0
5 15
—
In diesen Gedanken wird sie durch den Diener unterbrochen,
welcher„Miß Longsword“ meldet.
Helene springt. auf und sieht sich einer hohen, schlanken jun⸗ gen Dame gegenüber, welche ihr mit vollendeter Weltgewandt— heit entgegen tritt.
„Meine liebe, gnädige Frau, wie glücklich bin ich, Sie wie—
derzusehen! Erkennen Sie Ihre kleine Nelly nicht wieder?—
Bitte, haben Sie mich ein wenig lieb; ich will mir die größte Mühe geben, Ihr Wohlwollen zu verdienen.“— Sie sprach mit einem entzückenden Wohllaut der Stimme und einem geringen fremdländischen Accent, der ihren Worten einen ganz besonderen Reiz verlieh.—
Anmuthig beugt sie den Kopf, um ihre Lippen auf Frau von Haldern's Hand zu drücken, doch diese nimmt denselben in ihre beiden Hände und, sie zärtlich auf den schönen Mund küssend, er— wiedert sie:
„Meine liebe Nelly! ich bin glücklich, Sie wiederzusehn, und wünsche von Herzen, daß Sie in Warren eine bleibende Stätte finden mögen.“
Gerührt sieht ihr Nelly in das gütige Gesicht. Nach den ver—
flossenen trüben Zeiten überkommt sie hier zum erstenmal das
lange entbehrte Gefühl des Geborgenseins und sie empfindet, daß Muth und Heiterkeit ihr bald zurückkehren werden.
„Da sind ja Ihre beiden kleinen Mädchen, gnädige Frau!“— ruft sie mit sichtbarer Freude,—„o wie sind die kleinen Dinger groß geworden.— Kommt her und reicht mir die Hand! Gelt, Ihr kennt mich nicht mehr, und doch habe ich Euch so oft auf den Armen getragen.— Nun ich hoffe, wir werden recht gute Freundinnen werden.— Wollt Ihr!“—
Eifrig versichern die Kinder ihre Zustimmung, und Frau von Haldern macht ihren neuen Gast mit den Anwesenden bekannt.
Sehr verschieden ist der Eindruck, welchen Nelly bei diesen hervorgerufen.—
Irma ist empört über die gleichberechtigte Verbeugung, welche ihr geworden, und Heinz schaut fast entzückt auf die weltgewandte junge Amerikanerin, deren Anblick sein leicht entzündliches Herz sofort in Brand gesetzt hat.
Sie gleicht Irma von Maien in keinem Punkt und doch ist sie schön, viel schöner als jene, denn ihre ganze Erscheinung trägt ein edleres Gepräge.
Auf ihrer wundervollen Gestalt sitzt ein regelmäßig, fast klassisch geformter und von goldbraunem Haar umrahmter Kopf, aus dessen dunklen, mild strahlenden Augen eine schöne Seele und ungewöhnliche Klugheit hervorleuchtet. Alle diese Vorzüge wurden durch einen zwar einfachen, aber mit feinem Geschmack gewählten Anzug gehoben, so daß selbst die schärfste Kritik an dem Außeren
dieser tadellos vornehmen Mädchengestalt nichts auszusetzen
findet.— ö
„Nelly, liebes Kind, Sie sind sicher von der Reise ermüdet und bedürfen der Ruhe. Ich werde dem Diener klingeln, Ihnen Ihr Zimmer zu zeigen. Heute Abend sollen Sie mir noch viel erzählen, damit wir die alten Erinnerungen wieder auffrischen, worauf ich mich schon so lange gefreut habe.“
„Bitte, liebe Mama,“— rufen die beiden Kinder zugleich, „wir wissen Mis Nelly's Zimmer, erlaube uns, ihr dasselbe zu zeigen!— Dürfen wir?“
Lächelnd gewährt Frau von Haldern die stürmische Bitte der Kleinen,— und glücklich über diese Erlaubniß verschwinden sie, Nelly an den Händen mit sich ziehend.—
„Um des Himmelswillen, Helene,“— ruft Irma mit ge⸗ falteten Händen und dem Ausdruck teilnahmvoller Abwehr,„dieses Mädchen wirst Du doch nicht behalten wollen? Ich sah noch nie so etwas Unsympathisches!— Dazu die abscheuliche Aussprache!“
„Pardon, mein gnädiges Fräulein, ich sah noch nie eine so vollendet schöne Erscheinung!“ entgegnet Heinz,„dazu finde ich den fremdländischen Accent geradezu entzückend! Sollte unser Geschmack wirklich so weit auseinander gehen?— Ich kann meiner Schwester zu dieser interessanten Acquisition nur gratuliren! Was sagst Du dazu, Helene?“
„Mir ist Nelly nicht allein die Tochter meiner in schwerer Zeit bewährten Freundin, sondern ich habe sie schon lieb gehabt, als sie noch ein Kind war, und nun freue ich mich herzlich, sie in unsern Kreis aufnehmen zu können!— Aber Irma, willst Du
uns schon verlassen? Weshalb so eilig?— Bleibe doch zum Abendessen!“— ö J
„Danke, Helene; Papa erwartet mich,— und dann— nimm mir's nicht übel— das Organ Deiner Gesellschafterin fällt mir unangenehm auf die Nerven und macht mir Kopfweh, ich ziehe daher vor, nach Haus zu gehn.“—
Niemand hielt sie heute von ihrem Entschluß ab,— nicht
einmal Graf Warren, was Irma im Stillen sicher erwartet hatte.
Empört verläßt sie die Villa, Pläne schmiedend, wie sie Heinz für seinen Wankelmuth bestrafen, und wie sie sich an Helene und dieser anmaßenden Amerikanerin rächen könne. Mit dem Instinkt des Weibes hat sie sofort erkannt, daß der Charakter Nelly Longs— words zu dem Ihrigen nicht paßt, sie ahnt, daß sie selbst bei einem Vergleich mit jener verlieren wird, und sie erblickt daher in ihr nur eine Feindin, welche Helene absichtlich ihr entgegenstellt, welche sie bekämpfen und um jeden Preis besiegen muß.——
In der kleinen Villa aber war mit Nelly's Ankunft eine glückliche Ruhe und freudige Heiterkeit eingezogen. Das junge Mädchen verstand es, durch anspruchloses aber sicheres Auftreten, durch ihre bezaubernde Liebenswürdigkeit und durch ihren leb— haften Geist Groß und Klein an sich zu fesseln. Die Kinder liebten sie schwärmerisch, Helene schloß sie mit mütterlicher Zärt⸗ lichkeit in ihr Herz, und selbst Heinz, der Schmetterling, war durch ihren ruhigen Blick gefesselt und zog als gebändigter Löwe der Saison fein artig die Krallen ein, sobald er den sanften Zwang ihrer Gegenwart fühlte.
(Fortsetzung folgt.)
Jose Blätter. f
Die Adamiten. Schon im zweiten Jahrhundert nach Christus war in Nordafrika eine gnostische Sekte entstanden, die sehr bald angefeindet und auf das Energischste angegriffen wurde: die Adamiten, welche die ur⸗ sprüngliche Unschuld in der völligen Nacktheit fanden. Sie wollten zu den Christen gehören, verleugneten aber die Grundsätze des Christenthums. So wollten sie den aus dem jüdischen Jehovah hervorgegangenen Gott nicht anerkennen, sondern nur einen Weltschöpfer(Demiurgos). Die größte Seligkeit legten sie aber in die Unschuld. Die höchste Erhebung, des Menschen fanden sie in der Keuschheit und dem Besiegen der Leiden⸗ schaften. Ihr Stifter Prodicus lehrte:„So lange Ihr Euch nicht zu dem Stande der Unschuld, die Adam vor dem Sündenfalle besessen hat, aufschwingt, seid Ihr weder geheiligt, noch für das Paradies reif.“ Diese Lehre führte zu dem Kommunismus, ja bis zur Weibergemeinschaft und größten Unsittlichleit, so daß die Adamiten gehaßt, verachtet und verfolgt wurden. Dem schienen sie zu unterliegen, und man hörte von ihnen lange Zeit nicht mehr.— Plötzlich tauchte im vierzehnten Jahrhundert ein gewisser Pikard auf, der sich Adam nannte, und behauptete, der neu⸗ geborene Sohn Gottes zu sein. Er fand eifrigen Zulauf und eine große Anhängerschaft. Vergebens suchten geistliche und weltliche Herren die Sumpfblume zu vernichten, sie schoß mehr und mehr Trieb und ver⸗ pflanzte sich im zweiten Decennium des fünfzehnten Jahrhunderts nach
Böhmen. Ein Bauer Nicolaus zog mit einer Schaar Schwärmer, die
jene Lehre bekannten, auf eine Moldauinsel und verkündete hier, die Zeit des Paradieses sei angebrochen. Seine natürliche Beredsamkeit verschaffte ihm selbst unter den Taboriten Anhänger.— Weniger waren es wohl die extremen Lehren und die Nacktheit der Adamiten bei ihren Ver⸗ sammlungen, als die Raubzüge, durch welche des Nicolaus Anhänger sich Subsistenzmittel zu verschaffen suchten. Diese bewogen denn auch den großen hussitischen Feldherrn Johann Ziska, seine Waffen gegen sie zu kehren und sie von der Erde zu vertilgen. Vierhundert Jahre ver⸗ flossen, ohne daß die geringste Spur von den Adamiten wahrgenommen wurde, als sich diese Ausgeburt des menschlichen Geistes 1848 in dem Chrudimer Kreise(Böhmen) wieder zeigte. Der Funke war unter der Asche fortgeglommen. 9 W. G. Ignaz Friedrich Castelli(geb. 6. März 1781, gest. 5. Februar 1862), bei dessen Buͤhnenspielen sich einst das ganze Deutschland auf das höchste ergötzte, liebte es, sich mit einigen Freunden harmlos zu schrauben. Zu denselben gehörte der Komiker Nestroy. Als dieser eine Gastspieltour antrat, bat Castelli, ihm dann und wann Nachricht von seinem Wohl⸗ befinden zugehen zu lassen. Von Prag aus kommt auch eine Extra⸗ stafette von Nestroy. In derselben, die Castelli bezahlen muß, steht: „Lieber Freund, ich befinde mich recht wohl.“ Der Dichter lächelt. Zwei Wochen darauf erhält der Schauspieler von Castelli eine mächtige, eben⸗ falls nicht frankirte Kiste. Er öffnet sie; in ihr befinden sich ein mächtiger Felsstein und ein Stück Papier mit den Worten:„Dieser Stein fiel mir vom Herzen, als ich von Deinem Wohlbefinden hörte.“ W. G.
Allmacht der Liebe.„Die Liebe kann alles,“ behauptete ein schwärme⸗ rischer Verehrer des schönen Geschlechtes.„Ja wohl, die Liebe kann alles,“ entgegnete trocken ein Anderer,„auch ein Mädchen sitzen lassen.“
H. R.
00
5
8


