Ausgabe 
12.2.1888
 
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Ernst und Scherz schwankend.

Oh, Himmel, sehen Sie diese Wassergarnirung an meinem neuen Kleide! Die reine Undine! Und die Stiefeln! Oh, ich muß wie die heilige Genofeva in eine Grotte kriechen!

Im Gegentheil, mein Fräulein, ziehen Sie sofort ihre Fuß⸗ bekleidung aus und setzen Sie sich hier mitten in die heiße Sonne; der dünne Kleiderstoff wird bald getrocknet sein. Aber bitte, etwas schnell, Sie fangen an zu frösteln!

Damit wandte er sich ab, anscheinend, um einige Blumen zu pflücken. Und Fräulein Mathilde, die Nothwendigkeit ein

sehend und mehr noch ihre Niederlage daheim befürchtend, ent-

ledigte sich schleunigst der triefenden Strümpfe und Schuhe, worauf sie den im Grase liegenden Plaid ihres Ritters graziös um ihre Knie schlang. 8

Er kehrte zurück.Jetzt etwas für die innere Wärme. Ich trage stets einen Schluck Ungarwein bei mir. Hier ist er, bitte!

Theilen wir die Beute! erwiderte sie lachend, die Flasche ohne Zaudern an die Lippen setzend.Sie braver Schwepper⸗ mann bekommen den größten Theil!

Der Fremde verwandte kein Auge von ihr. augenscheinlich im höchsten Grade befremdend. in Annendorf! fragte er endlich langsam.

Wohnen Sie nicht in Annendorf? fragte sie rasch dagegen.

Nein, das heißt, ich wohne vorläufig in Unter-Annendorf. Es ist auch ein kleiner Kurort, aber sehr ländlich, sehr primitiv.

Weshalb steigen Sie denn nicht in unsere höheren Regionen hinauf? fragte sie schnell.

Sein Antlitz verfinsterte sich. Er schwieg. Endlich begann er abermals:Es ist nicht rathsam für so junge Damen, bis hierher allein zu wandern.

Thun Sie mir den Gefallen, rief Fräulein Mathilde, energisch den halbgetrockneten Hut schwenkend,und verderben Sie den guten Eindruck nicht durch diese Säuglingstendenz! Uebrigens dreschen Sie leeres Stroh, fuhr sie mit schalkhaftester Liebenswürdigkeit fort,gerade würde ich es wieder thun das Ende war zu hübsch, wahrhaftig zu hübsch! Schade, daß es gleich vorbei ist! Oh, Gott, wie werden meine Pflegeeltern daheim zittern vor Angst und Entrüstung!

Der Fremde lächelte eigen, was sein gebräuntes, ernstes Antlitz sehr verschönte. Fräulein Mathilde betrachtete ihn jetzt genauer. Er war nicht mehr ganz jung, vielleicht Ende der dreißiger Jahre, stark und kräftig gebaut, von guter Mittelgröße und energischer Haltung. In seinen Zügen fiel eine gewisse trotzige Schroffheit auf, welche für Sekunden allerdings der gewinnendsten Freundlichkeit Platz machen konnte.

Sie verdienen wirklich eine kleine Lektion, sagte er, zwischen Indessen, da Sie als die Ge schädigte mit dem Endresultat zufrieden sind, kann ich es desto mehr sein.

Sie war ein wenig erröthet, was ihr selten passirte.

Er bemerkte es und nahm einen ihrer Stiefel prüfend in die Hand.Beinahe trocken! Dabei konnte er nicht unter lassen, die zierliche Form dieser kleinen Fußhülle bewundernd zu betrachten.Freilich, wenn man noch auf Kinderfüßen ein hergeht, sagte er lächelnd,darf man ab und zu noch phan tastische Streifpartien unternehmen; fast möchte ich Sie nun absolviren?

Sie nahm ihr Eigenthum rasch an sich. haftig!

Der Fremde stand auf. haben, der dort fliegt?

Sie nickte.

In wenigen Sekunden stand sie wieder in voller Toilette da, bemüht, das Plaidtuch ineinander zu legen.Max bringt keine gute Beute mit! rief sie ihm heiter entgegen.Adieu jetzt, mein großer Unbekannter! Adieu und vielen Dank! Recht vielen Dank! Es blitzte etwas wie Bedauern in ihren lustigen, dunklen Augen auf, als sie ihm die Hand entgegenstreckte, die er langsam, aber fest in die seinige schloß.

Leben Sie wohl, mein kleines Fräulein! Und ein anderes Mal seien Sie vorsichtiger stille Wasser sind tief!

Damit wandte er sich abermals dem gefährlichen Steige über das Wasser zu, während Fräulein Mathilde hurtig wie ein Reh über Stock und Stein nach Annendorf zurücksprang.

Sie war ihm Wohnen Sie

Trocken! Wahr⸗

Wollen Sie den Schmetterling

gerathen zu sein. N Schon gut, mein Herr ich nehme die Entschuldigung an! Damit ließ mich der neue Ankömmling stehen und schritt würde⸗

Meine Frau und ich hatten die Suche nach anderthalb⸗

stündiger Jagd endlich aufgegeben. Rothglühend vor Anstrengung 4

und Sonnenbrand, keuchend vom anhaltenden Dauerlauf und auf's Aeußerste niedergeschlagen über den gänzlich verfehlten Vormittag trafen wir zuletzt in der Laube unseres Gartens wieder zusammen. Luise begann zu schluchzen.Wenn sie todt wäre! Ich war so empört, daß ich ihre Thränen barbarischerweise noch verhöhnte.Allerliebstes Aufsehen erregen wir mit dieser

Deiner Perle! Die ganze Kurgesellschaft wird uns nächstens

Papa und Mama Irrwisch nennen! Georg! sagte sie schmelzend. Ich legte einen eisernen Reifen um mein empfindsames

Gattenherz.Wir haben uns da eine angenehme Sommerfrische

geschaffen! Glücklich, wem die Götter, die gnädigen, eine solche

Reisegenossin zugedacht haben! Der Rentier Graumann ver⸗

schluckt jeden Tag eine Elle mehr, wenn er an Deiner Pflege

tochter vorüberschreitet. Omelette sans confitures wirklich,

naturfarbener Humor! 5 Georg! sagte sie abermals und noch schmelzender. In diesem tragischen Moment erschien Fräulein Mathilde

in der Gartenpforte und wollte soeben harmlos in's Haus eilen,

als ein Zuruf meiner Frau sie zur Umkehr nach der Laube bewog.

Um's Himmelswillen, wo steckten Sie? rief Luise, immer noch stark unter dem Zauber dieser Nippesfigur stehend, mit mehr zitternder als heroischer Stimme.

Ja, das möchte ich auch wissen! sekundirte ich ihr im 0 N

Brustton des beleidigten Vaters.

Warum denn nicht? rief sie, zu unserem Staunen ungenirt ihre Hand nach einem Rest schwarzer Kirschen ausstreckend, welche, meiner Ansicht gemäß, die herrschende düstere Stimmung treffend kolorirten.Ich bin einfach in's Wasser gefallen und danach von der Sonne getrocknet worden. Hier die Entlastungszeugen stumm, aber beredt! Dabei zeigte sie uns ihren Kleider saum und die gedörrten Stiefel.

Mein Fräulein, rief ich ausbrechend, um einer mitleidigen Regung meiner Luise gewandt zuvorzukommen,das ist doch über alle Maßen!

Warum denn? fragte sie, die Kirschkerne mit einer Ruhe in das Gras schleudernd, daß Luise sie im Innern jedenfalls als Amazone bewunderte.Lieber Herr Doktor, wenn Sie ein

mal in's Wasser fallen sollten, würden Sie Ihre Ungeschicklichkeit 13 jedenfalls nicht gleich über alle Maßen nennen. Leben und leben

e

lassen! Und jetzt muß ich das trockene Kalbfell von den Füßen

ziehen, ich gehe wie im Schraubstock. Wahrhaftig, der erste 2

Ansatz zum Hinken ist da. Auf Wiedersehen!

Weg war sie, und Luise und ich sahen uns nicht gerade geistreich an. Das war eine angenehme Pflegetochter! Zuletzt brach mein Grimm sich in einer niederschmetternden Vermuthung Bahn.

Weißt Du, was ich glaube?

Nein, Georg! erwiderte meine Frau völlig eingeschüchtert.

Deine Kousine Lilli hat uns dieses Juwel aufgeschwatzt, weil sonst Niemand etwas mit ihm zu thun haben mag.

Luise seufzte tief, ja, nahezu herzbrechend, was meine Wuth

noch steigerte.

Ich halte es nicht mehr aus! rief ich, nach Luft schnappend,

und wollte durch die Gartenthür in's Freie stürzen. Aber mitten im eiligen Lauf stieß ich ziemlich heftig gegen eine Männer⸗ gestalt, welche soeben den Wagen an der Eingangspforte ver⸗

lassen hatte und Anstalten machte, das Gebiet unserer Villa zu

betreten.

Himmel und Genius! sagte der Angeprallte ingrimmig, 2 indem er, einem zwingenden Naturgesetz folgend, heftig zurückwich.

Ich bitte um Verzeihung, murmelte ich, wüthend, dieses

Irrwisches halber zum zweiten Mal in eine lächerliche Situation Die Eile

voll den Gang zum Hause hinauf. ortsetzung folgt.)