Ausgabe 
12.2.1888
 
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der Vereinigten Staaten in Berlin aufgab, als ihm der 5 0 zu Theil wurde, die Leitung der Cornell-Universität zu übernehmen. Das Medaillon⸗

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Lose Blätter.

Unsere Bilder. Die Griechen priesen jene Menschen glücklich, welche in ihrer Jugend Blüthe der Tod dem Leben entraffte, uns aber erfüllt es stets mit tiefer Wehmuth, wenn ein hoffnungsreiches Menschenleben so früh ausgelöscht wird. Johanna von Ghilany wurde, als sie vor vier Jahren ihr Engagement an der Berliner Hofoper antrat, von vielen Berufsgenossen als Glückskind beneidet, aber sie sank in's Grab, nachdem

sie eben vom berauschenden Trank des Glücks den Schaum genippt hatte.

Die Sängerin, welche am 8. Januar dieses Jahres nach langem schwerem Leiden in Charlottenburg starb, war erst vierundzwanzig Jahre alt. In Wien, wo sie geboren wurde, hatte sie auch ihre Gesangsstudien gemacht und nach vollendeter Ausbildung nahm sie ein Engagement für das Stadttheater in Lübeck an. Auf dem Wege dahin stellte der Theateragent Herr von Selar die junge Altistin dem General-Intendanten von Hülsen vor. Dieser bewunderte ihre Stimme und verpflichtete die junge Sängerin sofort für die Berliner Hofoper. Vorläufig trat Fräulein von Ghilany ihr Engagement in Lübeck an, wo sie mit großem Erfolg die schwierigsten Aufgaben löste. Im Jahre 1884 begann ihre künstlerische Wirksamkeit an der Berliner Hofoper und ihre volltönende, in allen Lagen gleich aus⸗ giebige und wohlklingende Altstimme, ihre reiche Empfindung und mu sikalisches Können erweckten die stolzesten Hoffnungen für ihre Zukunft. Leider zog die Regie nicht die Jugend der Sängerin in Betracht, sondern beschäftigte dieselbe viel und in anstrengenden Altpartien wie Ortrud, Fides, Azucena und Orpheus. Die Anmuth und Liebenswürdigkeit der Künstlerin öffneten ihr weite Gesellschaftskreise und wie auf der Bühne, so theilte Johanna von Ghilany auch im Salon, im Kreise ihrer Freunde die Gaben der Kunst freigebig aus. Sie fühlte sich unendlich glücklich in dem Bewußtsein, die Hörer durch ihren Gesang zu entzücken und in der freudigen Hingebung an ihre Kunst dachte sie nicht, daß die Lebens⸗ kraft versiegen könne. Die Jugend rechnet nicht. Drei Jahre einer er schöpfenden Bühnenthätigkeit und Johanna von Ghilany verspürte die ersten Keime jener tödtlichen Krankheit, welche sie zwang, die liebgewordene Stätte ihrer Erfolge zu verlassen und in südlich gelegenen Kurorten Heilung zu suchen. Ein Jahr voll Hangen und Bangen, voll leiser Hoffnung und tiefer Traurigkeit ging hin. Sie kehrte hoffnungslos in die Stadt zurück, in der ihr Glücksstern aufgegangen und in den ersten Tagen des neuen Jahres starb sie langsam hin. Johanna von Ghilany gehörte zu den Blumen, die der Rauhfrost einer Frühlingsnacht entblätterte. Bilder vom Cayugasee. Unser zweites Bild stellt dem Leser Ithaka vor und die pittoresken Ufer des Cayugasees. Unter Ithaka ist selbstverständlich nicht die langgesuchte Heimath des sturmverschlagenen Odysseus zu verstehen, sondern ein jungaufblühendes Städtchen im Nord westen des Staates New-Nork, welches in zweifacher Hinsicht Beachtung verdient: erstens um seiner weltberühmten Universität, und zweitens um seiner schönen Umgebung willen. Die Bildungsanstalt zu Ithaka ist keine Universität im europäischen Sinne, denn sie bildet nur junge Leute aus, welche Landwirthe und Techniker werden wollen. Diese finden aber auch Unterricht in alten und modernen Sprachen, Geschichte, Geographie, Gesundheitslehre ꝛc. Die Anstalt zu Ithaka wurde im Jahre 1865 von Esra Cornell begründet, einem Manne, der seine Laufbahn als armer Arbeiter begonnen hatte. Dieser ging von dem Gedanken aus, daß unsere Erziehungsmethode eine vollkommen einseitige sei. Er sah, daß die Arbeiter, Handwerker und Landwirthe fast ausschließlich eine manuelle Thätigkeit ausübten, die Beamten und Gelehrten dagegen sich nur der geistigen Thätigkeit widmeten. Esra Cornell war der Ansicht, daß man beides vereinigen könne, und daß die körperliche und geistige Entwicklung des Menschen nur eine gesunde und harmonische werde, wenn jeder in fast gleichem Maße Hand und Kopf beschäftige. Die Reform der Arbeit mußte nach seiner Ansicht von der Schule ausgehen, und die Anstalt zu Ithaka sollte seine Absichten verwirklichen. Er legte gleichzeitig mit der Lehranstalt Werkstätten, Fabriken, Gärten und landwirthschaftliche Muster wirthschaften an und vertheilte Land unter die Zöglinge der Anstalt. Nun gab er jedem Schüler Gelegenheit, nicht nur unentgeldlich am Unterricht Theil zu nehmen, sondern sich auch seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Die Schüler werden zu Ithaka nach dem Unterricht nicht mit Schulaufgaben belastet, sondern wandern von der Schulbank oder dem Hörsaal in die Werkstatt, wo einige Meister sie in praktischen Arbeiten unterrichten. Später können sie sich dann durch eine gewisse Arbeits- leistung Lohn verdienen. Jene Schüler, welche sich der Landwirthschaft widmen wollen, nehmen theil an den Gärtnerarbeiten oder bebauen unter Leitung sachverständiger Oekonomen den Acker, der ihnen behufs Bebauung zugetheilt wurde. So vereinigt diese Anstalt die Theorie mit der Praxis; die Schüler werden rasch erwerbsfähig, und mit der geistigen Ausbildung hält die körperliche gleichen Schritt. Esra Cornell brachte für diese seine Gründung, welche heute allgemein als Cornell-Universität bezeichnet wird, erstaunliche Opfer. Er begann mit einem Geschenk von 600,000 Dollars. Bald darauf fügte er eine große Farm bei. Dann schenkte er eine herrliche Bibliothek, dann eine Mineraliensammlung ꝛc. Als er sah, daß sein System sich bewährte und die Jugend des Staates in hellen Haufen der Anstalt zuströmte, schenkte er Ländereien im Werthe von einer halben Million Dollars. Nun schenkte auch der Staat Newyork dem Justitut 900,000 Acres

bild giebt unsern Lesern eine Ansicht des freundlichen Städtchens Ithaka wieder.

Im Jahre 1842 stiftete übrigens Henry Sage in Brooklyn eine Million Mark, damit, in Verbindung mit der Cornell-Universität, eine Erziehungs⸗ anstalt für weibliche Studirende gegründet werde. Diese führt den Titel Sage⸗College der Cornell-Universität.

Der Cayugasee, an dessen Südende Ithaka liegt, ist übrigens reich an landschaftlichen Reizen. Eine Menge von Schluchten und Schlünden befinden sich in der Nähe, durch welche sich rauschende Wasserfälle in den See ergießen. Fall Creek, die nördlichste dieser Schluchten, hat nicht weniger als acht Cascaden aufzuweisen, deren schönsteDer dreifache Fall an der linken Seite unserer Abbildungen oben zu sehen ist. Der Ithakafall, welcher 50 m hoch ist, befindet sich rechts abgebildet. Am Fuß des Medaillons sind pittoreske Felsbildungen am Seeufer dargestellt: der Thurmfelsen und der Schloßfelsen. In der Nähe von Ithaka befindet sich auch die vielbesuchte Glens(Klamm) wie die Watkins-Glen, deren Tiefe von Regenbogenfällen durchrauscht wird, und deren senkrechte, mehr als 100 m hohe Felswände die Vorstellung an die Unterwelt wachrufen. Bei jedem Schritt fast stößt man hier auf Felsarkaden, Amphitheater dunkle Schlünde und Galerien, durch welche sich schäumende Katarakte ergießen. Eine der merkwürdigsten Grotten ist dieKathedrale, ein majestätischer, vom Wasser aus den Felsen herausgewühltes Amphitheater, mit senkrechten Felswänden, über denen sich das blaue Firmament wölbt. An der Stelle des Chors befindet sich die mächtige Central-Kaskade, deren brausende Wasser die Orgel in der Kathedrale ersetzen. Von schauriger Schönheit ist die Alpha-Glen, von malerischer aber die Vor⸗ hang⸗Kaskade in der Havana Glen. All' diese Naturwunder werden im Sommer von Reisenden viel angestaunt und die Gegend von Ithaka verspricht das Salzkammergut Amerika's zu werden. Am Oneidasee, der sich an jene Ketten von Naturschönheiten anschließt, befindet sich die blühende Kolonie jener von Noyes begründeten Kommunisten-Gesellschaft, deren Mitglieder sichChristliche Perfektionisten nennen und die das Evangelium der freien Liebe verkündeten. Im Jahre 1877 haben die Perfektionisten die Complex⸗Ehe abgeschafft, aber das System der Gütergemeinschaft, welches sie rasch zu ungeahntem Wohlstand führte und die gemeinsame Kindererziehung beibehalten. 5 R E=.

Der Hofrath Klotz, der bekannte Zeitgenosse und Gegner Lessings, hatte einen Sohn, der das Gymnasium besuchte. Ein dort angestellter Lehrer, der sich mit des Knaben Vater schlecht stand, ließ selten eine Gelegenheit vorübergehen, wo er den gegen den Hofrath gehegten Groll an dem Knaben auslassen konnte; der Knabe mußte sich daher die beißendsten Bemerkungen fast täglich gefallen lassen und gar viele witzige oder witzig sein sollende Sticheleieien auf denHofrath hinnehmen, ohne eine Waffe dagegen zu besitzen. Eines Tages kam die Reihe des Ueber⸗ setzens bei folgender Stelle an ihn: Non fit ex quo ligno Mercurius. (Es kann nicht aus jedem Holze ein Merkur gemacht werden).

Nun, da steht wohl wie gewöhnlich Dein Verstand stille und es ist bei dem jungen Hofräthlein der gute Rath theuer, höhnte der Lehrer, oder wie würdest Du diesen Satz übersetzen?

Der Schüler besann sich nur kurze Zeit, dann entgegnete er mit glühenden Wangen und einer Stimme, welcher man die innere Erregung anhörte:

aNicht alle Klötze nützen, Hofräthe d'raus zu schnitzen.

Diese Antwort überraschte den Lehrer so sehr, daß er die wohl verdiente Rüge stillschweigend hinnahm und dem Knaben von da an mehr Gerechtigkeit widerfahren ließ. 1 K.

Van Swieten war nicht nur Arzt, sondern bekleidete auch die Stelle eines Bibliothekars und Censors in Wien vom Jahre 1765-1770. In letzterer Eigenschaft zeigte er oft eine seltene Strenge und Einseitig⸗ keit. Dies gab Veranlassung zu folgendem Spottgedicht:

Noch nicht genug, wenn nur durch ihn der Leib verblichen, Ermordet er den Geist auch noch mit seinen Federstrichen. S Kr.

Teufelswein undPfropfentreiber nannte man den Champagner oder Schaumwein, als das Getränk etwas Neues war. Er, wie auch die eigenthümlich gestalteten Korkstöpsel, die auf den Champagnerwein flaschen befestigt werden, wurden von Dom Perignon erfunden. Dom Perignon war in den Jahren 1670 bis 1715 Pater⸗Kellermeister der Abtei von Haut-Villiers. Bekanntlich entsteht dieser moussireunde Wein dadurch, daß man ihn nach der ersten Gährung in starke Flaschen faßt und während der Nachgährung verschlossen hält. Es spannt sich nun die entwickelte Kohlensäure im freien Raum der Flasche beträchtlich an und wird deshalb im Wein in so reichlichem Maße abgesondert, daß sie beim Oeffnen derselben stürmisch entweicht. Z.

Reiche Römer. Der reiche Marcus Crassus verfügte als junger Mann über ein Vermögen von nur 7 Millionen Sestertien, das sind

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1590 000 Mark. Trotzdem er ungeheure Summen an das Volk verschenkte, besaß er am Ende seines Lebens 170 Mill. Sestertien, oder 39 Mill. Mark. Das Vermögen des Pompejus betrug 15 900 000 Mark und das des Schauspielers Nesopus 4560 000 Mark. Wie groß mag das Ver⸗

mögen des Lucius Domitius Ahenobarbus gewesen sein der jedem von 20 000 Soldaten 4 römische Morgen Land aus eigenem Besitz zu schenken versprach? Der römische Morgen war 240 Fuß breit und 120 Fuß lang.

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Land. Esra Cornell meinte, wenn die jungen Zöglinge der Anstalt nur halb so viel arbeiteten, als er in seiner Jugend gethan, so müsse die Universität u hoher Blüthe gelangen, und jeder Zögling könne auf derselben schon 25 Grundstein legen zu einer behaglichen Existenz. Seine Hoffnungen scheinen sich zu verwirklichen, denn die Universität nimmt von Jahr zu Jahr einen höheren Aufschwung, und die hervorragendsten Lehrkräfte ganz

Amerikas sind an ihr thätig. Für die Bedeutung der Anstalt spricht

wohl der Umstand, daß Mr. White gern seine Stellung als Gesandter

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