5 S 0
e
84.
„Newosmoschno, es ist unmöglich!“ erwiderte der Großfürst. „Im jetzigen Augenblick geht es durchaus nicht. Von allen Seiten kommen Klagen über Mangel an Aerzten und Material. Es thut mir leid, ich kann Ihr Gesuch nicht bewilligen, so gern ich Ihnen helfen möchte.“
Maxim hatte dies befürchtet, aber dennoch auf Erfolg ge— hofft, und war jetzt tief niedergeschlagen bei dem Gedanken, daß die Befreiung seines Vaters nun um Monate hinausgeschoben werden müsse— daß er vielleicht zu spät kommen könnte.
Gutherzig von Natur, sah der Großfürst mitleidig die Rath— losigkeit Maxim's.
„Nun,“ fragte er dann,„und womit glauben Sie die Be— freiung Ihres Vaters durchzu— setzen, wie wollen Sie die Wahr— heit Ihrer Aussagen beweisen?“
Darüber war sich Maxim selbst noch nicht klar. Zaghaft er— widerte er:
„Ich hoffe auf die Gerechtig— keit meiner Sache, kaiserliche Hoheit, von weiteren Beweis— mitteln habe ich wenige oder gar keine.“
„Damit werden Sie nur schwer und nach langer Zeit zum Ziel kommen,“ erwiderte der Großfürst kopfschüttelnd, indem er zum Schreibtisch trat.„Ich möchte Ihnen gern helfen, und da ich Ihnen den Urlaub nun einmal nicht gewähren kann, so will ich versuchen, Ihnen ein Mittel zu geben, um auch ohne denselben zum Ziel zu kommen.“
Er hatte die Feder ergriffen und schrieb rasch einige Zeilen nieder, während Maxim zwischen banger Erwartung, Hoffnung und Neugier schwankte.
„Hier, junger Mann,“ sagte der Großfürst freundlich, sich wieder erhebend und zu Maxim tretend,„einige Zeilen zu Ihren Gunsten an den Justizminister. Außerdem werde ich heute den Kommandanten der Etappe von Simnitza beauftragen, über jene Scene, die sich in seiner Gegen— wart zugetragen, einen Bericht einzureichen, in welchem auch alle Aussagen der Zeugen, die er etwa noch erlangen kann, aufzunehmen sein werden. Diese beiden Papiere legen Sie Ihrem Gesuch an den Justizminister bei, ich hoffe, das wird mehr wirken, erhalten hätten und selbst nach Petersburg fahren würden. Sobald ich aus Simnitza den Bericht erhalte, wird er Ihnen zugesandt werden.“
Maxim war überglücklich und dankte dem Großfürsten in bewegten Worten, welcher seinem Adjutanten Auftrag gab, für Beschleunigung der Sache Sorge zu tragen und Maxim freund— lich entließ. a
Im Vertrauen auf die so unvermuthet gewonnene mächtige Unterstützung leitete nun Maxim die nothwendigen Schritte ohne Zögern ein. Aber es war schwer, den Unglücklichen auf— zufinden, und fast noch schwerer, eine noch härtere Geduldsprobe
Herzog Karl Theodor.
als wenn Sie Urlaub
war es, die Erfüllung endloser Formalitäten abzuwarten, welche
mehr als ein Mal erst noch einen besonderen Briefwechsel zwischen Petersburg und Nertschinsk nöthig zu machen drohten. Der Gefangene, an dessen Stelle und unter dessen Namen Maxim's Vater nach Nertschinsk verschickt worden, war zu fünf⸗ zehnjähriger Zwangsarbeit in Bergwerken verurtheilt gewesen,
eine der härtesten Strafen, welche das russische Gesetz kennt. Erst nach vielen Monaten, lange nach dem Kriege, hatte endlich Maxim die unbeschreibliche Freude, seinen so schmerzlich beklagten Vater der Freiheit, dem Leben wiedergegeben zu sehen. Maxim reiste ihm entgegen und der Ural, einst der Zeuge des Ver— brechens, das der Major an Maxim's Vater begangen, war jetzt Zeuge des Wiedersehens von Vater und Sohn, des unaus— sprechlichen Glücks, das diese unerträglich schweren Jahre abschloß.
Doch kehren wir noch einen Augenblick unter den Schatten des Rothen Kreuzes zurück.
Maxim war ruhiger und zuversichtlicher von der Audienz beim Großfürsten zurückgekehrt und ging wieder mit Eifer und Ausdauer seinen Pflichten nach, in Hoffnung auf einen baldigen günstigen Erfolg auch ohne seine persönliche Mitwirkung. Die Empfehlung und das Beweis— mittel, welche der Großfürst ihm verschafft hatte, mußten sicher mehr wirken, als seine An— wesenheit in St. Petersburg. Deshalb hatte nun Maxim auch seine Ruhe wieder gefunden. Seine Ruhe. Ja! wenigstens was diese Angelegenheit betraf. Aber da war noch eine andere Angelegenheit, die ihn doch wie— der nicht zur Ruhe kommen ließ.
Wera hatte ihren Vater auf— richtig beweint. Ein einfaches Grabmal schmückte seine Ruhe— stätte. Dann war auch sie wieder ruhig zu ihren Pflichten zu— rückgekehrt, die sie mit der— selben bewunderungswürdigen Hingebung und Ausdauer er— füllte wie früher. Nur noch um eine Schattirung ernster erschien jetzt ihr Wesen.
Maxim hatte in ihrer be- ständigen Nähe, in monate— langer gemeinschaftlicher Arbeit mit Wera längst seine Selbst— bestimmung verloren. Ja, es war ihm jetzt klar geworden, daß er schon zu jener Zeit, als er sich noch in Petersburg mit bangen Zweifeln quälte, nicht mehr frei gewesen. So ergab er sich in's Unvermeidliche. Bald konnte Wera nicht mehr im Zweifel sein über Maxim's Ge⸗ sinnungen und— Hoffnungen und mit Freuden reichte sie nach dem Kriege dem Manne die Hand zum Bund, für welchen sie von der ersten Sekunde an, wo das Schicksal sie mit ihm zu— sammengeführt, nur Verehrung und Dankbarkeit empfunden hatte.
Dieselbe eiserne Straße entlang, welche so Viele in furcht— baren Schmerzen und banger Sorge für die Zukunft gezogen waren, fuhr nach dem Friedensschluß auch ein glückliches Braut⸗ paar dem fernen Norden wieder zu.
Obgleich dieses Herzensbündniß auch auf dem Schlachtfeld zur Reife gediehen, obgleich es unzweifelhaft eine Frucht des Krieges war, finden wir doch bei sorgfältigster Durchsicht des Berliner Friedensvertrages in demselben auch nicht ein einziges Wort darüber. Die Diplomaten haben es unerklärlicher Weise ganz und gar verabsäumt, die künftigen Beziehungen der beiden Kriegführenden— nein, wollte sagen: der beiden Verbündeten zu einander zu regeln und in ihren bekanntlich ewigen und un⸗ verletzlichen Verträgen zu verewigen.
Die Besorgniß bleibt daher bestehen, daß das stärkere Ge⸗ schlecht in dem Kampfe, den man nach modernem Sprachgebrauch
———ů—ri—„4ʃ—


