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AJ wei Monate nach Ewalds Ankunft in dem Lande, als Syvert Gimse schon ein erkleckliches Sümmchen, wie er sich ausdrückte, aus ihm herausgeholt hatte, als die halbe Einwohnerschaft von sieben Kirchspielen in der Runde bereits in seinen Marstall ge⸗ wallfahrt, als die Blätter der Birken schon dunkel und staubig orden, kurz, als der August sich zu seinem Ende neigte und Herbst sich anschickte, sein Regiment anzutreten, langten in n Thal zwei fremde Männer an, die sich mit ihren Bärten auf der Stelle als Amerikaner kennzeichneten. Kein anderer Mensch als ein Amerikaner konnte wie sie Kinnbart mit rasirter berlippe tragen. Die beiden Männer hatten gewöhnliche, rohe Züge und nannten sich Beagle und Turner; ebenso gut aber hätten sie auch Higgins und Johnson heißen können; in ihrer ganzen Haltung lag etwas, das anzuzeigen schien, daß jeder Name für sie paßte. Und nicht nur ihre Namen schienen ihnen so gewissermaßen von ungefähr anzugehören. Denselben Eindruck machten auch ihre Kleider und ihr ganzes Gebahren. Sie mie⸗ theten sich in Vik ein, dem Hof nördlich von Gimse, hatten aber allem Anschein nach weiter nichts zu thun als zu rauchen und Depeschen in die Welt zu schicken. Bei Ewald sprachen sie zwei⸗ mal vor, und so artig sie sich auch zu sein bemühten, so un⸗ behaglich fühlte er sich doch in ihrer Nähe. Sein angenommener Name raubte ihm die Freiheit seiner Haltung. Das Gemälsche [der beiden Männer, ihre äußere prononzirt amerikanische Er⸗ scheinung, ihr Bartschnitt, kurz alles und jedes an ihnen konnte ihn reizen. Am liebsten hätte er mit den Leuten irgend einen Handel vom Zaun gebrochen. Jahre seines Lebens hätte er da⸗ N für gegeben, sie seine Treppe hinunterwerfen zu können. Sie schienen ihm ein Schandfleck auf der Natur lachendem Antlitz; das ganze Thal schien seit ihrem Auftauchen an Schönheit ver⸗ loren zu haben. 9 Dias kleine Drama, das er sich ausgedacht, und das er Scene r Scene mit heimlicher Freude vorbereitet hatte, verlor plötzlich r ihn seinen Hauptreiz. Es drängte ihn jetzt nur noch, damit zu Ende zu kommen. Er bestieg seinen Apfelschimmel und sprengte wie der wilde Jäger aus der Ballade, daß Kies und Funken stoben, über die Landstraße dahin. Schweißtriefend in Fossevang anlangend, erfuhr er, daß Fräulein Olga nicht im Hause, sondern im Garten war. Er traf ste auf einer Leiter stehend, mit dem Kopf zwischen den Zweigen eines Pflaumenbaumes; ihr Hut lag auf der Erde; ihre Wangen glühten in Gesundheit und Frische md ihr Haar war etwas zerzaust. Vorne an ihrem Kleid hatte
die eine große Leinwandtasche hängen und die Schürze, 115 J Büste bedeckte, sah ebenso kokett wie wirthschaftlich aus. 8
Seilage
zu den
5 Obrrhessischen Nachrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Gießen, den 9. d
ezember.
Ein gefährliches Inkognito. Novelle von Hjalmar Hjörth Boyesen. Deutsch von Arthur Roehl. (Schluß.)
sie Ewalds Stimme hörte, drehte sie sich in reizender Verlegenheit um, zog sich das Kleid um die Füße und setzte sich oben auf der Leiter nieder. Ein Sonnenstrahl, der sich durch das Laub stahl, spielte mit ihrem leicht aufgelösten Haar und gab ihm einen röthlichen Schimmer, den es im gewöhnlichen Licht nicht besaß. Aus ihren Zügen sprach halb Vergnügtheit halb Schmollen, als fühlte sie sich in einer Situation abgefaßt, die eigentlich etwas unter ihrer Würde war.
„Möchten Sie eine Pflaume?“ rief sie mit knabenhaftem Uebermuth.„Da— passen Sie auf— fangen Sie sie!“
Er fing die Pflaume geschickt auf, befand sich aber augen⸗ blicklich nicht in der Laune, derartige Spielereien zu üben.
„Kann ich Sie auf eine Minute sprechen, Fräulein Reimert?“ sagte er, seinen Hut mit einem Ernst lüftend, der etwas zu be⸗ deuten zu haben schien.
„Gewiß,“ entgegnete sie, dann fügte sie wie als ein Uebergang von ihrer Ausgelassenheit zu seiner feierlichen Stimmung hinzu: „Das sage ich Ihnen aber, Sie thun Unrecht daran, meine Pflaumen so geringschätzig zu behandeln. Mein Vater hat diesen Baum aus Holland herholen lassen und stets große Stücke auf ihn gehalten. Das Obst schmeckt so süß, als stammte es aus dem Paradies selber.“ N
„Das glaube ich gerne,“ antwortete er,„indeß genieße ich doch weit lieber Ihre Gesellschaft als Pflaumen, so gut sie auch sind.“
„So soll Ihnen beides zu Theil werden,“ lachte sie.
„Danke, ich bin auch mit einem zufrieden.“
Sie kam die Leiter herab, gab ihre Schürze und ihre Obst⸗ tasche an eine Magd ab, glättete sich ihr Haar und setzte sich ihren Hut auf. Dann schritten sie beide langsam über die hellen Kieswege im Schatten von Kastanien und Linden dahin.
„Ich möchte mich nämlich gerne aussprechen mit Ihnen, ehe ich von hier fortgehe,“ begann er, voll Bewunderung an ihrem feinen, lebendigen Gesichtchen hängend.
„Ehe Sie fort von hier gehen! Aber Sie gehen doch nicht fort!“ rief sie überrascht.„Wenigstens,“ fügte sie, über ihren Eifer erröthend, hinzu,„so bald doch noch nicht!“
„Doch, Fräulein, bald! Oder glaubten Sie, daß ich mein ganzes Leben nur Lachsfischerei treiben wollte.“
„Das nicht— aber es thut mir recht leid, daß Sie schon jetzt fort wollen— wegen meines Onkels!“
„Warum das?“
„Er hat Sie lieb gewonnen. Früh und spät weiß er etwas
zu Ihrem Lobe zu erzählen. Und seit Ihrer Ankunft hier hat er kaum einen seiner bösen Anfälle wieder bekommen.“
Es dünkte ihm schwer, nach dieser Abschweifung den Uebergang 0
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