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sei. Dann verließ Anna hurtig das Zimmer, um bald darauf mit ihrer kleinen Jancia zurückzukehren. Indem sie sich über die welken, zitternden Hände der Greisin beugte, bat sie flüsternd: „Meine liebe Frau, Sie haben Ihr ganzes Leben in diesem Orte zugebracht, und Sie kennen gewiß hier viele Leute. Wenn Sie daher erfahren sollten, daß Jemand eine Schneiderin oder Nähterin braucht, bitte, so empfehlen Sie mich doch. Ich nähe sehr gut, und ich muß viel, sehr viel verdienen.“ Die Alte blickte ihr forschend in's Gesicht. „Sie haben doch einen Gatten?“ sagte sie, unzufrieden mit dem Kopfe schüttelnd. Dann fügte sie hinzu:„Mir will es gar nicht gefallen, wenn Frauen ihre Männer verlassen.“
Anna bereitete gerade einen Teig und schwieg; endlich er⸗ wwiderte sie mit gesenkten Augen:„Ich habe nichts Böses gethan, aber, sehen Sie, ich will lieber vor Hunger und Elend sterben, gals meine traurige Geschichte in die Welt hinausschreien.“
Nach einer Weile antwortete Frau Ignaz:„Mit anderen
Worten, Sie wollen Ihren Gatten nicht anklagen, das gefällt mir. Allein Ihr Mann müßte wenigstens für Sie sorgen, Ihnen eine ordentliche Existenz schaffen, zumal da Sie ein Kind haben.“
„Nein, nein,“ unterbrach sie die junge Frau,„er ist der beste und klügste und ehrlichste Mensch von der Welt.“
Die Greisin lächelte zufrieden.
„Nun, ich werde mich bemühen, daß Sie Arbeit bekommen,“ sagte sie nach einer Weile.„Obwohl ich arm bin, habe ich doch beinahe ein ganzes Jahrhundert hier am Orte gelebt und kenne alle Menschen, sowohl die armen, wie die reichen. Wenn ich meinen Winterpelz anziehe und ausgehe, dann werde ich Ihnen Arbeit verschaffen. Sie können sich allerdings keine großen Summen dabei ersparen, aber zum Leben genügt es schon... Sollten Sie augenblicklich kein Geld haben, so will ich Ihnen das Mittags- brod kreditiren.“
5 Nach einigen Minuten richtete sich die Alte hoch auf, ließ
. ihren Strickstrumpf ruhen und begann wieder von ihren Söhnen zu erzählen.
„Mein ältester Sohn übernahm von seinem Vater die Tischlerei,
5 er war Kunsttischler, aber er verheirathete sich unglücklich. Dann
55 kam der Ausstand, er betheiligte sich daran und kehrte nicht mehr
zurück. Der zweite war ein Gerichtsbeamter, es ging ihm sehr 5 gut, doch eines Versehens wegen büßte er seine Stelle ein— 9 er wußte nicht, wie er für seine Familie sorgen sollte... in
seiner Verzweiflung... nun, ich will Ihnen die Wahrheit sagen, er ergab sich dem Trunke und starb im Elend. Er hinterließ dieses kleine Mädchen, die Anna. Der dritte Sohn hat die Universität besucht und lebt sehr, sehr weit von hier.“ Als sie von ihrem jüngsten Sohne sprach, leuchteten ihre Augen 5 hell auf. Dann lächelte sie still vor sich hin und erzählte weiter: 5„Mein Aeltester hinterließ einen Sohn, er heißt Ignaz, ich I ließ ihn das ganze Gymnasium absolviren, und jetzt ist er auf I der Universität und bildet sich zu einem Rechtsanwalt aus. Er ist ein hübscher Junge... wenn Sie bis zum Sommer bei uns 1 bleiben, werden Sie ihn sehen; denn er kommt in den Ferien zu mir, in acht Monaten kommt er schon... kommt er schon.“ Triumphirend blickte sie um sich und lachte seelenvergnügt; dann schlug sie sich mit der Hand auf das Kniee und rief:„Ja, er kommt, er kommt!“ f 5 Frau Mirewicz hörte auf, den Teig zu kneten; sie lehnte die Schulter an die Ecke des Ofens und blickte voll Bewunderung zu der Greisin auf, die drei große Söhne und den Gatten ver⸗ loren hatte und die ihr Letztes opferte, und der trotzdem über den Gräbern ihrer Lieben neue Blumen des Lebens und des Gedeihens erblühten. 5*V*VV 6 Das Leben und Treiben um Anna her erschien ihr wie eine ö Werkstatt der Zukunft. Die Arbeit war nicht leicht. Anna sah oftmals, wie Josepha in der Nacht, vom vielen Lernen und Unter— 0 ö
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eichten erschöpft, in ihren Kleidern sich auf das Bett warf, um lich nach kurzem, unruhigen Schlafe zu neuer Thätigkeit zu er⸗ geben. Wenn Anna ihre Freundin bat, ihre Kräfte nicht allzu ehr zu erschöpfen, dann erwiderte ihr diese, sie müsse noch viel lernen, um in einem fremden Lande so viel verdienen zu können, vamit ihre Schwester auch glücklich ihr Ziel erreiche. Bei diesen Worten leuchtete es freudig in ihren Augen auf, und ein zartes Roth bedeckte ihre Wangen. Sie vertraute der jungen Frau,
Helka solle Medizin studiren; habe dieselbe das Doktorexamen gemacht, dann könne und werde sie ausruhen von all den Sorgen und Strapazen, allein bis dahin müsse sie unausgesetzt arbeiten. Oftmals kehrte sie sehr spät Abends nach Hause zurück und fiel athem⸗ und kraftlos mit blassen Lippen auf das Sopha. Freund⸗ lich und liebevoll ihr zuredend, reichte ihr Anna den bereits zu— bereiteten Thee.
„Meine arme Josepha,“ begann sie halb theilnehmend, halb vorwurfsvoll,„eine wie traurige Jugend verlebst Du doch! Du gönnst Dir keine Annehmlichkeit, kein Vergnügen, keine Ab⸗ wechselung.“
Josepha's Antlitz färbte sich bei solchen Worten dunkelroth; Mitleid schien sie zu beschämen.
„Bedaure mich nicht, liebe Anna,“ rief sie lebhaft,„ich bitte Dich, betrübe Dich jn nicht um meinetwillen! Wie sollte es mir denn so schlecht gehen? Blicke nur um Dich! Eine jede von uns arbeitet ja so viel, um existiren zu können. Warum— warum sollte ich für mich etwas Besseres verlangen?“
„Aber Deine Bücherarbeit ist doch sehr schwer!“ fügte Anna schüchtern hinzu.
Jetzt ergriff Josepha die Hand der jungen Frau; ihre Augen leuchteten.
„Nein, liebe Anna, überschätze das Lernen nicht! Es giebt Gesundheit, Kraft und Glück. Wüßtest Du, wie sehr man die Wissenschaft lieben kann! Nur daß jetzt...“
Hier besann sie sich, und ihre Augen nahmen einen trüben Aus⸗ druck an, als sie fortfuhr:„Nur daß alles in dieser Beziehung mit so viel Unkosten verknüpft ist, viel mehr, als sonst...“ Doch schnell fügte sie hinzu:„Später wird es anders und besser werden.“
Sie blickte durch die nur angelehnte Küchenthür; dort saßen die beiden jungen Mädchen nebeneinander, lernten fleißig und kicherten zuweilen halblaut vor sich hin. Josepha erhob sich, schlich sich auf den Fußspitzen zu ihnen hin, bedeckte der Schwester die Augen mit den Händen und fragte:„Wer bin ich? Rathe einmal!“
Die jungen Mädchen sprangen von ihren Sitzen auf und umringten jubelnd Fräulein Josepha.
So nahte der Winter mit seinen Freuden und Vergnügungen. Auf den Straßen vernahm man das laute Schellengeläute der Schlitten, und in den Ballsälen herrschte der Fastnachtsjubel. Auch in Josepha's Wohnung ging es manchmal recht heiter zu. Wenn Sonnabends die jugendlichen Freundinnen ihre Schul— arbeiten zeitig vollendet hatten, und Josepha, müde vom Unter⸗ richten, heimgekehrt war, dann scharten sich alle um den von Anna bereiteten Theetisch, auf welchem der Samowar lustig brodelte. Nach dem Abendbrod setzte fich Anna an die Näh- maschine, die drei jungen Mädchen leisteten ihr Gesellschaft, und ein jedes nahm eine Handarbeit vor. Wenn dann das Scherzen und muntere Lachen durch das Zimmer schwirrte, öffnete sich leise die Thür, und die hohe, gebeugte Gestalt der Frau Ignaz wurde sichtbar. Jedes Mal brachte die Alte irgend einen Lecker⸗ bissen mit, entweder einen Teller mit Bratkartoffeln oder frische Bratwurst, zuweilen auch eine Schüssel voll frisch gebackener Schmalzkrapfen. Im Chor ertönte die Begrüßung, und die Greisin mußte neben der Jugend Platz nehmen.
Mit vergnügtem Gesicht ließ Frau Ignaz ihre Augen über die liebliche Gruppe schweifen und wandte sich hierauf an Anna mit der Frage:„Nun, habe ich Ihnen Arbeit besorgt? Sind Sie jetzt zufrieden?“
Hierauf gab sie Josepha ein Gläschen Wein und sagte:„Sie schlafen wenig, essen fast gar nichts und arbeiten viel! Sie untergraben Ihre Gesundheit! Sie sehen ja aus wie Haferbrei!“
Liebkosend strich sie über das Haar der beiden jungen Mädchen, lachte herzlich auf und erzählte das Märchen von einem Vater, der zu seinem Sohne zu sagen pflegte:„Lerne, mein Söhnchen, lerne— Du wirst auch ein König werden!“ Hatten sich Alle die Leckerbissen gut schmecken lassen, dann setzte sich Frau Ignaz in den dunkelsten Winkel der Stube, nahm ihren Strickstrumpf vor und begann von neuem die bekannte Geschichte von ihren Söhnen. Sie schloß jedes Mal mit der Versicherung, daß ihr Enkel Ignaz in den Ferien zu ihr kommen würde.„Ja, er kommt, er kommt!“ rief sie freudig verklärt aus. 5
(Fortsetzung folgt.)
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