Ausgabe 
14.10.1888
 
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drücken konnte; der Gatte zog die Augenbrauen finster zusammen. Doch die arme, sanfte Anna und ihr gutes Herz verdienten solche Behandlung nicht. Wohl hatte sie das Lächeln der Paula und den Unwillen ihres Mannes bemerkt, aber unbeirrt fing sie ein Gespräch an, schilderte die Stadt, die Häuser und die Einwohner und schloß mit dem Bemerken, daß die Miethen jedes Jahr theurer würden, und daß es sehr viele Arme und Unglückliche am Orte gäbe. Letzteres gab Paula Veranlassung, über ökonomisch⸗ politische Dinge zu sprechen, wie über Arbeit und Kapital, über das Verhältniß der Ar⸗ beiter zu den Fabri⸗

Hatte ich doch eine Banknote von fünfzig Mark in meinen Händen! Fünfzig Mark, ich kann es nicht glauben. Wie das Manna in der Wüste, so sind sie mir unerwartet zugefallen. Und für was? Für Stunden, die ich erst geben soll! Natürlich ist das ihr Werk, diese Hülfe in der Noth! Ich bin beschämt, tief beschämt, denn ich muß mir eingestehn, daß sie mir trotz ihres gütigen Entgegenkommens unsympathisch ist, es kann sein, daß Eifersucht die Ursache davon trägt, und auch deshalb ihre Protektion wie ein Nessushemd brennt!

O mein Gott, hilf mir dieses häßliche

kanten u. s. w. Sie sprach beredt und sach verständig und ge brauchte sehr viele Fremdwörter; sie ver stand ja vier fremde Sprachen. Mirewicz beherrschte nicht so viele Sprachen, doch keine war ihm gänzlich fremd, da er fleißig las und studirte. Nach einer Stunde sah er plötzlich auf die Uhr und bemerkte, daß es Zeit sei, auf das Ge richt zu gehen, wo ihn seine Klienten er warteten.

Aber das ist ja Zwang, Jas! rief Paula.Du bist ja nicht eine einzige Stunde Herr Deiner selbst? Nein, das ist ja schrecklich.

Dieses Mal war er verwundert.

Was soll das heißen? fragte er. Kann man etwa an ders handeln, wenn man einen Beruf hat? Du mußtest doch ge wiß auch tüchtig ar beiten, Kousinchen, um das alles zu erlernen, was Du heute weißt?

O ich bin eine Spartanerin! Wie viele einsame und schlaflose Nächte habe ich durchgemacht! Aber es fiel mir nicht schwer das Lernen ist meine Lust.

Ihre Saphiraugen erglänzten, als Mire wicz ihr beim Abschiede die Hand küßte und leise ihr zuflüsterte:was für ein Glück muß es sein, wenn man von der Arbeit nach Hause zurückkehrt und trifft dort ein solch herrliches Weib, wie Du bist!

(Fortsetzung folgt.)

Bulgarin im Festkleide.

8 fich* Am Bflicht und Ehre. Von J. v. Brun Barnow. (Fortsetzung.) Ich betrete wieder mein einsames Zimmer, doppelt einsam, weil mein kleiner befiederter Sänger fehlt! Und jetzt hätte ich ihm lange, lange ein warmes Zimmer schaffen können.

Nach dem Oelgemälde von Professor Anton Weber.

Gefühl bekämpfen. Ich habe ja kein Recht an ihn, und deshalb auch kein Recht zur Eifersucht. Bin ich aber wirklich eifer⸗ süchtig? Ist es Un⸗ recht, wenn ich sie bei allen äußeren Vorzügen, bei aller Liebenswürdigkeit, mit der sie sich meiner hülflosen Lage an⸗ genommen, dennoch eitel und oberflächlich nenne? Wenn ich daran zweifle, daß sie jemals ernst über ihre Pflichten als Hausfrau, Frau und Mutter nachgedacht? Aber woher will ich das Alles schon an diesem einen, einzigen Abend erkannt haben?

Ich fürchte, es sind die bitteren Enttäu⸗ schungen in meinem Leben, die mich so scharf und so kritisch gemacht. sie selbst neben seinem Kinde stehen, als ich auf seinen reichen Weinachtstisch blickte. Alle die schönen, rei⸗ chen Geschenke kamen mir wie eine glän⸗ zende Decke vor, welche über den Ab⸗ grund eines kalten, liebeleeren Daseins ausgebreitetlag. Mit Wehmuth hatte ich dabei in meine eigene,

5 sonnenbeschienene

4 1 Kindheit zurückge⸗ blickt. Da war kein überfüllter Tisch ge⸗ wesen. Da hatte kein Christbaum mit kostbaren Marzipansachen und bunten Glaskugeln gebrannt, da lagen als einziger Schmuck, den Schnee nachahmend, schmale Streifen weißer Watte auf den grünen Tannenzweigen, an denen rothe Pfennigherzen und ver⸗ goldete Nüsse hingen. Die Lichter waren von einfach gelbem Wachs, aber sie hatten den richtigen, weichen, süßen Weihnachts⸗ duft, und unter dem Baume lag eine, von meiner Mutter selbst angeputzte Puppe mit einem festen Porzellankopf. Daneben ein prächtiges Bilderbuch, der Struwelpeter und ein rothwollenes Kleid und gestrickte Handschuhe, alles von den fleißigen Händen der guten Mutter gearbeitet. Am Instrument saß mein Vater und spielte den schönen Choral:O du selige, o du fröhliche

N

Weihnachtszeit, und selig und fröhlich war unsere Feststimmung.

Ich sag