Ausgabe 
11.3.1888
 
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zu den

Oberhessischen Uachrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Gießen, den 11. März.

Vor dem Sturm.

Roman aus dem modernen russischen Leben von A. L. Berthoff. (Schluß.)

XVI. Ein Wiedersehen.

Es kam aber auch ein Zeitpunkt, wo auch ihre Kraft zu erlahmen drohte, wo auch diese stahlharte Natur zu erliegen schien. Was die unablässigen äußersten Anstrengungen viele Wochen hindurch nicht vermochten, das schien ein einziger schwerer Moment zu bewirken, ein Wiedersehen, wie es er schütternder kaum gedacht werden konnte.

Eines Abends war wieder ein bedeutender Transport von Schwerverwundeten aus den Schlachten vor Plewna eingetroffen. Ossipow beaufsichtigte ihre Unterbringung in jenem Zelt, dessen Bewohnern Maxim vor Kurzem im Gespräch mit Wera ein so düsteres Loos zutheilte. Es war, wie immer, eine schwere Arbeit und eine Quelle verdoppelter Schmerzen, die Verwundeten von den meist erbärmlichen Fuhrwerken herabzunehmen und auf ein vergleichsweise herrliches, bequemes Bett zu legen. Wera war ununterbrochen beschäftigt, zu lindern und zu trösten.

Jetzt wurde ein schwer verwundeter höherer Offizier mit einem Bajonettstich durch die Brust hereingetragen und auf ein zuvor bereitetes Lager in einer besonderen Abtheilung niedergelegt, welche eine Kleinigkeit mehr Komfort bot, als das große, gemeinschaftliche Krankenzelt. Er hatte kein Zeichen von Schmerz von sich gegeben, als die rauhen Soldatenhände ihn vom Wagen hoben, und lag jetzt regungslos mit geschlossenen Augen. Wera trat an sein Lager, um zu sehen, ob sie ihm Linderung bieten könnte, allein er antwortete nicht auf ihre leise Frage und blieb ruhig und stumm liegen. Als Wera sah, daß sie hier jetzt vorerst nichts thun konnte, nahm sie sich vor, nach einiger Zeit wieder zu kommen und wollte sich eben entfernen, als der Ver wundete die Augen aufschlug. Ihre Blicke begegneten sich, aber schauerlich war die Wirkung, welche dies auf den Offizier hervor brachte. Er riß die Augen weit auf und sein todtblasses Ge sicht nahm den Ausdruck des Erstaunens und Schreckens an. Er richtete sich halb auf, stützte sich auf den einen Arm und streckte den anderen wie abwehrend Wera entgegen.

Anna Andrejewna, rief er dabei mit schriller Stimme, kommst Du, um Rache zu nehmen?

Dann knickte er zusammen und fiel in die Kissen zurück auf sein Gesicht.

Erschrocken lief Wera hinaus, um Ossipow zu rufen. Dieser fühlte den Puls des Leidenden, nachdem er denselben in eine bessere Lage gebracht hatte.

Es ist eine Ohnmacht, sagte er dann und traf Anordnung, um ihn in's Leben zurückzurufen.

Wera erzählte ihm den Vorfall, der sie in große Aufregung versetzt hatte. N

Seltsam, bemerkte Ossipow,wem gehört wohl der Name, den er genannt hat?

Meine Mutter heißt Anna Andrejewna! rief Wera plötz⸗ lich erbleichend.O Gott! Und diese Aehnlichkeit! Diese Züge! Sollte es wirklich möglich sein! Kein Zweifel, er ist mein Vater.

Wera sank kraftlos und todtenbleich auf einen Stuhl, un⸗ fähig, das Gleichgewicht zu bewahren; vor ihren Augen wogten wirre Farbenbilder, ihr schien, als ob Alles still und finster würde, eine Ohnmacht löste den plötzlichen Druck in ihrem Gehirn, und kaum hatte Ossipow noch Zeit, sie aufzufangen, um sie vor schwerem Fall zur Erde zu bewahren.

Ihr durch so unerhörte Anstrengungen geschwächter Körper, welcher gleichwohl allen physischen Entbehrungen und Mühen noch immer widerstand, unterlag diesem Angriff, dieser geistigen Erschütterung auf den ersten Anprall.

Ossipow ließ sie auf ihr Zimmer bringen, ordnete alles Nöthige eiligst an und kehrte dann wieder auf seinen Posten zurück, wo seine Gegenwart dringend nöthig war.

Nach einiger Zeit erwachte Wera aus ihrer Betäubung und brach dann in ein lange andauerndes konvulsivisches Weinen aus. Endlich sank sie in den tiefen Schlaf der äußersten Er⸗ müdung, wie sie ihn so lange schon entbehrt hatte.

Am folgenden Morgen erwachte Wera neu gestärkt. Ihre jugendliche Lebenskraft erholte sich mit bemerkenswerther Elasti zität. Sie machte sich schon Vorwürfe über vermeintliche Ver⸗ säumniß ihrer Pflichten und eilte vor Allem an das Lager des Offiziers, den sie als ihren Vater erkannt hatte.

Er lag im Fieber. Meist war er ruhig und schweigsam, zuweilen aber gerieth er in schreckliche Aufregung durch die wirren Trugbilder seiner Phantasie. Wohl zwanzig Mal des Tages rief er den NamenAnna Andrejewna, bald schmei⸗ chelnd, bald bittend, bald mit dem Ausdruck der Reue oder des Schreckens. 5

Mit inniger Theilnahme blickte Wera auf den Kranken. Dieses entsetzlich bleiche Gesicht mit den eingefallenen Wangen, welche zuweilen in Fieberhitze erglühten, und auf welchen die Jahre und wohl auch Seelenleiden ihre unverlöschlichen Spuren hinterlassen hatten, war es das ihres Vaters? Hatte sie denn nicht aus ihren Kinderjahren ein ganz anderes Bild von ihm in der Erinnerung? Das Bild eines lebenslustigen, leicht sinnigen, frohsinnigen jungen Mannes in voller Jugendkraft, den sie einst Vater nannte, der mit ihr spielte, tändelte und sie auf dem Arme wiegte. Wie oft hatte sie in späteren Jahren sehnlich gewünscht, auch wieder einen Vater zu haben wie andere Kinder, wie gerne hätte sie jedes Opfer dafür gebracht!