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Es war der Ruf der Wissenschaft, Die mich zu ihren Hallen
Berief, daß ich allda mit Kraft Mein Stimmlein ließ erschallen.
Die Armuth aber war das Ohr, Zu dem der Ruf gedrungen; Nicht reichte mehr der Blumenflor Zum Futter für die Jungen.
Und als ich nun zum Abzug schritt, Zählt ich des Hausraths Stücke; Weib, Kind und Bücher gingen mit, Die Muse blieb zurücke.
Zudem hatte der Arzt dem leidenden Dichter auf's Strengste die Abendstudien untersagt und vorzüglich das so angreifende De⸗ chiffriren der arabischen Schrift. Indessen dauerte die Pause in Rückerts poetischem Schaffen nicht gar lange Zeit. Bald stellte seine Muse sich wieder ein, und Lied auf Lied entquoll seinem begeisterten Munde.
Zuerst erschien nach Rückerts Ueberstedelung nach Erlangen: „die Verwandlungen des Abu-Seid von Serug oder die Makamen des Hariri. In freier Nachbildung von Friedrich Rückert.“ Makamen sind Erzählungen oder Novellen in bunt durcheinander gemischter poetischer Form, mit Gaselen und unzähligen Bildern reich durchflochten. Die Rückert'schen Makamen des Hariri waren keine Uebersetzung, sondern, wie er auf dem Titelblatte aus⸗ drücklich hervorhebt, eine freie Nachbildung, die aus dreiundvierzig Makamen besteht, von denen je eine ein Abenteuer des Helden schildert. In der Vorrede aber wendet der Dichter sich mit fol⸗ genden Worten an Kritiker und Publikum:
Bewahr' uns vor denen, die loben,
Ehe sie unsern Wert erproben,
Wie vor denen, die schelten,
Eh' sie wissen, was wir gelten.
Schütz' uns vor der Goͤnner Ueberschätzung, Wie vor der Mißgönner Heruntersetzung, Vor dem stolpernden Stolze der Stolzen, Wie vor der Witzbolde Bolzen.
Kurze Zeit nach den Makamen des Hariri erschien„Nal und Damajanti,“ eine Uebersetzung aus dem Indischen; dann 1838 „Rostem und Suhrab,“ eine freie Nachbildung aus dem Persischen. In der Hauptsache jedoch stammen aus der Zeit von 1832 bis 1838 eine Fülle von Frühlings-, Liebes- und Wanderliedern, die sich dem Dichter mit solcher Leichtigkeit in die Feder drängten, daß er deren in einem Jahre allein vierhundertneunundvierzig schrieb..(Schluß folgt.)
Schloß Warren.
Novelle von Georg Harnisch. (Fortsetzung.) VI.
Kennt Ihr einen Badeort im Regen, in tagelang gleichförmig rieselndem Regen?—
Habt Ihr es erlebt, wie dort die Minuten zu Stunden, die Stunden zu Tagen werden, wie die Zeit in trostlos düsterem Wolkenschleier mit schleppendem Schritt dahinschleicht— ebenso langweilig wie die mißvergnügten Menschengesichter unter den triefenden Schirmen?— Habt Ihr den Kurgarten gesehen, wenn er verödet und seine Musikhalle verwaist ist, wenn Tische und Stühle zu ungastlichen Pyramiden aufgehäuft sind, und wenn die regenschweren Zweige der Bäume melancholisch zur Erde nieder— hängen, als weinten sie Thränen über die Wasserpfützen auf den einsamen Wegen?—
Nun,— wenn Ihr das jemals gesehen und erlebt habt, dann wißt Ihr, was das Wörtchen„Langeweile“ bedeutet.——
Drei Tage schon regnete es ununterbrochen in Teplitz.—
Frau von Haldern gehörte zu den Auserwählten, welche das Glück haben, im Bade statt unwirthlicher Hotelzimmer ein behaglich eingerichtetes Daheim bewohnen zu können, und dennoch em⸗ l pfand sie den verstimmenden Einfluß des ewig grauen Himmels
mehr als gewöhnlich. War es schon keine leichte Aufgabe, die Ungeduld ihrer kleinen Mädchen zu beschwichtigen, damit sie sich nicht fortwährend die Näschen an den Spiegelscheiben der Fenster platt drückten, so erfüllte sie der durch die Witterung begünstigte enge Verkehr der beiden erwachsenen Menschenkinder, welche sich so behaglich in ihrem Salon eingenistet hatten, mit ernster Be⸗ orgniß. g Ihr Bruder Heinz war seit jener ersten Begegnung im Kurgarten der feurigste Anbeter Irma's von Maien, und diese sorgte schon dafür, seinen Eifer nicht erkalten zu lassen.
Vergeblich hatte Helene, erzürnt über Irma's Leichtfertigkeit, dem beginnenden Unheil zu steuern, umsonst den leichtsinnigen Lieutenant durch gelegentliche Erinnerung an die früheren Be⸗ ziehungen der koketten Dame zu seinem älteren Bruder zu warnen versucht. Ihre Fürsorge schien ihn leider nur zu belustigen, und er klopfte ihr schalkhaft lachend die Schulter, wenn seine Augen ihrem vorwurfsvoll bittenden Blick begegnete.
So gewannen denn Irma's tägliche Besuche immer mehr an Dauer und zur Theezeit des vierten Regentages finden wir sie wieder in dem behaglichen Gartensaal der kleinen Villa wie ge⸗ wöhnlich in neckendem Gespräch mit dem jungen Grafen. 5
Mit malerischer Nachlässigkeit in einen Sessel gestreckt, läßt sie die verführerischen Augen über den Rand des Fächers schmach⸗ tend zu Heinz hinüberblitzen und dieser zu ihren Füßen ihr ge⸗ genübersitzend, drückt mit vielsagendem Blick die gelbe Rose, welche noch vor kurzem Irma's Busen schmückte, an seine lächeln-⸗ den Lippen. f 535
Helene hat auf summendem Samovar den Thee bereitet und dabei ihren trüben Gedanken Audienz ertheilt, so daß sie ordent⸗ lich erleichtert aufathmet, als ihre Kleinen das Zimmer betreten und sie mit ungeduldigen Wünschen und neugierigen Fragen bestürmen..
„Mütterchen,“ ruft die kleine sechsjährige Dora,„nicht wahr, nun wird sie bald hier sein?— Du sagtest um sechs Uhr— und es ist doch beinahe schon halb sieben.“ 1
„Jawohl, mein Kind,“ antwortete Helene, ihr liebevoll über! das Haar streichend,„bald muß der Wagen zurückkommen.“.
„Ich hoffe,“ bemerkte altklug die siebenjährige Elsa,„daß sie keinen Schnurrbart hat, wie die häßliche Mis Bradon, und daß sie nicht gleich so bitterböse wird, wenn wir nicht richtig aus- sprechen.“ 7
„Von wem ist denn eigentlich die Rede, Helene,“ fragt Heinz, „welcher hohe Gast setzt Deine beiden jungen Damen in so ge⸗ waltige Aufregung?“ 5
„Ich erwarte mit dem Sechsuhrzug Miß Nelli Longsword und freue mich in der That auf ihre Ankunft nicht weniger als die Kinder.“
„Deine neue Gesellschafterin, Helene?“— bemerkt Irma mit verächtlichem Achselzucken.„Nimm mir nicht übel, wie kann man derselben die Ehre anthun, sich für ihre Ankunft zu in⸗ teressiren!— Voilà tout— wenn sie kommt, so ist sie da!— Graf, soll ich Ihnen Zucker in den Thee thun, Ihr Arm scheint noch zu schwach dazu?—“ f
„Sehr gütig, mein gnädiges Fräulein! Sie sind die liebens⸗ würdigste Krankenpflegerin, welche ich je gesehen.— Aber, bitte, Fräulein Irma,“ setzt er etwas leiser hinzu,„machen sie das Maaß Ihrer Güte voll und kosten Sie den Thee, ob derselbe auch süß genug. Welch ein Göttertrank würde er dann für mich sein!“—
Helene richtet unwillig ihre Augen auf das scherzende Paar.
Doch umsonst;— Irma's feingeschnittenen Mund umspielte ein flüchtiges Lächeln des Triumphes, dann senkt sie die dunklen, langen Wimpern ihrer Augen auf die zarte Wange, hebt mit zierlicher Handbewegung die Tasse an die kirschrothen Lippen und reicht sie mit kokettem Blick dem Grafen zurück.
„Tausend Dank!“— ruft er feurig und sich verbeugend führt auch er jetzt die Tasse zum Munde, die Stelle suchend, welche sie berührt hat.
Helene ist empört.— Sollte Irma ernstlich daran denken, Heinz zu gewinnen, und sollte dieser wirklich schwach genug sein, alle Rücksichtnahme zu vergessen?— Eine Heirath zwischen ihm und der früheren Braut seines Bruders würde das lose Band, — Udo noch mit seiner Familie verknüpft, vollends zer⸗ reißen.— 2
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