Ausgabe 
11.3.1888
 
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Nun, und jetzt hatte sie ihn wiedergefunden, gealtert, krank, zum Tode verwundet, von Reue gepeinigt, wie aus seinen Fieber⸗ phantasieen zu hören war. Jetzt konnte sie ja die Pflichten einer liebenden Tochter erfüllen.

Aber war denn das nicht derselbe Mann, der ihrer Mutter ein Leben voll Bitterkeit, Kränkung und Sorge bereitet hatte, über den sie in langen, einförmigen, trüben Jahren Ströme von Thränen vergossen hatte, der seine Pflichten gegen Frau und Kind so schnöde mißachtet und dadurch jeden Anspruch auf ihre Liebe verloren hatte?

Und dennoch, es war nicht ihre Sache, darüber zu richten, wie ihr Vater gehandelt hatte. Hatte sie dazu das Recht? Sollte sie nicht vielmehr sich darauf beschränken, ihre Kinder pflichten nach besten Kräften zu erfüllen? Gewiß. Und vielleicht gelingt es ihr, noch jetzt, nach so vielen verlorenen Jahren, die Eltern wieder zu vereinigen.

Dieser Entschluß und diese Hoffnung beruhigten Wera. Mit seltenem Muth widmete sie sich, wie bisher, wieder ihrem an strengenden Beruf und ganz besonders der Pflege ihres Vaters. Sie erzählte noch an demselben Morgen Maxim, wer der Offizier sei, und bat ihn dringend, ihr behülflich zu sein, um ihn wieder herzustellen.

Gewiß, Wera Andrejewna, erwiderte Maxim,zählen Sie auf mich, wir wollen unsere Bemühungen vereinigen, ihn zu retten. Ich bitte, führen Sie mich zu ihm, ich bin sehr gespannt darauf, ihn zu sehen.

Sie fanden den Verwundeten noch immer geistesabwesend im Fieber-Delirium. Maxim besichtigte die Wunde, prüfte den Puls und schwieg nachdenklich, bestürzt. Er hatte wenig Hoffnung, daß der Verwundete nicht auch in kurzer Zeit nach dem Zelt mit der schwarzen Flagge kommen werde. Wera beobachtete ängst lich seine Mienen, sie wußte Maxim's Schweigen sehr wohl zu deuten.

Maxim blieb, in Nachdenken verloren, stehen. Warum er schien ihm dieses Gesicht so bekannt? Wo hatte er es denn gesehen? Es mußte vor Kurzem gewesen sein. Plötzlich eilte er hinaus, um in der Kanzlei den Namen des Verwundeten zu ermitteln. f

Es war Major Uschakow. Nach wenigen Minuten war er wieder in der Zeltabtheilung desselben.

Wera Andrejewna, rief er,es ist kein Zweifel mehr, es ist Ihr Vater, sein Name bestätigt es! Wir müssen ihn retten, unbedingt. Auch ich bin mit ihm zusammengetroffen, noch ganz vor Kurzem, aber ich habe ihn nicht sofort wiedererkannt, so sehr hat er sich in der kurzen Zeit verändert.

Sie sind mit ihm zusammengetroffen? fragte Wera ver wundert.Wo und wann denn?

Auf der Reise hierher, erwiderte Maxim ausweichend, der es für überflüssig hielt, jetzt die damalige ganze Szene zu be schreiben.Sie ahnen nicht, wie viel mir daran liegt, ihn gesund zu sehen und zu sprechen! Er allein kann mir mittheilen, was meinem Vater begegnet ist.

Wera hörte dies mit Verwunderung. Doch die Zeit war zu kostbar zu langen Erklärungen. Maxim traf noch einige Verfügungen und bat Wera dringend, ihn sofort zu rufen, sobald der Kranke wieder zum Bewußtsein kommen werde.

XVII. Sühne.

Dies geschah erst am dritten Tage. Maxim fand den Major abermals sehr verändert, sehr entkräftet und konnte sich der Be fürchtung nicht erwehren, daß die Lebenskräfte des Verwundeten sich sehr rasch vollends aufzehren könnten.

Wera saß neben seinem Bett mit verklärtem Blick, wenn auch mit Thränen in den Augen. Vater und Tochter hatten sich schon gefunden und verständigt und genossen das Glück des Wiedersehens.

Bei Maxim's Eintreten stutzte der Major. Er schien ver⸗ wundert, jedoch ohne zu erschrecken über Maxim's Erscheinen. Er hatte ja schon in Simnitza damals davon gehört, wohin Maxim und Ossipow kommandirt waren.

Ach, Doktor, rief er ihm entgegen,es freut mich, Sie

hier zu treffen. Ich habe mit Ihnen vor meinem Ende noch

zu sprechen.

Wera erhob sich, um das Zimmer zu verlassen, jedoch der Major hielt ihre Hand fest und bat sie, zu bleiben.

Die heitere Ruhe des Majors, die ungekünstelte Freundlich⸗ keit Maxim gegenüber entwaffneten dessen feindselige Gefühle, wenn überhaupt dieselben nicht schon beim Anblick des sterbenden Feindes geschwunden wären.

Geben Sie die Hoffnung nicht auf, Major, suchte ihn Maxim wider besseres Wissen zu ermuthigen,auch für Sie ist Genesung möglich.

Nein, nein! erwiderte Uschakow,ich danke Ihnen für

die gute Absicht, mich zu trösten, aber ich weiß, wie es mit

mir steht. Und ich freue mich, ein Leben zu verlassen, das durch meine eigene Schuld ein ödes und verlorenes geworden.

Der Major schwieg einen Augenblick, um sich zu sammeln. Sein Auge leuchtete, als er fortfuhr: 0

Sehen Sie, Doktor, welches unerhörte, unverdiente Glück der Himmel mir zuletzt noch beschieden hat.

Tochter zugeführt, das Ebenbild ihrer Mutter. Hier, Wera

Andrejewna ist meine Tochter, die mir wohl bald die Augen So wie sie, so sah ihre Mutter aus, als ich zum letzten Male sie sah, schön, blühend und herzensgut, ein

zudrücken wird.

vortreffliches Weib. Ist es zu begreifen, daß ich so verblendet

sein konnte, sie zu verlassen, als sie sich meiner sinnlosen Spiel. wuth und Verschwendungssucht widersetzte? Ist es nicht Wahn-

sinn, daß ich ein solches Glück von mir warf, daß ich Mutter und Kinder verließ, weil die volle Ungebundenheit das Ziel meiner thörichten Wünsche war? O, ich habe schwer gebüßt für

meinen Leichtsinn, für die Hartherzigkeit, mit der ich ihr Leben

verbitterte und verdarb. fort, indem er auf seine durchbohrte Brust zeigte,

Sehen Sie, hier, fuhr er lebhafter hier sind

ihre Züge eingegraben, mir zur Lust und zur unaufhörlichen Ihr milder, vorwurfsvoller Blick brennt mir noch heute

Pein. im Herzen seit jener Minute vor langen, trüben Jahren, wo ich zum letzten Male ihm begegnete, wo ich zum letzten Male ihr klares Auge geschaut. Bald, sehr bald wurde mir klar, in welchem schrecklichen Wahn ich befangen gewesen, als ich das

Glück überall, überall suchte, nur nicht da, nur nicht an der einzigen Stelle in der ganzen weiten Welt, wo es meiner,

wartete! Die Reue rief mich zurück. Ich wußte es ja, sie hätte

so gerne verziehen! Aber der falsche Stolz trieb mich weiter und 9

weiter. Ich ließ mich in ein Regiment im Osten, jenseits der Wolga, versetzen, weil ich wähnte, die Entfernung werde mir helfen, zu vergessen. In jenen endlosen Einöden, in jenem monotonen Leben, da

wuchs die strafende Erinnerung rasch zur Furie empor und kein

Entrinnen mehr war möglich. Sah ich ein Ehepaar in be

scheidenem Glück die Last des Lebens gemeinsam tragen, so wie Eltern

wurde mein Herz verbittert und krank. Sah ich, fröhlich mit ihren Kindern scherzten und sich ihres Wachsthums

freuten, so brannte mir wie glühender Stahl die Frage auf dem Gewissen:Und wo ist dein Kind? Was wird aus ihm?

Mit einem Schmerzensruf wendete der Major sich zur Seite. Er mußte innehalten, die Kräfte drohten ihn zu verlassen. In höchster Angst suchte Maxim seinen Puls. Sollte es zu spät sein? Sollte ihm nochmals das neidische Geschick vorenthalten wollen, was er seit langen, kummervollen Jahren gesucht, die Kunde, wo und wie sein Vater verschwunden war?

Doch der Major erholte sich wieder. Mit einem raschen Blick sah er die Angst auf Maxim's Miene und deutete sie richtig.

Ja, ja, fuhr er haslig fort,es ist hohe Zeit, daß Sie erfahren, was ich noch zu sagen habe, Doktor. Hören Sie und dann handeln Sie rasch, ehe es zu spät ist. Eines Tages es sind jetzt wohl acht Jahre her da führte ich von Kasan aus ostwärts einen beträchtlichen Trupp von Sträflingen, welche

nach Sibirien verschickt wurden. Ich war damals meist in schreck⸗ licher Stimmung. Die ununterbrochene Seelenpein machte mich Ich hätte das ganze Menschengeschlecht vertilgen mögen zur Sühne für das, was doch Ich wurde schroff und hart gegen jeden Menschen, der mir in den Weg kam. Diese Sträflings⸗

fast wahnsinnig, grimmig, bösartig.

meine eigene Schuld war.

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Er hat mir eine

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Aber das war ein schrecklicher Irrthum!

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