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Transporte machten mir Vergnügen, weil sie eine Musterlese von menschlichem Elend darboten.“
„An jenem Tage war es gerade besonders schlimm mit mir. Wohl mancher meiner Sträflinge war im Vergleich mit mir zu beneiden; denn ich war wieder tief unglücklich und ver— bittert. Dazu kam noch, daß ein gefährlicher Sträfling mir auf verwegene Weise entsprang. Ich war wüthend darüber, nicht nur, weil das für mich gefährliche Folgen haben konnte, sondern auch, weil es dem Menschen gelungen war, seinem Elend zu entfliehen, während es doch für mich kein Entrinnen gab. Ich mußte ein anderes Opfer haben!
„Zum Unglück kam mir gegen Abend der Besitzer jenes Feuerzeuges entgegen. War es Ihr Vater? Seine ungewöhnliche Art zu reisen,— denn wer kommt auf jener Straße gefahren in eigenem Einspänner anstatt mit Postpferden?— konnte wohl Verdacht erregen. Ich redete mir ein, daß ich einen entsprungenen Sträfling, einen gefährlichen Nihilisten vor mir habe, daß es meine Pflicht sei, ihn zu verhaften. Aber ich hütete mich wohl, die Sache näher zu untersuchen aus Furcht, daß der Verdacht sich sogleich als unbegründet herausstellen würde.“
Der Major stockte. Maxim's Gesicht zeigte die höchste Span⸗ nung und war so weiß geworden, wie die Kissen vom Lager des Majors.
„Es wird mir schwer, weiter zu erzählen, glauben Sie mir,“ fuhr Uschakow mit leiser Stimme fort.„Aber es muß sein, damit Sie wieder gut machen können, was ich verbrochen.— Ich hieß den Fremden gefangen nehmen und mit den Sträflingen zur nächsten Etappe transportiren. Dort wurde er mit den Papieren des entsprungenen Sträflings und unter dessen Namen abge— liefert. So war die Zahl voll...“
Ein Schrei entrang sich Maxim's Brust. War es Entsetzen, war es Wuth und Rachedurst?
„Gott weiß,“ fuhr der Verwundete fort,„wie bitter schwer diese Stunde für mich ist. Aber ich mußte sprechen, um die Rettung des Unschuldigen möglich zu machen. Jetzt wissen Sie die ganze schreckliche Wahrheit, aber die Qualen meines Ge— wissens kann ich Ihnen nicht beschreiben. Als der Krieg aus⸗ brach, ließ ich mich nach dem Kriegsschauplatze versetzen in der Hoffnung, dieses verlorene Leben, diese unerträgliche Bürde bald abwerfen zu können. Ich freue mich darüber, daß dies nun bald gelungen sein wird, und darüber, daß dieser Entschluß dazu führte, Sie zu finden, um mein Gewissen um etwas erleichtern
zu können.
i„Noch eins. In Simnitza, als wir zum ersten Male zusammen— trafen, hatte ich wieder einen sehr bösen Tag gehabt, und über— dies thaten Sie Alles, um mich in die heftigste Wuth zu ver⸗ setzen. Dennoch ertrug ich Ihre harten Worte, so gut ich konnte, und nahm so Vieles hin, als irgend möglich war. Aber halten Sie mich deshalb nicht für feige; es geschah aus Schuldbewußt⸗
sein, und weil ich nicht noch mehr Unrecht gegen Sie begehen wollte. Meine Wunde erhielt ich an der Spitze meines Bataillons beim Sturm auf Grivitza. Ein Feigling— bin ich— nicht,“ fügte der Major schon mit Anstrengung hinzu.„Nun,— eilen Sie,— Ihren Vater zu— befreien.“
„Aber wie soll ich ihn befreien? Wo soll ich ihn finden?“ rief Maxim hastig.
„Nicht unter seinem Namen,“ antwortete der Major sehr leise,„können Sie ihn finden, sondern nur unter dem Namen des entsprungenen Sträflings, mit dessen Papieren er nach Si— birien verschickt wurde.“ 5
Nachdem der Major mit Mühe und kaum hörbar dies ge— sprochen, schloß er die Augen und lag wie leblos da.
„Aber den Namen,“ rief Maxim in höchster Angst,„wie hieß der Sträfling?“
Noch einmal öffnete der Major die Augen, versuchte aber vergebens zu sprechen. Er machte Maxim ein Zeichen, ihn auf⸗ zurichten.
„Um Gotteswillen den Namen!“ wiederholte Maxim in Ver⸗ zweiflung, indem er den Wunsch des Majors erfüllte und ihn im Arm hielt.
„Wassil Scheljabow,“ erwiderte der Sterbende deutlich, aber mit großer Anstrengung.
Dann suchte er tastend nach zum Munde.
Nach einem tiefen Seufzer sank sein Haupt auf die Brust.
Er war hinüber.
Tief erschüttert und keines Wortes mächtig standen Wera und Maxim am Lager des Entschlafenen. Wera verhüllte ihr Gesicht, um die hervorbrechenden Thränen zu trocknen. Sie duldete es, daß Maxim ihre Hand ergriff, sie duldete es, daß er sie einen Augenblick umfaßte, an's Herz drückte und auf die Stirne küßte.
Dann verließ Maxim das Zimmer und laut weinend fiel Wera vor dem Todtenbett auf die Knie.
Wera's Hand und führte sie
XVIII. Schluß.
Was gilt ein Menschenleben in einem großen Kriege? Wer kümmerte sich darum, daß dort in dem großen Zelthospital ein schuldbeladenes, verlorenes Leben geendigt hatte? Es waren höchstens drei Personen, die davon Notiz nahmen— Wera und Maxim, und dann der Schreiber in der Hospital-Kanzlei. Er erhielt eine Art von Rapport vom Aufseher des Zeltes mit der schwarzen Flagge über ein oder zwei Dutzend Todesfälle, die im Laufe der letzten Stunden vorgekommen. Langsam las er die Namen, dann holte er die Liste der in dem Hospital unter⸗ gebrachten Offiziere und Soldaten herbei. Es war ein Buch in großem Folioformat, das er nun ohne Uebereilung aufschlug. Durch lange Linien, welche von oben nach unten über die ganze Seite liefen, war dieselbe in eine Menge von Rubriken ab— getheilt, welche Auskunft geben sollten über Alter, Grad, Her— kunft, Hingehörigkeit, Art der Verwundung oder Krankheit des Mannes, dessen Name in der ersten Rubrik ganz links stand. Die letzte Rubrik ganz rechts war bei den meisten Namen noch leer. Der Schreiber las in dem Rapport einen Namen, schlug dann denselben Namen in der Liste nach und schrieb immer in die letzte Rubrik rechts einige Worte ein. Von diesen Worten wiederholte sich bei Allen das eine:„Umer“, er starb. Daneben notirte er dann jedesmal das Datum. Er hatte schon alle Namen eingetragen bis auf einen.
„Uschakow,“ las er,„muß ganz vorne stehen, ich glaube, er kam erst vor einigen Tagen. Richtig hier, Major Uschakow.“ Er schrieb in die letzte Rubrik:„Umer, 8 Sentjabra,“ er starb am 8. September, indem er jeden Buchstaben sorgfältig malte. Denn er liebte es sehr, der Herr Schreiber, seine Listen kalli— graphisch zu führen. f
„Harascho!“ gut, sagte er dann selbstzufrieden,„wir sind fertig für heute.“ Er nahm eine Papyros heraus, besah sie aufmerksam, zündete sie bedächtig an und blies den aromatischen Rauch wohlgefällig in die Luft. Die Hände in den Taschen, ging er einigemal im Zimmer auf und ab, dann überzeugte er sich, daß das Geschriebene trocken geworden, klappte das Buch zu und legte es weg.
Das war so ziemlich die letzte Wirkung, die des Majors Tod in dieser Welt hervorbrachte. Wie zuvor blickte die Sonne heiter vom wolkenlosen Himmel herab, von Plewna herüber schallte Kanonendonner, schwere Schläge von russischem Be⸗ lagerungsgeschütz in abgemessenen Pausen, vom fernen Süden winkten die blauen Höhen des Balkan herüber in Erwartung der Ströme von Blut, die ihm in nicht ferner Zeit zum Opfer gebracht werden sollten.
Eingedenk der Mahnung des Verstorbenen:„Handeln Sie rasch“, suchte Maxim nun auch jeden Zeitverlust zu vermeiden. Er erbat sich einen Urlaub, um nach Petersburg zurückzukehren und die Befreiung seines Vaters zu erlangen. Allein keiner seiner Vorgesetzten konnte sich dazu entschließen, in diesem Augen⸗ blick einen Arzt zu beurlauben, wo es Arbeit gab für zehnmal soviel Aerzte, als vorhanden waren. Durch immer höhere In⸗ stanzen lief sein Urlaubsgesuch, das Maxim mit verzweifelter Beharrlichkeit immer wiederholte. Es kam bis zum Ober⸗ Kommandirenden, dem Großfürsten Nikolaus. f
Mapim reiste ins Hauptquartier, um persönlich seine dringende Bitte zu unterstützen. Der Großfürst empfing ihn freundlich und hörte aufmerksam seine Erzählung an. Aber er mußte Maxim's
Bitte abschlagen, so gerne er sie bewilligt hätte.


