Ausgabe 
14.10.1888
 
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Freilich gewiß, antwortete sie,man hat ja dabei sein tägliches Brot und ist dabei noch voll der Vorurtheile.

Mirewicz erhob sich vom Tische. Der Einwand von Fräulein Josepha bereitete ihm eine sichtbare Bitterkeit, und zwar derart, daß dieselbe sich auf seinem Gesichte bemerkbar machte, als er zu ihr hinüberschaute.

Wir wollen in's Wohnzimmer gehen, Kousinchen!

Seit einer Viertelstunde saß Frau Anna unbeachtet bei Tische; denn seitdem sie aufgehört hatte, zum Essen zu nöthigen, war sie verstummt, und jetzt fiel es ihr ein, daß das Wohnzimmer erleuchtet werden müsse. Das Wohnzimmer war kein großes Ge mach und wurde nur selten benutzt. Die Familie beschränkte sich auf das- und Schlafzimmer und auf die Küche, während Herr Mirewicz sich größtentheils in seinem Arbeitszimmer auf hielt. Gediegene Mahagonimöbel ohne jede Eleganz standen ringsumher; ein Sopha, einige Sessel mit hohen Lehnen, ein Tisch, der mit einer hübschen Tischdecke bedeckt war, und ein großer Spiegel bildeten das ganze Mobiliar. Eine große Lampe und zwei Lichter erhellten das Zimmer nur mäßig. An den Wänden hingen einige werthvolle Kupferstiche, und auf den Fenstern standen blühende Topfgewächse.

Als Paula in dieses Zimmer trat, schaute sie sich überall um, und dann schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen, indem sie rief:Jas, Jas, wie kannst Du nur in einer solchen Umgebung leben? a

Ihre Geste war herzlich und freundschaftlich, und auf ihrem Antlitz malte sich so aufrichtige und herzliche Theilnahme, daß Mirewicz sich tief bewegt fühlte. Er ergriff ihre beiden Hände, führte sie zu einem Sessel und zog einen anderen dicht in ihre Nähe. Während er ihre Hände noch immer in den seinigen hielt und ihr herzlich in's Antlitz blickte, flüsterte er leise:schließlich habe ich doch Jemand gefunden, der mich versteht

Ja wohl, Jas, ich verstehe Dich vollkommen. Wir kennen uns ja seit frühester Kindheit und waren einander stets sympathisch. Du warst immer gut gegen mich, und ich erblickte in Dir stets den Inbegriff der Intelligenz und des Erhabenen.

Eben das macht jetzt mein Unglück aus. Ich verstehe und erstrebe alles, was schön, erhaben und edel ist, und muß mich in dieser häßlichen und dummen Umgebung vergraben. Die Arbeit um das tägliche Brot langweilt mich, und die einsame Lektüre, über welche ich hier mit Niemand sprechen kann, bildet meine einzige Zerstreuung. Herz und Geist erfüllen Unlust, Unzufrieden heit und Bitterkeit.

Thränen traten in seine Augen; Paula hatte ebenfalls feuchte Augen und trocknete sich dieselben mit ihrem feinen Taschentuche. Er ergriff ihre Hände und bedeckte sie mit feurigen Küssen.O schon lange, recht lange empfand ich eine so große Freude nicht, wie heute! seufzte er.Neben mir sitzt ein herrliches Wesen, welches mit mir fühlt und empfindet.

Wiederum führte er ihre Hand an seine Lippen. Sie entriß ihm dieselbe und strich zärtlich und liebkosend, wie eine Schwester, über seine Stirn und seine Haare.

Warum emanzipirst Du Dich nicht, Jas? flüsterten bebend ihre kirschrothen Lippen.Der Mensch soll kämpfen für sein Glück und es nicht von sich werfen niemals, niemals Um irgend einer Sache willen sein Glück fortschleudern, wäre gottlos. Sei energisch und verständig, emanzipire Dich, emanzipire Dich vollständig, mein armer, lieber Jas!

Sie waren ganz allein und konnten ungestört ihren Gefühlen freien Lauf lassen. In dem kleinen Gemache neben dem zimmer saßen unterdessen auf einem einsachen Sopha zwei Damen, von denen die eine ein schlafendes Kindchen auf dem Schoße hielt, während die andere im Begriffe stand, das Haus zu ver lassen; denn sie hatte bereits den Hut auf ihr krauses Haar gesetzt und fing an ihre schwarzen Handschuhe anzuziehen.

Warum bist Du heute so traurig, Analka? fragte sie.

Die junge Frau schüttelte, in trauriges Nachdenken versunken, wehmüthig ihr Haupt.Was willst Du? antwortete sie leise. Kann es mir wohl angenehm sein, wenn ich immer hören muß, daß er sich unglücklich fühlt? Oder vermag es mich etwa freudig zu stimmen, wenn er mit Jemend zusammenkommt und dann ein Gespräch anknüpft, an welchem ich mit keinem Worte mich betheiligen kann? O, Josepha, was für ein großes, bitteres

Weh ist es doch für eine Frau, wenn sie dümmer ist als 3 Mann!

Nun, Du übertreibst. liebste Anna, erwiderte lachend Fräu⸗ lein Josepha.Du bist doch keine Idiotin, und Dein Mann ist kein Genie

Das ist wohl wahr, unterbrach Anna lebhaft die Freundin,

entschuldige meinen Kleinmuth, aber ich weiß es genau, mein Gatte ist sehr klug und gebildet, und ich bin ihm nicht eben⸗ bürtig. Doch Du, liebe Josepba, verstandest ihn eine Zeit hindurch recht gut, und jetzt weichst Du ihm aus. Es ist wirklich schade; denn mit Dir konnte er sich so schön unterhalten. Du bist ebenso gebildet. Was ist eigentlich zwischen Euch vorgefallen, daß Ihr jetzt einander meidet.

Das blasse Antlitz der jungen Dame wurde plötzlich blutroth.

Ich bitte Dich, liebste Anna, zerbrich Dir darüber nicht den Kopf, und bilde Dir ja nichts ein! Nichts, gar nichts ist zwischen uns vorgefallen. Ich habe, aufrichtig gesagt, keine Zeit, um mich mit Deinem Gatten zu unterhalten. Du weißt recht gut, daß ich täglich sieben Unterrichtsstunden gebe und außerdem Helka zum Examen vorbereite, welches Sie in Onwil ablegen soll.

Also wirst Du wirklich fortreisen?

Ganz gewiß; denn länger noch im Hause des Onkels bleiben, das hieße, die Zukunft Helka's vernichten.

Anna umfing sie mit beiden Armen.

Arme Josepha, Du quälst Dich zu sehr und ruinirst Deine Gesundheit, und alles nur um Helka, alles für Helka.

Jene lächelte.

Was willst Du? entgegnete sie lebhaft.Ein jeder Mensch hat sein Steckenpferd, auf dem er reitet. Mein Steckenpferd ist nun der Entschluß, meine Schwester geistig nicht verkümmern zu lassen, sondern sie so zu erziehen und auszubilden, daß sie in jeder Beziehung ein glückliches Weib wird. In Onwil giebt es bessere Lehrer, auch ich will dort noch lernen, und dann

Sie erhob sich, und ihre dunklen, glänzenden Augen blickten träumerisch in die Ferne. Doch schnell erwachte sie aus ihrem Sinnen und reichte Anna die Hand.

Lebe wohl! Gute Nacht! Nächsten Sonntag komme ich wieder zu Dir. Wie süß Jancia eingeschlafen ist! Helka sitzt gewiß wieder über ihren Büchern und zermartert ihr Gehirn ohne mich. Gute Nacht!

Sie ging hinaus. Anna stand vom Sopha auf und durch⸗ schritt langsam das Vorzimmer. Im Gemache ihres Mannes blieb sie zaghaft stehen. Sollte sie eintreten oder nicht! Die

Höflichkeit gegen ihren Gast erforderte es. Aber vielleicht störte

sie die Unterhaltung und erregte dadurch Unzufriedenheit? Sie waren ja dort so vergnügt und so lebhaft.

Kousinchen, Paula, Theuerste, Reizendste, sage mir doch endlich, welch hohes Ziel Du verfolgst!

Jetzt sage ich Dir noch gar nichts. Du erfährst alles, wenn ich abreise.

Abreisen das geschieht doch gewiß nicht so bald? Nicht wahr, Du fährst nicht so schnell wieder fort?

Spätestens in zwei bis drei Tagen. Ich reise zu meiner Mutter, welche sich sehr schwach fühlt; sie hat mir geschrieben, ich möge sofort kommen, wer kann auch wissen, ob sie noch lange leben wird!

Die arme Tante!

Arme Mutter! 1

Tiefe Bewegung machte sich bei diesen Worten in Paulas Stimme bemerkbar. Die junge Frau im Nebenzimmer flüsterte leise:sie ist doch gut sie liebt ihre Mutter. Und dennoch gefällt sie mir nicht.

Und wirst Du dort lange bleiben?

Zwei bis drei Wochen, und dann kehre ich zurück, um Ab⸗ schied von Dir zu nehmen. Dann geht's in die Welt, in die weite Welt meinem großen, geliebten Ziele nach.

Aber welches ist denn Dein Ziel?

Ich erzähle es Dir vor meiner Abreise.

Mit erleichtertem Herzen verließ Frau Anna das Arbeitszimmer ihres Mannes; in das Wohnzimmer ging sie nicht.

Zwei oder drei Tage sind nicht von Belang, flüsterte sie. Dann reist sie fort sie liebt ihre Mutter. Ich erinnere

mich, daß Jas mir einst erzählte, er habe eine Großtante, die

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