckt, der dampfende Samowar stand bereits auf demselben, doch Paula schien von den Strapazen der Reise sehr ermüdet zu sein und schlief deshalb lange. Ihr Gatte empfing vom frühen Morgen an seine Klienten, welche in Schaaren zu ihm strömten, wie zum Ablaß, und Anna hörte ihn durch die offene Thür so ruhig und so überlegen sprechen, daß sie sich nicht oft genug sagen konnte, was für einen gebildeten Mann sie habe, den klügsten und besten Mann, den es über⸗ haupt auf der Welt gäbe. Und dennoch schien ihm sein Beruf nicht zu gefallen; in seinem Gesichte bemerkte man einen Zug von Widerwillen und Gezwungenheit. Nach Verlauf von einigen Stunden kam er mit ausdruckslosen Augen und umwölkter Stirn allem Anscheine nach schlecht gelaunt in das Eßzimmer. Aber schnell veränderte er sich, gerade als wenn eine Zauberin ihn mit ihrem Stabe berührt hätte; sein Gesicht strahlte vor Zufrieden⸗ heit und Heiterkeit. Gegenüber der jungen Frau, die ein dunkles Kleid und eine weiße Schürze trug, saß Paula am gedeckten Tische. Ihr Haar war, wie gestern, frisirt, die goldenen Locken fielen auf ihre Stirn herab, und ihren schönen Körper umgab ein weiter, faltiger und blendend weißer Morgenrock, mit kostbaren Stickereien garnirt, unter welchem die zierlichen, mit mattblauen Strümpfen und feinen Pantöffelchen bekleideten Füße sichtbar wurden. Als Mirewicz zu ihr sich niederbeugte, um ihre Hand zu küssen, strömte ihm aus ihrem Peignoir ein fast betäubender Veilchenduft entgegen. Er setzte sich neben seine Kousine und verschlang sie fast mit seinen Blicken, und in den Blicken konnte man lesen, daß dieses Weib in dem weißen Morgen rocke und mit den zierlichen Pantöffelchen für ihn die Ver⸗ wirklichung seiner Träume zu sein schien.

Weißt Du, Jas, ich habe mich entschlossen, noch länger zu bleiben, als ich anfangs beabsichtigte acht bis vierzehn Tage vielleicht. Ich kenne Ongrod noch gar nicht, ebenso wenig die Gesinnung und die Lebensweise der hiesigen Bevölkerung. Ein Mensch, welcher denkt, soll keine Gelegenheit versäumen, um seine Kenntnisse zu bereichern.

Hier herrscht ein Chaos, ein Durcheinander von Sprachen, Kousinchen, in welches Du Ordnung und Vervollkommnung bringen kannst, scherzte er.

Sie verstand sich schön zu kleiden und gut sich auszudrücken, trug weiße Peignoirs und studirte die Menschen das war ihm das Ideal eines Weibes, das ihm in der begrenzten Sphäre seiner engen Verhältnisse bislang noch nicht begegnet war. Er dankte seiner Kousine herzlich für die Verlängerung ihres Be⸗ suches. Anna hatte unterdessen schweigend dagesessen; ihre Wangen waren bleicher geworden. Schließlich sagte sie:gestern hatten wir eine so große Hitze, und heute regnet es.

Diese Bemerkung war ganz richtig, allein sie stand in gar keinem Einklange mit den letzten Worten des Besuches, so daß die gelehrte Kousine ein leichtes ironisches Lächeln nicht unter⸗

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