Ausgabe 
11.11.1888
 
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zu den

Obherhessischen Uuchrichten.

Gießen, den II. November.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

1988.

Anna raffte sich zusammen, durchschritt den kleinen Salon und legte den Brief auf den Schreibtisch ihres Mannes. An der Wand hingen mehrere Bilder. Anna nahm eine Photographie von der Wand und steckte sie zu sich es war die Photographie ihres Gatten. Nach wenigen Augenblicken befand sie sich wieder im Schlafzimmer, wo sie ihr Kindchen aus dem Bettchen hob und hastig in ein warmes Mäntelchen und Mützchen hüllte. Jancia hüpfte vor Freude und half der Mutter, der vor Auf regung die Hände bebten, beim Ankleiden. Anna beeilte sich ungemein, als jagte sie Jemand, als riefe ihr Jemand einSchnell, schnell zu, und nach einigen Minuten fuhr aus dem Hofthore eine Droschke, welche die junge Frau mit ihrem Töchterchen zur Eisenbahnstation brachte. Der Zug sollte bereits in einer halben Stunde abfahren, und Anna wußte recht gut, daß ihr Gatte erst mehrere Stunden nach Abgang des Zuges nach Hause zurück kehren konnte. [[Der Brief, welchen sie auf ihres Mannes Schreibtisch gelegt batte, war zwar weder orthographisch noch stilistisch korrekt, aber Jer enthielt alles, was Herr Mirewicz wissen sollte. Theurer Jas, schrieb sie,ich weiß nicht, was Du von mir denken wirst, und wie es Dir gefällt, doch ich kann nicht anders handeln. Ich verlasse das Haus aus zweierlei Gründen: cerstens weil ich Dein Leben nicht vergiften möchte, und zweitens weil ich mich schäme, mit Dir unter einem Dache zu wohnen, nachdem ich aufgehört habe, Deine Frau zu sein. Bislang hatte iich die Ueberzeugung, daß mein Gatte für mich sorgte und schaffte, und daß wir gemeinsam verdienten, um unserer Jancia eine glücklichere Zukunft zu bereiten, als die unsere war, und ich tvußte, daß ich Dir als treue Gattin zur Seite stand. Jetzt ist es anders geworden. Es hat wenig auf sich, daß der Pfarrer unsere Hände in einander legte wenn zwei Menschen sich nicht mehr lieben und mit einem Male Alles vergessen, dann äst kein wahrer Ehestand mehr vorhanden. Die Frau isset umsonst I ödas Brod, welches der Mann verdient, und der Gatte wiederum, der eine Andere liebt, kann weder treu noch glücklich sein. Ich will Dein Brod nicht umsonst essen, und ich kann nicht ertragen und mit ansehen, was mir schweres Herzeleid verursacht. Am bkvenigsten aber möchte ich, daß Du Deine Ehre befleckest, Jas, was einmal tief an Deinem Herzen nagen würde. Ich liebe Dich mehr als mein Leben, und ich will lieber sterben, als den Gedanken ertragen, ich stände Deinem Glücke im Wege. Auch gestehe ich Dir, daß ich nicht sehen mag, wie man Deine Er⸗ ] parnisse vergeudet, die unserem Kinde zu gute kommen sollten. ö Far sei es von mir, mit Dir zu streiten, da Dir ja das Recht

SPeifenblasen. Erzählung von Eliza Orzeszko. (Fortsetzung.)

Deutsch von Johanna Ruhe.

zusteht, über Dein Eigenthum zu verfügen, und meine Vorwürfe würden Dein Leben nur noch mehr verbittern, aber Du siehst ja selbst, wie Dein Vermögen zusammenschrumpft, und wie Du Dich selbst und die Zukunft Deines Kindes ruinirst. Ich ver⸗ lasse Dein Haus, mein geliebter, theuerster Jas, ich reise nach Onwil, werde dort wohnen und mit Josepha Kleider nähen; ich habe die frohe Zuversicht, daß es mir, wie vor unserer ehelichen Verbindung, weder an Arbeit noch an Geld fehlen wird. Dann glaube ich auch, daß, sobald Du siehst, daß ich weder träge noch nachlässig in der Arbeit bin, Du mich höher schätzen wirst, als wenn ich in Deinem Hause bliebe, ungeliebt und unbeachtet, und immer nur weinte und mit Dir im Streite läge. Mein theurer Jas, während ich Dir schreibe, thut mir das Herz so wehe, und wenn ich Jancia nicht hätte, dann würde ich lieber sterben, als Dich betrüben. Allein ich zürne Dir nicht, ich war mit Dir sehr glücklich, und ich danke Dir dafür. Du bist ja ein Rechtsgelehrter und mußt deshalb wissen, ob Du Dich von mir scheiden lassen kannst; falls es möglich ist, so will ich Dir nicht im Wege stehen, nein, ich werde Dir helfen, so gut ich's vermag. Aber wenn es nicht geht, was soll dann geschehen? Ein jeder von uns wird dann sein Leid allein tragen müssen. Um Jancia brauchst Du Dich nicht zu kümmern, ich nehme sie mit mir, und ich hoffe, es wird ihr an nichts fehlen. Sollte ich wahrnehmen, daß die Kleine mehr zur Kräftigung ihrer Gesund heit braucht, oder wenn die Zeit kommt, daß sie die Schule be suchen muß, dann werde ich schreiben, damit Du ihr etwas Geld schickst; denn Du bist ja der Vater und hast Verpflichtungen gegen Dein Kind. Inzwischen werde ich jeden Monat zweimal schreiben, wie Jancia sich befindet, und falls Du willst, schreibe ich Dir auch, wie es mir geht, und was ich verdiene. Vor läufig brauchen wir kein Geld; um die Reise zu bestreiten und einige Zeit sorgenfrei leben zu können, habe ich mein seidenes Kleid und meine Schmucksachen verkauft, dazu besitze ich noch meine Ersparnisse. Auf diese Weise hoffe ich auszukommen, bis ich etwas verdiene, und ich gebe Dir die Versicherung, daß, falls Du Geld schicken solltest, ich dasselbe Dir sosort zurücksenden werde. Doch nun segne ich Dich, mein lieber Jas, lebe wohl, vielleicht auf immer! Möglicherweise entrinnst Du dem Zauber der Person, welche Du jetzt liebst dann denke daran, daß Du auf Erden eine wahre Freundin hast, welche heute Dich verläßt, doch nicht in Zorn und Haß, sondern nur weil sie will, daß Du nicht leiden sollst um ihretwillen, und die nicht bei Dir bleiben kann, damit sie nicht Gott weiß welcher Person nachgesetzt werde. Aber wisse, wenn Trübsal und schwere Sorgen Dich