Ausgabe 
11.3.1888
 
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eine glückliche Ehe nennt, wie gewöhnlich unterliegen wird. Es liegt nicht die geringste Veranlassung vor, zu vermuthen, daß das Schicksal in dem vorliegenden Fall eine Ausnahme von der Regel zulassen sollte.

Eine Sommerfrische. Novelle von Georg Hartwig. (Schluß.)

IV.

Mein nächster Gedanke war, ein Testament zu machen, in welchem ich Luise als Universalerbin einsetzte. Verdient hatte sie es freilich nicht um mich. Zuletzt nahm ich Hut und Stock und verließ die Villa, um meinen Freund aufzusuchen und ihn um den Liebesdienst anzugehen, mein Sekundant zu sein. Wie würde er aus allen Himmeln stürzen vor Schrecken! Und was würde Luise morgen sagen beim Abschiednehmen? Ob sie auch wohl angesichts einer ewigen Trennung an Lilienduft und ähnliche irdische Bagatellen würde denken können?

Spät kam ich heim. Meine Gattin schlief bereits oder that wenigstens so. Ich legte mich also auch nieder und versuchte zu schlafen. Es wollte aber nicht recht gehen, und ich stand in heller Wuth als ein Opfer meiner schriftstellerischen Anlage auf. Wenn es mir Trost gewährte, so konnte ich mir den Beifall, welchen die Novelle gefunden, als Lorbeerkranz um die Schläfen winden und so wenigstens als bekränztes Lamm zum Altar treten. Es gewährte mir aber keinen Trost.

Nach dem Kaffee, welchen Luise mir gegenüber wortlos in sich schlürfte, ließ sich ein fremder Herr bei mir melden.

Du erlaubst! sagte ich aufstehend. Es war der Abgesandte des Oberstlieutenants, welcher mich zu fünf Uhr Nachmittags in das Tannenwäldchen einlud.

Sie werden mich finden. Im Uebrigen habe ich außer dem Abdrücken der Waffe nichts mehr mit der Sache zu schaffen.

Er ging.

Luise kam mir aus der Schlafstube in heroischer Haltung entgegen, indem sie die Thür hinter sich halb geöffnet ließ, um mir ihre Vorbereitungen zur Abreise demonstrativ vor Augen zu führen.Nach dem Essen fahre ich ab.

Jetzt schwoll mir doch der Kamm. Ihretwegen und auf ihr Schmollen, Weinen und Drängen hin hatte ich dieseSammet schleppennovelle geschrieben gegen meinen Willen, und jetzt, wo ich mich diesesGeschreibsels halber todtschießen lassen sollte, wollte sie kurz vorher ganz gemüthlich und unversehrt nach Hause fahren.

Vielleicht wartest Du mit dieser Abreise noch drei Stunden länger, warf ich ein.Du könntest mich am Ende doch mit nehmen müssen.

Sie blickte mich an, von der düsteren Prophetie meines Tonfalls sichtlich erschreckt.Wie so, wenn ich fragen darf? sagte sie, einen schon halb zusammengelegten Umhang glatt streichend.

Weil Du sonst möglicherweise die Reise hierher noch einmal machen müßtest, um mich abzuholen, entgegnete ich diabolisch angehaucht von der Heimtücke meines Geschicks.

Abholen? Kannst Du nicht allein fahren? fragte sie ver wirrt und büßte ihre heroische Haltung langsam, aber sicher ein.

Nein! Todtgeschossene Mäuner pflegen nicht allein im Nicht rauchercoupe zu fahren, und ich werde wahrscheinlich demnächst zu dieser Gattung gehören, sagte ich und hätte dem pfeffrigen Ritter am liebsten jetzt schon einen Denkzettel für dasGe schreibsel 1

Georg! schrie sie auf und ließ den theuren, seidenen Um hang wie eine leere Schotenhülse zur Erde gleiten.

So ist es! sagte ich vor Gift und Galle lachend.Und weißt Du, was mir diese liebenswerthe Abwechslung verschafft? Deine blaue Sammetschleppen-Novelle. Sie wird an mir ge rochen. Herr von Ritter riecht sie nein, ich verwirre mich er rächt sie!

Georg, Georg! rief sie noch einmal, und der Lilienduft schien sich völlig zu verflüchtigen.

Aber mein Herz war ganz verhärtet.Ja wohl, nun kannst

Du die blaue Sammetschleppe auch noch mit Reuethränen wie mit Brillanten besäen. Es wird sich sehr gut machen und ich habe nichts mehr dagegen einzuwenden. Wir wären ja so wie so von einander gegangen, das heißt, Du von mir!

Nie, nie! schluchzte sie heftig auf und wollte in meine Arme sinken, aber ich wehrte sie aus pädagogischen Gründen noch etwas von mir ab. Duell sein; es darf nicht stattfinden! Eher rufe ich ganz Annen⸗ dorf zu Hilfe und schreie den wüthenden Ritter als Mörder aus. Mathilde hilft mir, das weiß ich.

Sie war in diesem Gefühlsausbruch so ganz besonders reizend, daß ich nicht umhin konnte, ihr beide Arme ziemlich leidenschaft⸗ lich zu öffnen, und mit einem Schrei des Schmerzes und der Freude stürzte die kleine Frau mir an's Herz, drückte sich fest dagegen und küßte mir unter heißen, rollenden Thränen Lippen und Wangen.

Das war ein zu süßes Labsal, um noch irgend welchen Groll zu hegen gegen ihre böswilligen Absichten und unparla⸗ mentarischen Ausdrücke. Vielmehr fiel mir in diesem feierlichen

Moment eine Stelle aus demTroubadour ein, welche mich

in Jünglingsjahren zährenfließenderweise halbwegs aufgelböst hatte:Mein letzter Hauch noch sage Dir, Du warst die höchste Wonne mir....

Da klopfte es leider. Rücksichten der Welt! Herein!

Arnulf Welsing trat vorsichtig näher. Aber bevor der brave i

Mann noch ein Wörtlein der Begrüßung stammeln konnte, hatte Luise sich von mir losgerissen und ihn kurz und bündig in die ganze Familiengeschichte eingeweiht:Ueberflüssige Sommerroben Hochzeit des Bruders Brief des Verlegers blaue Sammetschleppe Bräutigam wider Willen Annendorf Ritter Duell Mord und Todtschlag.

Welsing gab sich ersichtlich Mühe, diesen fliegenden Wandel bildern zu folgen. Zuletzt reichte er meiner verzweifelten Gattin beruhigend die Hand.Wissen Sie, was Herr von Ritter mit seiner Forderung ist? Ein Narr! Ich werde ihm das aus einandersetzen!

Nein! rief ich mit tragischem Pathos. Narr zu Grunde gehen, und ich als Weiser! 4

Wir sehen uns bald wieder, sagte Welsing freundlich, die ihn umklammernden Hände meiner Gattin lösend.Ich habe noch einen Gang mit der Familie Graumann zu thun.

Dieser Funke schlug trotz aller Seelenangst mächtig in die immer empfangsfähige Neugier meiner Luise.Sie! Wie so denn?

Angesichts des Todes schwand alle lilienduftige Geheimniß⸗ krämerei. Ich winkte mein Weib mit Emphase zu mir.Komm, Luise, jetzt sollst Du klar sehen!

Während der nun folgenden Enthüllungen schritt der Fabrik⸗ besitzer Arnulf Welsing die Treppe hinunter und klopfte ohne vorherige Anmeldung an Herrn Graumann's Zimmerthür.

Wer öffnete ihm? Niemand anders als die blonde, blau⸗ äugige Edith selbst. das arme Mädchen so sehr, daß sie beinahe zu seinen Füßen niedergestürzt wäre, wenn nicht Welsing mit leidenschaftsloser Güte, die ihn selber in Erstaunen versetzte, sie in seinen Armen aufgefangen hätte.

Eine kleine Weile sah er stumm und sorschend in ihr farben⸗ wechselndes Antlitz; endlich sagte er leise:Sie brauchen nicht mehr vor mir zu zittern, ich weiß Alles. Und vorwurfsvoll fügte er hinzu:Oh, Edith, warum konnten Sie nicht aufrich⸗ tiger sein? Kannten Sie mich denn so schlecht?

Ich durfte nicht, stammelte sie, mit Thränen kämpfend.

Er biß sich auf die Lippe.Es ist wahr, Edith, Sie sind schuldlos daran. Ihr leidendes Aussehen ist mir Bürge. Aber lange hätte das Gaukelspiel nicht mehr gedauert, fuhr er finster

So mag er als

fort,ich lebe seit acht Tagen drüben in Nieder-Annendorf, um Ihr Geliebter, Edith, ist gestern Abend

Sie zu beobachten. angelangt!

Sie nickte leise, indem sie seine Hand ergriff.Verzeihen Sie ich liebe ihn, weil ich muß! 8 Er zog sie wie ein alter Freund an die Brust und küßte

Ich kann nicht Schuld an diesem

Was kümmerten uns jetzt noch alle Mein Weib im Arm donnerte ich:

Bei seinem unvermutheten Anblick erschrak

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