8 87.
——
D
A———-—¼
flüchtig ihre weiße Stirn.„Gewiß, Edith, dem Herzen immer sein Recht! Was ich zu thun vermag für Sie und Ihren Ge— liebten, das wird geschehen. Und nun Gott befohlen! Ich muß Ihren Vater zunächst aufsuchen und sodann noch einen Anderen— nein, nicht Ihren Adalbert,“ schloß er lächelnd, da er sie zusammenzucken sah,„wir Beide werden uns hier wie überall in Eintracht begegnen, mein Wort darauf, Edith!“ Er grüßte sie herzlich und verließ das Haus. In nächster Nähe desselben kam ihm der Pseudo-Engländer in seinem Nan— kinganzug entgegen geschritten. „Vortrefflich!“ sagte Herr Graumann, seinem Schwiegersohn in spe die hagere Hand entgegenstreckend. Dieser ließ alle fünf Finger unberührt.„Vortrefflich, sagen Sie? Es wäre möglich, daß ich nach einer unumgänglich noth— wendig gewordenen Erklärung dieses Wort wiederholte; es kommt dies lediglich auf Sie an, Herr Graumann. Vorläufig muß ich mich für schwer beleidigt halten durch die Zumuthung, Ihre Tochter Edith zum Altar zu führen, obwohl Ihnen bewußt ist, daß dieselbe mir von ganzer Seele widerstrebt und vor Sehn— sucht und Liebe nach einem anderen Manne beinahe den Ver— stand verloren hätte. Was haben Sie hierauf zu erwidern?“ Da Herr Graumann wortarm schwieg und nur tiefer und tiefer mit beiden geballten Händen sich in die unergründlichen Taschen seines Rockes versenkte, fuhr Arnulf Welsing mit finsterer Entschlossenheit fort: a „Heißt das ehrenhaft an mir gehandelt, der ich in gutem Glauben Ihren gegentheiligen Versicherungen Vertrauen schenkte, bis der gesunde Menschenverstand sich heimlich dagegen auf— lehnte? Wenn Sie denn das Glück Ihres Kindes für nichts achten, so müßte Ihnen doch das Bewußtsein, mich so schnöde, so gewissenlos hintergangen zu haben, einige Skrupel verur⸗ sachen. Ich frage Sie jetzt, Herr Graumann, womit Sie diese schwere Beleidigung auszugleichen gedenken? Im Zangswege, das heißt, indem Sie mir persönlich Genugthuung geben, oder auf dem Wege stillen Uebereinkommens, indem Sie mich in Edith und Edith in mir entschädigen?“ g Das an sich fahle Antlitz des reichen, herzlosen Mannes war
im Verlauf der eindringlichen Rede des Beleidigten allgemach strohfarben geworden. Er zitterte für sein schönes, freies, mit allen Annehmlichkeiten dieses Daseins geschmücktes Leben. Dieses in die Schanze zu schlagen, kam ihm nicht in den Sinn. Existirte er nur unbehelligt weiter, so kümmerte ihn die ganze Welt nicht.
„Ich bin bereit, Sie auf friedliche Art zu entschädigen,“ sagte er, die Maske wieder vor sein gelangweiltes Antlitz legend. „Was verlangen Sie?“
„Nur Gerechtigkeit und Menschlichkeit,“ erwiderte Welsing fest.
„Der Assessor von Lossau ist seit gestern Abend hier am Ort. Verloben Sie ihm Ihre Tochter, so ist die Fehde zwischen uns auf Nimmerwiedersehen ausgeglichen!“ Herr Graumann schluckte ein paar Mal heftig, als müsse er einen widerstrebenden Bissen gewaltsam hinunterwürgen. Endlich sagte er trocken:„Er soll zu mir kommen! Die Verlobung mag noch heute vor sich gehen!“ Dann lüftete er flüchtig den gelben Strohhut, hüstelte und ging möglichst steif in die Villa hinein.
„Das wäre glücklich erreicht,“ murmelte Welsing und schaute dabei forschend rings umher, als müsse er irgend etwas ent⸗ decken, was einem weißen Sommerkleid und zierlichen Schnür— stiefeln ähnlich sähe. Da er aber nichts Derartiges fand, ging er ohne Zaudern den Weg vollends hinauf nach der Konditorei, woselbst er den Oberstlieutenant von Ritter hinter einem Zei⸗ tungsblatt und einer Flasche Selterswasser ohne Mühe aus⸗ findig machte.
Die Ankunft seines präsumtiven Schwagers ließ den heiß— blütigen Herrn sich freundlich erheben, um ihm einen Stuhl an seiner Seite anzubieten. 5
Ueber eine Stunde währte das immer heftiger und schärfer geführte Gespräch, wobei der Oberstlieutenant zuweilen wie von einer Hummel gestochen in die Höhe fuhr, bis endlich die wilden Sturmeswogen sich ebneten, indem beide Herren ihre Stühle friedfertig zurückschoben und Seite an Seite, gelassen plaudernd,
die freundlichen Anlagen verließen.
Beim Eintritt in unsern Garten ward die Unterredung durch den jähen Schrei einer dünnen Frauenstimme unterbrochen. Diese zarte Kundgebung konnte von niemand Anderen herrühren als von Fräulein Mathilde, welche denn auch wie mit Sonnen— glanz doppelt reich bedacht strahlend auf den unerwarteten An— kömmling blickte und dann erröthend in der Laube verschwand.
Erstaunlicherweise äußerte Welsing keine Spur Mißvergnügen über eine so seltsame Begrüßungsart, vielmehr trennte er sich thunlichst rasch von seinem Begleiter und eilte der neckischen, kleinen Fee in ihr heimliches grünes Reich nach. Es war wohl nur aus Versehen, daß er ohne Weiteres die Hände unseres Plagegeistes ergriff und so lange festhielt, bis das braune Augen— paar der Nippesfigur wie im wachen Traum sich zu um— schleiern begann...
Inzwischen hatte meine Luise trotz ihrer Herzensqual die Leidensgeschichte der holden Edith mit großem Interesse an⸗ gehört, mit noch größerem Interesse deren Versicherung, nur einen Mann lieben zu können, und mit allergrößtem meinen ungeheuchelten Wunsch, daß sie möglichst bald diesem Einen für immer angehören möchte. In diesem letzteren Wunsch lösten
sich denn, Gottlob! alle Zweifel und Besorgnisse in Duft, in
Lilienduft auf.
Das Hausmädchen überbrachte mir einen Brief.„Vom Herrn Oberstlieutenant von Ritter!“ Luise griff ihrer Gewohnheit gemäß zuerst danach.„Dieses
Ungeheuer! Dieser Kannibale!“
Er schrieb:„Geehrter Herr Doktor! Nach reiflicher Ueber— legung zu der Einsicht durchgedrungen, daß ein Zweikampf gerade das ans Tageslicht ziehen würde, was ich mit bestem Willen vergessen und ungeschehen machen möchte, nehme ich um meiner hochverehrten und heißgeliebten Braut willen die gegen Ihre Feder vorgebrachten Beschuldigungen zurück und bitte Sie, den Vorfall als nicht geschehen zu betrachten.
Sigismund von Ritter.“
„Georg!“ schrie Luise.„Heute feiern wir unsere zweite Hochzeit!“ Damit fiel sie mir so unbeschreiblich glücklich in die Arme, daß ich mir den stillen Schwur abnahm, von nun an ihre kleinen Schwächen noch mehr zu schonen als bisher. Und ich werde es halten.
Nachdem die Antwort meinerseits in aller Form ertheilt worden war, wobei Luise mir die Feder emsig eintauchte und Wort für Wort laut mitlas, sagten wir Beide wie aus einem Munde: 5
„Himmel, wo ist während der ganzen Zeit Fräulein Irr— wisch geblieben?“
Ausnahmsweise brauchten wir diesmal keine Hetzjagd nach ihr anzustellen. Wie gerufen erschien sie plötzlich vor uns— an der Hand Arnulf Welsing's. Sie hatte geweint, und über ihrem kecken Antlitz lag ein weicher Schimmer jungfräulicher Schamhaftigkeit, was ihr außerordentlich gut stand.
„Mathilde!“ rief meine Frau, aus einem Erstaunen in das andere sinkend. a
Sie fiel Luise um den Hals. Aber gleich darauf lachte der Schalk schon wieder aus ihren braunen Augen. Sie machte mir, der ich noch immer starr und stumm vor dem Paare da— stand, die bekannte spöttische Verbeugung und rief neckisch:
„Ei, Herr Doktor, das geht wohl wieder über den Gelehrten— horizont hinaus! Saul zog aus, einen Esel zu suchen, und fand ein Königreich— ich zog nach Annendorf, um Berge zu sehen, und fand einen Mann!“
Welsing drückte den kleinen Kobold innig an sich. reichten wir uns Alle stummbewegt die Hand.
„Na,“ sagte ich, als das Brautpaar das Weite gesucht hatte, „Mathilde reist morgen also mit Welsing nach Berlin? Ich für meinen Theil habe diese Annendorfer Sommerfrische so gründlich satt bekommen, wie man's nur wünschen kann!“
„Ich auch!“ rief Luise.„Obwohl ja Alles zum Heil aus⸗ schlug und wir zwei Paare glücklich gemacht haben!“
„Zum Weltbeglücker fühle ich absolut keinen Beruf in mir,“ erwiderte ich, ihre Rechte in die meine nehmend.„Weißt Du was, Luise? Wir packen morgen in der Frühe auf und ver⸗ lassen, sobald Mathilde fort ist, gleichfalls dieses zweifelhafte Paradies!“
Dann
A/ 2 185


