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zu den
Oberhessischen UMachrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Gießen, den 14. Oktober.
Seifen een.
Erzählung von Eliza Orzeszko.
Deutsch von Johanna Ruhe.
(Fortsetzung.)
Die hübsche Brünette mit dem edelgeformten, wenn auch blassen und kränklichen Gesicht war sehr einfach, aber geschmack— voll gekleidet; das dunkle Kostüm, welches sie trug, stand ihr ganz vorzüglich. Sie erhob ihre Augen und blickte die fremde Dame mit ihren großen, geistvollen Augen verwundert an, dann setzte sie sich neben Frau Anna und fing an die Kleine zu ver— sorgen, damit ihre Freundin sich ganz und ungetheilt dem Gaste widmen könne. Frau Anna begann denn auch in ihrer Eigen schaft als Wirthin Paula herzlich zu nöthigen, und sie pries ihr jede Speise besonders an. Und Paula aß tapfer; die große Portion Fleisch und Gebäck, welche die Hausfrau ihr auf den Teller legte, verschwand im Augenblicke, und es war wirklich wunderbar, wie eine so hochpoetische Natur einen solchen Bären— hunger an den Tag legen konnte. Das Essen that der Unter⸗ haltung keinerlei Abbruch. Paula sprach immerfort; sie erzählte, wie sie in verschiedenen Hauptstädten als Hauslehrerin fungirt und dann schließlich nur Privatunterricht ertheilt habe. Besonders betonte sie, daß sie drei fremde Sprachen spreche und daher sehr gesucht sei. Allein das Unterrichten langweile sie, und nachdem
sie erkannt, daß sie auch auf anderen Gebieten fortzukommen ver⸗
möge, bedauere sie nur die vielen verlorenen Jahre. Ein anderes, ein höheres Ziel habe sie sich jetzt gesteckt. Indem sie so sprach, kehrte sie sich vollständig zu Johann hin, und nur selten wandte sie ihren Kopf nach Fräulein Josepha hin, um einige Worte mit ihr zu wechseln; denn diese schien ihr mit ihren sinnenden Augen doch noch beachtenswerther, als Frau Anna, die einzig und allein für ihre Wirthschaft lebte. Als Paula von ihren ferneren Zielen sprach, blickte Herr Mirewicz verstohlen und neugierig nach ihr hin. Er wußte recht gut, daß sie damals, als sie die Heimath verlassen, bereits einige zwanzig Jahre zählte. Acht Jahre war sie fort— das war eine einfache Rechnung— Paula mußte bereits über dreißig Jahre alt sein. Die Dame neben ihm sah sehr jugendlich aus; das weiße Lampenlicht fiel voll auf ihr Gesicht und ließ dasselbe thatsächlich jung erscheinen— sie glich einer Zwanzigjährigen. Sollte die Geistesarbeit ihr eine solche Frische verleihen? dachte er bei sich, und unwillkürlich sagte er: „was für eine herrliche Sache ist doch die Geistesarbeit! Wie erhält und kräftigt dieselbe den Menschen! Kousinchen, Du schauest
aus, als wärest Du erst zwanzig Jahre alt.“
Sie lachte hell auf.
„Du weißt es am besten, lieber Jas,“ sagte sie,„daß ich bedeutend älter bin, allein meine geistige Thätigkeit verjüngt mich.— Ihr verdanke ich, daß ich gesund bin, und sie verleiht mir jene Zufriedenheit, die mein ganzes Wesen erfüllt.“
Um die feinen, blassen Lippen Josepha's irrte ein flüchtiges
Lächeln. Wie sonderbar, das junge Fräulein mit dem interessanten Gesichte und den leuchtenden Augen, welches ihre hübschen Haare schlicht in eine Flechte verschlungen und am Hinterkopfe nestartig aufgesteckt hatte, sah in der That älter aus, als die mehr als dreißigjährige Paula! Es kam gewiß daher, weil sie sich weniger geistig beschäftigte; denn nach der Behauptung Paula's trug ja die Geistesarbeit unsagbar viel dazu bei, ein jugendliches Aus⸗ sehen zu bewahren.
„Erzähle mir doch, Kousinchen,“ fuhr Herr Mirewicz fort, „was für Ziele Du Dir gesteckt hast? Ich brenne vor Neugierde.“
Sie schlug die Augen nieder und antwortete bedächtig:„wenn ich es den Herrschaften auch erzählen wollte, Sie würden mich doch nicht verstehen oder gar auslachen und es hier in Ihrer gottesfürchtigen Abgeschiedenheit, fern vom weltlichen Getriebe, für eine Sünde halten—“
Und halb bitter, halb spöttisch lachend, fuhr sie fort:„o, glaube mir, Jas, in unseren Zeiten müssen die Vorkämpfer großer Ideen noch viel leiden, ehe sie verstanden werden! Ein Weib, welches sich erkühnt, eine große Idee zu vertreten, hat wider althergebrachte Vorurtheile und wider einfältige Skrupeln rastlos zu kämpfen und im Kampfe unsagbar viel Bitterkeit zu kosten.“
„Das ist eine große Wahrheit, die Du da aussprichst,“ er⸗ widerte ihr Herr Mirewicz, ihr beifällig zunickend,„und dennoch ist die Rolle eines Vorkämpfers so schön— sie läßt nicht ruhen und rasten, bis man den Sonnenschein der Befriedigung er— reicht hat.“
In dem Antlitz der„Kousine Pionierin“, wie sie sich so gern nannte, zeigte sich ein Ausdruck wahrer Befriedigung.
„Sie haben Recht,“ rief Fräulein Josepha mit leuchtenden Augen,„nur meine ich, daß Frauen, die sich einer derartigen Aufgabe unterziehen, sehr bald ihre Ohnmacht einsehen werden, wenn sich ihnen Hindernisse entgegenstellen, welche sie zu über⸗ winden haben. Denn das Arbeitsfeld der Frau ist und bleibt leider immer nur ein beschränktes und streng abgemessenes.“
Während sie dieses sagte, ließ sie ihre Augen nach Paula und Mirewicz hinüberschweifen, und zwar dieses Mal sehr selbst⸗ bewußt und ein wenig ironisch. Paula sah verwundert die Sprecherin an. 5
„Mein Fräulein, Sie sind ebenfalls—“ begann sie.
Wahrscheinlich wollte sie Fräulein Josepha fragen, ob sie auch eine„Pionierin“ wäre, doch diese unterbrach sie lachend:
„Ich bin Lehrerin und unterrichte zu gleicher Zeit meine jüngste Schwester, und ich versichere Sie, daß es beim Unterrichten fremder Kinder und der eigenen Schwester genug Mühe und Arbeit giebt.“
Auf diese prosaische Antwort hin wurde Paula frostig.
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