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„O, ich habe ihn recht gern, gewiß recht gern,“ versicherte Käthe wie zu ihrer eigenen Beruhigung;„er ist ja so gut und Alles ist so schön, und wenn wir erst mehr mit einander verkehren, dann wird mir auch gewiß nicht mehr so beklommen zu Muthe sein, wenn er mit mir spricht. Ja— ja, Heinrich, das ist wohl recht thöricht von mir, nicht wahr, aber wenn er immer so schöne Worte spricht, dann komme ich mir so einfältig vor, dann fühle ich etwas wie Furcht.“
„O Käthchen, Käthchen!“ stöhnte der junge Gutsbesitzer auf. — Er hätte warnen mögen und wagte es nicht— würde man seiner Warnung nicht unlautere Motive unterlegen?
Käthchen aber war in ihrer lebhaften Weise bereits wieder mit andern Gedanken beschäftigt. Gewohnt, alles sie Betreffende mit dem Jugendfreunde zu besprechen, und diesem gegenüber in unbedachtem Egoismus das sie Interessirende stets als das allein Wichtige zu nehmen, redete sie munter auf ihn ein.
„Denke nur, schon zwei Briefe habe ich von ihm erhalten in den zwei Tagen; den ersten von dem Bahnhofe in X. aus, wo er eine halbe Stunde Aufenthalt hatte, und im zweiten sind sogar Verse, o so schöne, herrliche Verse!— Weißt Du eigentlich, wer Psyche war? Gewiß wieder eine von den alten Götterdamen, wie die Diana und die Venus, von der sie immer so viel Wesen machen.“
Der kleine, rothe Mund plapperte ununterbrochen weiter; es schien dem Mädchen ordentlich wohl zu thun, sich einmal recht ausplaudern zu können, und der aus allen seinen Himmeln ge— rissene, junge Mann hatte zu Allem nur ein stummes Nicken. Erst eine Stunde später, als er durch den schönen, lauen Sommer— abend den Weg nach seinem Gute zurückging, als die Dunkelheit um ihn her übereinstimmte mit dem tiefen Dunkel, in das seine Seele getaucht war, da ließ er seinem Schmerze, den Gefühlen bitterer Enttäuschung freien Lauf. Es war ihm unmöglich, in seiner augenblicklichen Seelenstimmung in seine friedliche Behausung zurückzukehren; erst mußte der Sturm ausgetobt haben, der in ihm raste. Ohne auf die Richtung zu achten, war er bis hart an das Ufer des Stromes gelangt, dessen ewig murmelnde Wasser gleichmäßig fortrollten. Immer weiter, immer weiter, schienen die leise plätschernden Wellen ihm zuzuraunen; so wird auch dein Dasein dahingehen— heute wie gestern, und morgen wie heut' — immer weiter, immer weiter! Durch ein verödetes Leben, das nicht Zweck noch Ziel mehr hat! O Gott, wie endlos das Leben sich vor ihm auszudehnen schien in dieser bittersten Stunde seines Daseins! Und doch besaß er kein Recht ihr zu zürnen; nicht sie hatte ihn getäuscht, er selbst hatte sich in süßen Wahn verstrickt. Wie ein Bruder war er ihr stets gewesen, nie war das Wörtchen Liebe über seine Lippen gekommen und wenn er dennoch geglaubt, daß sie seine Neigung längst errathen und dieselbe auch wohl erwidert, so war das eben ein Irrthum gewesen, für den er sie nicht verantwortlich machen durfte. Und deshalb sollte sie auch nicht ahnen, was er litt— sie würde ja fortgehen— zu
der vornehmen Sippe ihres reichen Bräutigams, er aber wollte
in reger Pflichterfüllung das eigene Herz zu überwinden suchen; er will und er wird den Schmerz verwinden wie ein Mann— und einst wird er ihr ruhig entgegen treten können.
Das Alles sagte er sich, wie er längs des Flusses dahin— schreitet durch die stille Nacht, und die Wellen murmeln ihr un— aufhörliches: Immer weiter, immer weiter, dazu. Er aber hebt muthig das Haupt und sieht zu den Sternen auf, welche jetzt den nächtlichen Himmel schmücken— wer will es ihm verargen, daß aller Tapferkeit und Männlichkeit ungeachtet schwere Thränen in seinen emporgerichteten Augen glänzen, und er in das tägliche Leben zurückkehrt wie in ein schweres Joch!
III.
In dem prächtigen Hause des verstorbenen Großkaufherrn und Senators Marcus Ludolf Volkmar herrschte heute eine unge— wohnte Stille. Verschiedene Besuche waren abgelehnt worden; die Dienerschaft huschte geräuschlos über die teppichbelegten Gänge
und Mila, Fräulein Ediths Kammermädchen, warf dem Bedienten
Mathis, ihrem Liebsten, achselzuckend vielsagende Blicke zu. Es lag etwas in der Luft wie die Schwüle vor dem Gewitter, und Mila wußte am besten Bescheid. Fräulein Edith, die älteste
Tochter des Hauses, war nämlich von der Natur wenig veran— lagt, ihre Empfindungen mit kluger Mäßigung in sich zu ver⸗ schließen. Weit entfernt, aus ihrem Herzen eine Mördergrube zu machen, pflegte sie meist dem ersten Impulse nachzugeben und ihren wechselnden Stimmungen auch Ausdruck zu verleihen. Sie ähnelte in diesem Punkte weder ihrer weltklugen, kühn berechnen— den Mutter, noch ihrer sanftern, auch wohl indolentern Schwester Elisabeth, welche stets gleich gütig und freundlich blieb, und etwa vorhandene Wallungen nie an die Oberfläche gelangen ließ.
Auch heute klang besonders Ediths Stimme aus der übrigens in gedämpftem Tone geführten Unterredung hervor, welche im Privatzimmer der Senatorin gepflogen wurde. Diese selbst, eine stattliche, ältere Dame mit schönen, geistvollen Zügen, aus denen neben einer gewissen Gutmüthigkeit doch auch ein hohes Standes— bewußtsein sprach, saß in einem niederen Sessel am Kamine, und vor ihr, den Arm auf den Sims gestützt, stand ihr einziger Sohn, der Erbe des weitverzweigten Handelgeschäftes, Gisbert Volkmar, während Elisabeth an der andern Seite lehnte. Edith dagegen stand seitwärts an einem mit Albums und Städteansichten be⸗ deckten Tischchen, wovon sie in erregter Weise bald dieses, bald jenes in die Hand nahm, um zuletzt Alles bunt durcheinander zu würfeln.
„Und ich kann nicht begreifen, wie Du das so gelassen hin— zunehmen vermagst,“ gab sie jetzt auf eine Mahnung der Mutter in erregter Weise zurück;„es ist ja Wahnsinn, dergleichen nur in den Bereich des Möglichen zu ziehen! Gisbert Volkmar, der vielbegehrte Patriziersohn, der nur zu wählen braucht, um die schönste, vornehmste Braut heimzuführen, und das Wirthstöch— terlein aus dem Dorfe!“ höhnte sie bitter.„Wahrlich, wir haben Dir bisher sehr Unrecht gethan, Gisbert, wenn wir Dich einen unverbesserlichen Idealisten schalten, oder aber, die Ideale sind im Preise gesunken und man liest sie nunmehr auf der Land— straße zusammen!“
„Edith!“ rief der junge Mann empört, doch eine Hand— bewegung seiner Mutter hieß ihn schweigen.
„Wozu diese Heftigkeit, welche gewiß nicht zum bessern Ein⸗ verständnisse beitragen wird, Edith,“ bemerkte sie tadelnd.„Was Gisbert gethan hät, kann ich als Mutter und als erfahrene Frau gewiß am wenigsten billigen; auch hätte ich von seiner Pietät erwartet, daß er zuvor meinen Rath erfragt, ehe er einen Schritt that, der ihn vielleicht weit abführen wird von der ehrenvollen Laufbahn, für die sein Vater ihn bestimmt, und für die seine Vorfahren ihm den Weg geebnet. Indeß ist Gisbert kein Kind mehr; er hat ernsthaft um ein junges, unschuldiges Mädchen ge— worben, und wird nun auch die Folgen dieses gewiß beklagens— werthen Schrittes tragen müssen.“—
„O Mutter, Du würdest diesen Schritt nicht beklagenswerth nennen, wenn Du mein Käthchen kenntest!“ fiel ihr der Sohn in's Wort.„Du machst Dir eine ganz falsche Vorstellung von dem süßen, engelhaften Wesen, das in gar nichts seine geringere Herkunft verräth. Meine Braut ist so bescheiden, so sittig, so kinderreinen Herzens und unschuldig heitern Gemüths, daß man gar nicht anders kann, als sie lieb gewinnen. Gewiß, Mutter, nicht ich lasse mich herunter, indem ich das holde Mädchen zu meiner Frau mache, nein, sie erweist mir unverdiente Gunst und Ehre, daß sie mir die unentweihten Schätze ihres Herzens, daß sie mir ihr ganzes liebenswerthes Selbst zu eigen geben will. So sage doch, Mutter, was ist denn aller Glanz und aller Reich— thum der Welt gegenüber solchem Ebenbilde Gottes, wie man es schöner, ursprünglicher, edler nicht zu finden vermag. Sind wir nicht alle gleich arm und gleich hilflos zur Welt gekommen, und was ist ein Name, der uns gegeben wurde ohne eigenes Verdienst, was der Reichthnm, den Andere für uns gesammelt? Nur der innere Werth vermag den einen Menschen über den andern zu erheben, und an innerm Werthe steht sie hoch über mir, ist sie reicher, als irgend ein Mann es zu sein vermag!“
„Du schwärmst wieder einmal, mein Junge,“ lächelte Frau Volkmar mit leisem Spotte,„gar zu hoch in die Wolken darfst Du Dich nicht verlieren, denn dahin vermag ich Dir nicht zu folgen.“ Und ihre ernste Miene wieder annehmend, fuhr sie fort:„Geschehene Dinge lassen sich nicht ändern, und da Du nunmehr Verbindlichkeiten gegen das Mädchen hast, so magst Du es in meinem Namen einladen, uns auf eine Zeitlang zu besuchen.
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