Ausgabe 
11.11.1888
 
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umgeben, so bin ich stets diejenige, welche mit Dir mitfühlt und kümmern, und die Schwestern speisten daher bei ihrer Zim 4 leidet; denn ich liebe Dich über Alles, mein Jas, und ich werde nachbarin, der Frau Ignaz, welche auf der anderen Seite des 11 Dich lieben bis in's Grab. flures wohnte. In der Küche stand eine Holzbank, einige S Als Mirewicz diesen Brief las, war er tief erschüttert und und ein Tisch, an welchem die Mädchen lernten und 1 eilte in die Küche, um die weinende Kasia zu fragen, wie das Dorthin war Helka wieder gehuscht, und man sah durch die halb⸗ N Alles so schnell gekommen sei. Anna war unterdessen schon weit geöffnete Thür, wie sie, beide Hände auf den Tisch gestemmt, über 1 fort. Nach einigen Stunden begrüßte sie in Onwil ihre liebe ihren Büchern saß, auf welche eine kleine Lampe ihr mattes Freundin Josepha, die gekommen war, um sie von der Bahn Licht warf. Die Anwesenheit des jungen Mädchens hatte im 0 abzuholen. Es war Herbst, und ein feiner Regen machte das Vorzimmer wie ein Sonnenstrahl gewirkt, doch nachdem sie hinaus⸗ Weiter noch unfreundlicher und rauher. Auf dem Hose, über gegangen, wurde es wieder still; denn die beiden Frauen, welche welchen Josepha die Ankömmlinge führte, herrschte eine tiefe Finster⸗ auf dem Sopha saßen, unterhielten sich mit gedämpfter Stimme. 0 niß, so daß Anna mehrmals stolperte. Josepha hatte die kleine Sie brauchten an einander nicht viele Fragen zu richten, da sie 0 Jancia an der Hand und klopfte eben an eine Thür. Sie traten sich zu gut kannten; Anna erzählte in aller Kürze von ihrem f in ein geräumiges, hell erleuchtetes Zimmer. Anna nahm ihren Manne, aber Paula's gedachte sie mit keiner Silbe. Josepha 1 Schleier ab, aber sie vermochte keinen Schritt weiter zu gehen, wiederum theilte ihrer Freundin mit, daß ihre Schwester bereits 1 da ihr die Füße den Dienst versagten; sie lehnte sich mit dem in zwei Jahren das Gymnasium absolvirt haben würde. il Rücken an die Wand, und ihr Gesicht war leichenblaß. JosephaNach zwei Jahren reisen wir von hier fort, in die weite knieete an der Erde, sie war damit beschäftigt, dem kleinen Welt, auf eine höhere Schule, ihrer Zukunft entgegen, aber wohin, 8 Mädchen das Winterpelzchen auszuziehen, und achtete daher auf nach Mitternacht oder nach Süden? 1 Anna nicht. Nach einigen Augenblicken erholte sich Frau Mire⸗ Während Josepha davon sprach, wurde sie traurig; ihr junger 0 wicz, richtete sich auf, strich sich mit der Hand über das blasse Kopf beugte sich unter der Last der Sorgen für die Zukunft. Gesicht und fing an ihre Sachen abzulegen. Das Zimmer war Gegen Mitternacht legte sich Anna müde und abgespannt zu 0 ziemlich groß und hatte zwei Fenster, aber es war niedrig und[Bett und drückte ihr Schwesterchen fest an ihre Brust. Josepha unmodern. Die Wände, etwas stockig und grau getüncht, sahen jedoch setzte die Lampe auf den Schreibtisch und fing an zu lesen düster aus, wurden aber erhellt und belebt durch die Einrichtung und zu lernen. a 1 des Zimmers. Zwei sauber überdeckte Betten, ein Sopha, einGehst Du noch nicht schlafen? fragte Anna schüchtern. 0 Schrank, eine Kommode, zwei Tische und ein paar Stühle bildetenIch gehe niemals vor zwei Uhr zu Bett, ich habe ja so a das ganze Meublement; der eine Tisch war mit Büchern und wenig Zeit, um für mich zu arbeiten. 5 1 Heften bedeckt, und auf dem Sophatische standen eine Lampe, Auch Anna floh der Schlaf. Erst sehr spät schlummerte sie b vier Gläser, ein Teller mit Weißbrod und kaltem Aufschnitt. ein. Als sie erwachte, brannte schon die Lampe, und Josepha in* Dieses war die ganze Abendmahlzeit, welche Josepha ihrer Freun⸗ einem kurzen Rock und mit unfrisirtem Haar hantirte bereits 1 din zu bereiten im Stande war. Herzlich umfaßte sie ihre] mit einem Besen herum, und dabei blies sie noch von Zeit zu 6 Schultern und drückte sie in's Sopha, dann trat sie an ein kleines Zeit den Samowar an, um das Wasser in's Kochen zu bringen. N Tischchen neben dem Ofen, auf welchem der Samowar aufgestellt Anna sprang schnell aus dem Bette. f 1 war, und schenkte Thee ein.Kleide Dich an, oder noch besser wäre es, Du legtest Dich 1 Wo ist Helka? fragte Anna. noch ein wenig schlafen... von heute ab werde ich Alles besorgen. N Josepha deutete nach einer kleinen Thür. Graue Morgendämmerung herrschte noch draußen, als Josepha, a Bei ihrer Lektion, antwortete sie. in einen warmen Mantel gehüllt, gerüstet auf die Straße trat, b In demselben Augenblicke öffnete sich die Thür, und ein um ihrem täglichen Berufe nachzugehen. Sie hatte viele Stunden. junger, blasser Herr mit einer Brille schritt eilig, sich leicht ver- zu geben, wenngleich dieselben spottschlecht bezahlt wurden. 9 neigend, durch das Zimmer; er hatte es schrecklich eilig, um nur Wenige Stunden später verließ auch Helka mit dem Tornister 0 ja nicht eine Minute zu verlieren. auf dem Rücken das Haus; sie ging zur Schule. Unterwegs a Wer ist das, Josepha? holte sie ihre Freundin ein, und Anna sah, wie die beiden jungen 0 Der lateinische Lehrer. Mädchen trotz der Müdigkeit, welche man ihnen anmerkte, gang 0 Anna machte große Augen. tapfer ausschritten. Anna schenkte ihrem Töchterchen den Th. 1 Wozu lernt Helka Latein? ein, holte ihm die Spielsachen aus dem Reisekoffer und gu Wozu, meine Liebe? Ohne Latein könnte sie ja ihr Ziel[zur Nachbarin hinüber. Die Wohnung der Frau Ignaz bestank 0 nicht erreichen ebenfalls nur aus einer Stube und einer Küche, aber die Küche a Che sie aus geredet hatte, wurde die kleine Thür mit großem war größer, und es brannte ein helles Feuer darin; doch in der l Geräusch aufgerissen, und auf der Schwelle erschienen zwei junge Stube erblickte man weder ein Sopha noch Bücher und Papiere, 0 Maͤdchen in dunklen Kleidern und langen Zöpfen; sie schienen dafür jedoch einen Webestuhl, einen Spinnrocken mit Flachs und i lebhaft angeregt zu sein. eine Haspel voll gesponnenen Garns. Auf dem Tische lag ein 6 Probos homines laudate, deklamirte die eine junge Dame. grober, angefangener Strickstrumpf, und an den Wänden sto 1 Improbos castigate, schloß die andere. altmodische Schränke mit Hausgeräth. Die lebhafte Anna Sie lachten laut, während ihre Augen voll jugendlichen] sich bald mit der einfachen und biederen alten Frau bekann 0 Feuers ihrer fünfzehn Jahre leuchteten. Die ältere von ihnen, gemacht. Frau Ignaz stand in einem groben Rocke, einem ein⸗ g eine Brünette mit blassem Gesichtchen, warf sich stürmisch an fachen, weißen Häubchen auf den silberhellen Haaren und einem Anna's Hals, riß dann mit lautem Jubel die kleine Jancia von kreuzweise über der Brust gefalteten großen Tuche in der Kl e der Erde auf, nahm sie auf die Arme und küßte sie herzlich. vor dem helllodernden Feuer und quirlte in einem Kochtop. 1 Die jüngere, eine frische Blondine, schien wie in die Erde ge- Als Anna eintrat, musterte sie die Eintretende mit ihren immer 10 sunken zu sein; beim Anblick fremder Personen erröthete sie tief noch scharsen Augen auf das Sorgfältigste. 1 und verschwand schleunigst hinter der Thür im dunklen Hausflur. Nachdem sie sich im Stillen ihr Urtheil über die Fremde 10 Helka theilte Frau Mirewicz mit, ihre Freundin heiße gerade so gebildet hatte, umspielte ein verbindliches Lächeln ihren Mund, wie sie Anna, sei eine Enkelin ihrer Nachbarin, der alten Frau und nach einer Viertelstunde hatte Anna die Greisin bereite 1 Ignaz, und schäme sich wahrscheinlich, weil sie in Gegenwart von dahin gebracht, daß dieselbe auf einem Stuhle Platz nahm un a Fremden mit ihren lateinischen Brocken in's Zimmer geplatzt war. das Strickzeug ergriff, während Anna die Obliegenheiten in de f Knieend gab sie Jancia Thee zu trinken, dann sie selbst eine Küche übernahm und mit Töpfen und Schüsseln geschäftig her 1 tüchtige Portion Brod und Fleisch, bettete die Kleine schnell in klapperte. Die Alte schaute ihr lächelnd zu und fing an, ö ihr Bettchen, überzeugte sich, daß sie fortan in der Küche schlafen Familienangelegenheiten vor Anna auszukramen. Sie erze 1 werde, und lief schließlich eiligst zu ihren Büchern zurück, um von ihrem verstorbenen Manne und besonders viel von il 14 zu lernen. Das Nebenzimmer war eigentlich eine kleine Küche, beiden Söhnen, die sie durch den Tod verloren: von dem ei* aber sehr rein und warm, weil niemals darin gekocht wurde; Sohne lebe noch eine Tochter, die kleine, muntere Anna, w 1

denn Josepha hatte keine Zeit, um sich um die Küche zu be⸗ das Gymnasium besuche und Helka Skiwska's beste Freu

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