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Chicago?“ wiederholte Beagle unerschütterlich.
zu dem Zweck seiner Gegenwart wieder zu finden. Ein paar Minuten ließ er verstreichen, ohne ein Wort zu sprechen. Indeß das Knirschen des Kieses unter ihren Füßen und das Summen und Surren der Insekten in dem Gras, in den Bäumen und in der Luft füllte die Stille und machte sie unauffällig. Und diese Sommerstimmung von Lust und Liebe und Leben stabl fich sacht in Ewalds Seele hinein und füllte sein Herz mit Sebnsucht und Hoffen. Das Gefühl seiner eigenen Unwürdigkeit, das ihn so oft in Olgas Nähe beschlichen und bedrückt hatte, machte einer innigen Freude an ihrer Schönheit, an dem anmuthigen Klang ihrer Stimme und an ihrer Gesellschaft Platz.
„Fräulein Olga,“ hob er mit einer Befangenheit an, die laut von seiner Unerfahrenheit im Verkehr mit Frauen sprach, „zu großen Gefühlsergüssen bin ich nicht geschaffen, d. h., auf hochtönende Worte verstehe ich mich nicht. Zwei Dinge muß ich Ihnen aber doch sagen, ehe ich gehe, und stürbe ich gleich bei dem Unterfangen.“
„Er bielt inne und sah sie mit unsicherem Lächeln an.
„Das müssen ja recht entsetzliche Dinge sein, die Sie mir sagen wollen,“ rief sie mit einer nervösen Heiterkeit, die ihre Aufregung nur halb verdeckte. f 8
„Sie scheinen mir in der That schwer, sie Ihnen zu sagen.“
„Dann sagen Sie sie zu jemand anders,“ lachte sie.
Sie waren an eine Laube am Ende des Kiesweges gekommen und setzten sich auf eine alte, moosbewachsene Steinbank nieder. Ueber ihnen verschlangen zwei mächtige Kastanienbäume ihr Geäst, dessen dichtes Geblätt die Sonne von dem dünnen, blaßgrünen Gras abhielt, das in dürftigen Büscheln auf dem scharzen Boden vor ihnen wuchs. In der Laube war ein feuchter, erdiger Geruch und in den Blättern darüber ein leises Geraschel, das von der Hetzjagd herrührte, die ein paar Eichhörnchen auf den Aesten der Kastanien anstellten.
„Fräulein Olga,“ sagte Ewald, beugte sich vor und malte verlegen mit dem Griff seiner Reitpeitsche im Kies,„was würden Sie wohl von mir denken, wenn Sie heraus bekämen, daß ich Sie betrogen habe.“
„Das hängt von der Art des Betruges ab.“
Er griff einen kleinen, grünen Käfer, der sich auf ihre Schulter niederlassen wollte und schleuderte ihn auf die Straße.
„Nun denn,“ fügte er hinzu und sah ihr voll ins Gesicht, „wenn ich es Ihnen offen gestände, daß ich nicht William Graham, — sondern Ewald Nordahl heiße und daß ich Sie liebe.“
Vor Bestürzung war sie sprachlos. Die letzte Erklärung hatte sie wohl erwartet, indeß die erste kam ihr so unerwartet, daß es ihr zu schwindeln begann. Die ganze Welt schien ihr ein Nebel, der ihr in grünen, wogenden Linien vor den Augen schwamm. Sie bückte sich, bedeckte das Gesicht mit den Händen und gab sich Mühe, sich zu sammeln. Allein sie schien die Denk— kraft verloren zu haben. Ewald Nordahl sollte er sein, der ver— lorene. Sohn, den zu suchen sie einst in die Welt hatte hinaus— ziehen wollen! Das schien ihr eine wundersame, folgenreiche Offenbarung, daß sie alles ringsum mit anderen Augen ansah als zuvor. Keines Wortes war sie vor Aufregung mächtig, sie starrte stumm vor sich hin und suchte sich mit Gewalt zu sammeln und zu fassen.
Als sie nach einer Weile endlich den Kopf hob, sah sie zwei fremde Männer in dem Laubeneingang stehen. Sie sah ihren Gast aufspringen und auf sie zueilen mit Zügen, die deutlich Widerwillen ausdrückten.
„Herr Graham,“ sagte einer von den Männern,„ich habe hier in meinen Taschen die zu Ihrer Auslieferung nöthigen Papiere!“
„Auslieferung zu meiner Auslieferung!“ Ewald gereizt.„Sind Sie toll?“
„Ihr Name ist— nicht wahr?— William A. Graham und Sie waren einst Kassirer der Arbeiter-Vereinsbank von Chicago?“
Der junge Mann starrte die Detektibos— denn als solche erkannte er sie jetzt— stumm und bestürzt an. Es war ihm zu Muthe, als kämpfte er mit einem schweren Alp und als würde er nach einer Weile aufwachen und finden, daß alles ein Traum war.
„Sind Sie oder sind Sie nicht William A. Graham aus
wiederholte
Glühend in Erregung trat sie vor, legte dem jungen Man
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3 N „Ob, Du gnädiger Gott!“ rief Ewald, wie es ihm klar war in welches Labyrinth er hineingerathen war. 5 „Dachte mir's!“ meinte Beagle. „Nun, dann haben wir keine Zeit zu verlieren,“ b Turner.„Können gleich morgen Abend von Bergen absege In der That keine erfreuliche Aus sicht— unter Bewace zweier Geheimpolizisten in sein Adoptiv-Land zurückkehren zu se „Ich bin der Ansicht, meine Herren, daß es vergebliche N sein würde, Sie überzeugen zu wollen, daß ich nicht Wil Graham bin,“ versetzte er mit einem Ernst, der dem der Geh polizisten nichts nachgab.„Bitte mir jedoch nur eines zu Was hat Herr Graham verbrochen und warum soll er ausg werden?“ Statt jeder Antwort zog der Detektiv ein Papier aus f. Tasche und murmelte halblaut: „Fünf Fuß zehn Zoll groß— paßt auf ein Haar! drei dreißig Jahre alt! Kann auch stimmen! Blondes, lockiges 5 grade Nase, kleiner Schnurrbart— rechne, haben sich den auf der Reise stehen lassen! Schlanke Gestalt— werden wohl etwas angesetzt haben, seitdem sie Reit- und Kutschpferde halten!“ Er suchte wieder in seiner Tasche nach und faltete einen Bogen
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Papier auf, in dem Ewald das Blatt aus dem Hotelre erkannte, auf das er den unseligen Namen geschrieben.
„Ist das Ihre Schrift?“.
„Es ist meine Handschrift.“ 5
„Rechne, haben dann gar keinen Grund, weiter zu säumen. Zweihundertfünfzig Tausend Dollars sind eine gehörige schlagung. Dazu die Buch- und die Urkundenfälschungen das wird wohl genügen, Sie für den Rest Ihrer Tage hinter Schloß und Riegel zu bringen.“—
Ewald gab darauf keine Antwort. Einen Augenblick standen die drei Männer stumm da und starrten einander an. hatte mit wilder, schmerzlicher Aufmerksamkeit auf jedes gelauscht, das sie gesprochen; ohne selbst zu wissen warum, h sie die feste, unerschütterliche Ueberzeugung, daß Ewald das O einer unglücklichen Verwechslung war. Es lag in seinen so viel Ehrlichkeit und Offenheit, doß er, glaubte sie, keines truges fähig sein könnte. Das heroische Element in ihrer stieg ungestüm auf und ließ sie nicht kleinlich rechnen und
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Hände auf die Schulter, sah ihm in die Augen und sagte „Sind Sie wahrhaftig Ewald Nordahl?“ „Das bin ich.“
„Nun, so warten Sie einen Augenblick und ich werde
Mißverständniß aufklären.“ f Sie wollte forteilen, er aber hielt sie beim Arme zu
„Versprechen Sie mir, kein Wort von dem allen meinem V
zu sagen,“ bat er ernst.„Ich ging einst von hier fort mit ei
Flecken auf meinem Namen, und ich möchte nicht unter ähnlie
Verhältnissen zu ihm zurückkommen. Lieber soll er nie erfah
daß ich noch existire. Nein, aber ich werde ruhig mit
Herren nach Amerika zurückkehren; dort wird sich der Irrff
selber aufklären. Binnen zwei oder drei Monaten werde ich
dann wieder hier sein. Nicht einmal Sie, Fräulein Olga, sollen mir bis dahin Antwort auf die Frage geben, die ich Ihnen
stellte. Ich will Sie nicht um Ihr Vertrauen ersuchen in e
Lage, in der alles so laut gegen mich spricht.“ „Aber ich vertraue Ihnen doch!“ rief sie, leidenschaftlich
Hände zusammenpressend, wie dem Impuls wehrend, ihm
den Hals zu fallen. „Das ist schön von Ihnen,“ versetzte er mit innigstem Dan
blick.„Nun fürchte ich mich nicht, fortzureisen und— u
zukommen.“ Die Detektivs, die Menschenkenner waren, brauchten
Worte nicht zu verstehen, um die Scene zu begreifen. Sie f
Ewald mit einem verschmitzten, seiner Schauspielerkunst of
Bewunderung zollenden Blick an. In seiner Eigenschaft als Vertreter des Gesetzes fühlte
sich jedoch verpflichtet, auch ein Wort mitzusprechen. „Madame,“ sagte er daher vortretend und Olga seine
auf ihren Arm legend,„er hat in Chicago Frau und vier
Wenn ich mich nicht irre, scheint er sich freilich hier als f
Bräutigam oder so etwas aufzuspielen. Das ist ein g
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