Ausgabe 
9.9.1888
 
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von der Konfirmation her gelitten; solch ein schwarzes Kleid trägt man schon häufiger, aber im Hause und besonders auch des Abends, konnte es noch wohl mitgehen, dachte Käthchen, welche die Wahrscheinlichkeit eines Besuches in X in Betracht zog, und die andere als seidene Kleider für absolut unmöglich hielt in dem erträumten Feenpalaste. Und da war noch das grauseidene mit der dunkelblauen Garnierung; das eignete sich vielleicht für die Reise in Romanen reisen die Heldinnen stets in grau und dort gar das himmelblaue mit den weißen Spitzen, das ihr Vater ihr zu ihrem letzten Geburtstage ge- schenkt und das sie beim Kirchweihfeste getragen. Heinrich hatte behauptet, sie habe nie so reizend ausgesehen, und sie und keine andere sei die Ballkönigin gewesen ach, Heinrich! Der Arm, der dieses kostbarste Kleidungsstück hielt, sank plötzlich schlaff herab. Seit acht Tagen hatte sie Heinrich nicht mehr gesehen; auf dem Gute war man mitten in der Ernte und außerdem hatte Heinrich in Geschäften auf ein paar Tage nach Frankfurt ge⸗ mußt was wird er nur zu ihrer Verlobung sagen, wenn er nun wiederkömmt. Armer Heinrich! Käthe seufzt tief auf und wirft das eben noch so bewunderte Kleid achtlos auf den nächsten Stuhl und nimmt selbst auf dem schmalen, niedrigen Fensterbrette Platz. Sie weiß nicht recht weshalb, aber sie hat das Gefühl, daß ihre Verlobung ihn schmerzen wird. Und nun weiß sie auch mit einem Male, was es gewesen, das ihr die ganze Zeit über wie ein Druck auf dem Herzen gelegen. Der Gedanke an Heinrich war es, an die bevorstehende Trennung von ihm und von dem Vater, von Allem, was bisher ihren ganzen Lebensinhalt aus gemacht. Schwere Thränen treten bei dieser Vorstellung in die sonst so fröhlich blickenden Augen; wie müde lehnt sie das dunkel lockige Köpfchen an die Scheiben und blickt sinnend auf ihre im Schoße ruhende Hand hinab, an deren Goldfinger ein mit werth⸗ vollem Steine gezierter Reif glänzt: ihr Verlobungsring, den Gisbert von dem eignen Finger gezogen, die Braut damit zu schmücken. So sehr ist sie in ihre Gedanken verloren, daß sie es gar nicht bemerkt, wie der, dem eben noch ihre Gedanken galten, vor einer Weile auf der Fahrstraße daher gekommen ist, und wie er nun unten ihrem Fenster gegenüber steht und zu ihr hinaufblickt. Doch jetzt schreckt sie plötzlich zusammen. Die Scheibe, an welcher ihr Kopf gelehnt, klirrt vernehmlich; einige Blättchen, welche sich von der als Wurfgeschoß benutzten Georgine losgelöst, flattern auf das Fenstersims zurück, und das aufblickende Mädchen schaut dem Angekommenen gerade in das frische, wiedersehensfrohe Gesicht. Erfreut und bekümmert zugleich nickt sie dem Ahnungs losen zu; dann aber wirft sie mit eins energisch den Kopf zurück. Fort mit den thörichten, trüben Gedanken! Wird ihr nicht ein Glück zu theil, um das sie alle Gespielinnen beneiden werden! Und Gisbert, der doch versprochen, ihr auch den leisesten Wunsch zu erfüllen, wird gewiß nichts dagegen haben, wenn sie auch als seine Frau recht oft in die alte Heimath zu ihren Lieben, zu denen sie auch Heinrich zählt, zurückzukehren wünscht. Und welche Augen dieser jetzt machen wird, wenn er die Neuigkeit vernimmt!

Ein muthwilliges Lächeln spielt um den hübschen Mund, und damit hat sie alle wehmüthigen Regungen abgeschüttelt. Noch ein Blick in den kleinen Spiegel, ein glättender Strich erst über das reiche, wellige Haar und dann über das zierliche, spitzen verzierte Hausschürzchen, und leichten Fußes verläßt Käthe das Zimmer.

Die kleinere Honoratiorenstube ist leer, noch sind die gewohnten Abendgäste nicht erschienen; dort hinein führt Käthchen den jungen Mann, der ihr bis an die unterste Treppenstuse entgegengekommen.

Grüß Gott, Heinrich, schon von der Reise zurück? sagte sie, ihre Hand einen Augenblick in seine ausgestreckte Rechte legend.

Schon! wiederholte er scherzend. Mich deuchte es nahezu eine Ewigkeit, seit ich den Lindenbaum nicht mehr gesehen. In Frankfurt wurde ich einen Tag länger aufgehalten, als ich dort zu bleiben gedachte, und so viel Schönes es auch zu sehen gab, hatte ich doch keinen rechten Gefallen an all den prächtigen Bauten und schönen Gärten. Mich trieb es nach Hause hierher, Käthchen, und sobald ich nur meine Geschäste beendigt, saß ich auch gleich im Coupé und dampfte der Heimath zu. Und, Käthchen, fuhr der große Mann mit kindlich frohem Lächeln fort,jetzt habe ich endlich erreicht, wonach ich gestrebt, seit ich

das Gut von meinem Vater übernommen, und der Sch welche damals gleich heirathete, ihr Erbtheil herausbezahlen mußte. Das Geld war knapp dazumal und mein Schwager wollte sich mit der Schwester Geld in Franksurt ein eigenes Geschäft gründen; da blieb mir nichts anders übrig, als die Summe zu leihen und eine Hypothek auf Haus und Hof aufnehmen zu lassen. Seither habe ich gespart und gearbeitet und jeden Hundertmarkschein, den ich erübrigen konnte, in die Sparkasse getragen, um langsam meine Schuld zu tilgen. Nun hab' ich's erreicht, die Hypothek ist ge⸗ löscht, mein Gut ist schuldenfrei geworden, jetzt darf ich freien Herzens mir selbst leben und an eine glückliche Zukunft denken, Käthchen! Das ehrliche, männlich schöne Gesicht des Sprechen⸗ den zuckte vor innerer Bewegung und dicht vor das erbleichende, zurückbebende Mädchen hintretend, suchte er dessen Hand zu fassen da ein jäher Laut der Ueberraschung und er ließ die kleine, weiche Kinderhand fahren, als ob dieselbe sich in glühendes Eisen verwandelt hätte.

Dann war es eine Weile todtenstill in dem dämmerigen Raume; nichts war zu vernehmen als das Keuchen einer schwer athmenden Menschenbrust.

Den den Ring habe ich bereits früher gesehen, wie kommst du zu dem Ringe, Käthchen? klang es endlich mit heiserer Stimme.

Es ist, es ist ja aber, so sieh' mich doch nicht so böse an, es ist doch kein Verbrechen, daß er mich lieb hat und ich seine Frau werden soll!

Seine Frau!

Wieder war es eine Weile still; der große, starke Mann ging schwankenden Schrittes bis zum nächsten Stuhle und ließ sich schwer⸗ fällig nieder. Was in dem bitter enttäuschten, um all' seine Zukunftshoffnungen betrogenen Herzen vorgehen mochte, ware schwer zu sagen gewesen. Soviel Herrschaft aber hatte der willens⸗ starke Mann bereits wieder über sich errungen, daß er nicht mehr von seinen Gefühlen zu Tage treten ließ, als er mit dem ersten, unwillkürlichen Schmerzensschrei davon verrathen. Zugleich kam ihm auch die zunehmende Dämmerung wohl zu statten, welche den Ausdruck seines gänzlich entfärbten Antlitzes den Blicken des Mädchens verbarg. Noch ein paar Minuten vergingen, dann sagte er mit einer Stimme, deren Tonlosigkeit in Widerspruch mit seiner ruhig klaren Ausdrucksweise stand:

Das war eine schlimme Ueberraschung, Käthchen; verzeih, wenn meine Heftigkeit Dich vorhin erschreckte. Aber als alter, guter Freund hätte ich doch geglaubt, ein Anrecht auf Dein Ver⸗ trauen zu haben; ich ahnte nicht, daß die Artigkeiten jenes jungen Mannes mehr zu bedeuten gehabt hätten, als die gewöhnlichen Kourschneidereien dieser Herrchen. Und die wieder aufsteigende Bitterkeit mannhaft unterdrückend, gelang es ihm sogar, in scherzen⸗ dem Tone fortzufahren:Da wirst Du nächstens Deine alten Freunde wohl nicht mehr kennen wollen, Käthchen! Aber sage mir doch, wie das so schnell hat kommen können!

Durch seine Art und Weise beruhigt, gewann Käthe einen Theil ihrer unbefangenen Fröhlichkeit wieder.

Wie es kam ja, siehst Du, Heinrich, das weiß ich selbst nicht so recht. Er, Gisbert, meine ich, hatte mich wohl schon lang lieb; Du hast nur nichts davon bemerkt, weil Du immer fortliesst wie ein Brummbär, wenn die Herren Studenten kamen. Und zuletzt hat er es denn gar nicht mehr aushalten können; da kam er zu mir in den Garten o, wenn Du nur gehört hättest was er mir Alles gesagt, und wie schön er zu reden versteht! sagte sie mit einem Triumphe geschmeichelter Eitelkeit.Nicht mehr leben könne er ohne mich, aus der Unterwelt würde er mich heraufholen, wie jener Orpheus ich hab' ja ein Klavierstück davon, weißt Du. Und er hat ein großes, prächtiges Haus, mitten in der schönen Stadt, und draußen eine Villa, denke Dir doch nur, eine richtige Villa mit Park, und Pferde und Wagen: und ein Leben soll ich führen wie eine Gräfin! Und jetzt ist er nach Hause, um die Einwilligung seiner Mutter zu holen und dann soll ich wahrscheinlich gleich hin zu Besuch aber, setzte sie ein wenig kleinlaut hinzu,aber, weißt Du, Heinrich, vor seiner Mutter fürchte ich mich doch ein wenig. Sie muß eine gar stolze Dame sein ich habe ihr Porträt gesehen.

Wenn Du Deinen Verlobten nur von Herzen lieb hast, wird sich das Andere schon finden, tröstete Heinrich Ortenbach mit heroischer Selbstverleugnung.