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mentan seine Seele. Noch immer hielt er den Blick auf ihr all' die blitzenden Uniformen und Ständchen und Konzerte! Es
Antlitz gerichtet, und nun endlich sah sie auf.
„Ich möchte die Antwort Ihnen lieber schuldig bleiben, Georg,“ sagte sie,„obwohl sie sich in sehr kurze Worte zusammen⸗ fassen läßt“—
„Und dieselben lauten: Sie gefallen mir eben nicht mehr,“ fiel er mit Bitterkeit ein.„Zeit und Anschauungen haben sich geändert— aus den harmlosen Kindern sind kluge Leute ge— worden. Bitte, Fräulein Hedwig, bleiben Sie ruhig sitzen,— wenn Einer dem Andern weichen muß, so bin ich es.“ Er griff nach seinem Hut, den er in der Hitze des Gesprächs neben sich auf die Bank gestellt, und wollte sich eiligst entfernen. In diesem
Augenblick trat jedoch eine noch stattliche, sehr freundlich aus—
sehende Dame in die geräumige Laube und legte in einer sanft
bestimmenden Weise ihre Hand auf Georg Mansteins Arm. „Aus welchem Grunde wollen Sie uns verlassen?“ war ihre
ernste Frage.„Hat mein eigenwilliges Töchterchen Sie ge— kränkt? Es sollte mir aufrichtig leid thun.— Trinken Sie den Kaffee mit uns, dort bringt Josephine die selbstgebackenen Waffeln. Komm schnell heran, Kind!“
Ein allerliebstes Mädchen mit lang herabhängenden dunkeln Zöpfen trat knixend näher und präsentirte dem jungen Mann lächelnd den Kuchenteller.
Besänftigt, eben im Begriff, sich eine der duftenden Waffeln zu nehmen, wobei ein verstohlener Blick Hedwig's unbewegtes Antlitz streifte, trat wiederum eine Unterbrechung ein. Ein etwa zwölfjähriger Knabe kam dahergestürzt, warf zuerst seine Mütze in die Luft und dann seine Büchermappe in einen entlegenen Winkel der Laube und rief beinahe athemlos:
„Hurrah! wir bekommen Einquartierung! Mutter, es ist eine feststehende Thatsache: wir bekommen den Major! wir, die Bürger⸗ meisters. Heda, freue Dich, nun kommt Leben in unsere Stadt,
sind die Jäger, welche am weißen See ihre Schießübungen an⸗ stellen werden!“ Er umarmte zuerst die Mutter und dann die älteste Schwester in ziemlich stürmischer Weise. Und diese, nach⸗ dem sie sich von den sie umschließenden Armen befreit und ihr sich lösendes üppiges Blondhaar festgesteckt, sagte mit blitzenden Augen:
„Den Major? Karl, ist es wirklich wahr? So lange ich erwachsen bin, haben wir keine solche Einquartierung gehabt.“
„Und Sie denken sich natürlich den Major als eine Art Halbgott, schlank und stattlich, dazu geschaffen, die Herzen der Menschen zu bethören?“ wandte Georg spöttisch ein— der auf⸗ blitzende Strahl in ihren dunkeln Augen war ihm nicht ent⸗
Das bist Du!
gangen.„Im gewöhnlichen Leben, liebe Hedwig, sind die Majore ältliche, verheirathete, korpulente, etwas kurzathmige Herren, denen ein guter Trunk über den Anblick eines schonen Maͤd⸗ chens geht.“
„Sie könnten sich auch täuschen, lieber Georg,“ entgegnete Hedwig mit einem leichten Vibriren in ihrer Stimme;— ihre feinen Nasenflügel bebten.
„Ich will es um Ihretwillen wünschen,“ sagte er, beugte sich über die Hand der Frau Bürgermeisterin, welche sich ihm ent⸗ gegenstreckte, als ob sie ihn halten wolle, verbeugte sich tief vor ihrer Aeltesten und verließ mit schnellen Schritten das bürger⸗ meisterliche Terrain. 0
In der Laube herrschte nach seinem Fortgange, welcher einer Flucht glich, für's Erste ein fast peinliches Schweigen. Die beiden jüngeren Kinder waren davongeeilt, Hedwig suchte ihre Näharbeit wieder hervor und begann emsig die Nadel hin⸗ und herzuziehen. Plötzlich drang ein Blutstropfen aus einem ihret schlanken Finger, und mit einem leisen Weheruf schreckte sie empor. Ihr Auge fiel auf das ihr vorwurfsvoll zugewandte Antlitz der Mutter.
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