Ausgabe 
9.9.1888
 
Einzelbild herunterladen

F

7

zu den

Oberhessischen Nachrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Nr. 37.

Gießen, den 9. September.

Sanft wie die Tauben.

Erzählung von Leonore Werth. (Fortsetzung.)

II.

Es war geschehen! Zwei Wochen waren in's Land gegangen seit jenem Abende, wo Käthe, in unklare Empfindungen verloren, am Fenster ihres Kämmerleins gestanden; und nun war der Würfel gefallen, Käthe Steffens, des Wirthes Tochter, war die Braut des vornehmen, jungen Herrn geworden. Eines Tages, als Käthchen in früher Nachmittagsstunde allein, mit einer Hand⸗ arbeit, im Garten gesessen, hatte er plötzlich vor ihr gestanden, und das erröthende Mädchen war noch heute ganz betäubt von dem Strome heißer Liebesbetheuerungen und zärtlicher Kosenamen, welche er über sie ausgegossen. Sie sei seine süße Blume, seine Königin, so hold und schön, als ob sie im königlichen Purpur geboren sei; er sei großjährig und Herr seiner Entschlüsse; er werde sie in sein Haus führen als sein geliebtes, süßes Weib, und auch seine Mutter und seine Schwestern würden sie an ihr Herz nehmen, wenn sie erst erkannt, welch' reichen Schatz an Tugend, Schönheit und Anmuth des einzigen Sohnes Erwählte diesem zubringe, denn ein zweites so liebenswürdiges, engelhaftes Wesen berge die ganze Welt nicht mehr!

Ihr hatte es nur so im Kopfe geschwirrt bei der von schwärme rischer Begeisterung überfließenden Werbung des jungen Mannes; die leidenschaftliche Gluth seiner Worte hatte sie im Innersten er⸗ beben lassen, und sie war in Thränen ausgebrochen, wie sie bisher nie solche geweint. Und wie sie dann endlich im Kampfe mit den widerstreitendsten Empfindungen schüchtern ihrja geflüstert, und er sie aufjubelnd auf Wange, Stirn und Augen geküßt, da waren die Thränen immer reichlicher geflossen, sie hatte deren nicht mehr Herr zu werden vermocht. Warum nur? Gingen ihre phantastischen Traumgebilde doch nun in Erfüllung! Sie wurde geliebt wie die Heldinnen in den Romanen, deren sie zu ihrem Heile erst wenige gelesen, sie ging einer beneidenswerthen, glanzvollen Zukunft entgegen.

Aber erst wie ihr Vater sie stolz und überglücklich in die Arme schloß, wie bei ihrem nunmehrigen Verlobten die hochgehenden Wogen gemüthlicher Erregung allmählich in ein ruhigeres Fahr wasser lenkten, da beruhigte sich auch Käthchen mehr und mehr, und sie lauschte mit Vergnügen den Zukunftsplänen, welche ihr zukünftiger Gatte nicht müde wurde, vor ihren entzückten Blicken aufzurollen.

Eigenhändig hatte Vater Steffens von dem köstlichsten, ältesten Weine heraufgeholt, den sein berühmt gewordener Keller barg, und es hatte ernstlichen Einspruchs von Seiten des Bräutigams bedurft, daß er nicht in seines Herzens Freude sofort die ganze Schenkstube zu Ehren des Brautpaares regalirte. Das aber wäre nun doch nicht nach Gisbert Volkmar's Sinne gewesen; einmal

weil laute Fröhlichkeit wenig im Einklange mit der weltentrückten Seligkeit seines Herzens stand, und dann auch hauptsächlich, weil ihm schon aus Rücksicht für seine hochverehrte Mutter daran lag, sein Verlöbniß einstweilen geheim zu halten, bis er deren Ein willigung zu seinem Herzensbunde eingeholt. 8

Der Schwiegervater in spe begriff zwar nicht, wie ein Bräuti⸗ gam an seinem Verlobungstage sein junges Glück nicht in alle Winde hinausjubeln möchte, gab dem vornehmen Eidame aber gerne nach, so daß der Abend ziemlich still verfloß. Zunächst hatte Gisbert seiner Braut und deren Vater seine Pläne dar⸗ gelegt. Seine Universitätszeit ging zu Ende, noch ein paar Tage, und er sollte ohnehin in die Heimath zurückkehren. Dort wollte er denn sofort sich seiner Mutter entdecken, und dann an Käthchen berichten, in welcher Weise ihre Annäherung an seine Familie am besten einzuleiten sei. Von der Liebe seiner Mutter hoffe er zuversichtlich ein freundliches Entgegenkommen; wie dem aber auch sei, seine Festigkeit sei durch nichts in der Welt zu er⸗ schüttern und er vertraue auf Käthe's Neigung, wie diese sich jetzt und immerdar seiner Treue und seiner unwandelbaren Liebe versichert halten dürfe.

Heute nun, in der Morgenfrühe, war er abgereist, nachdem er am gestrigen Abende zärtlichen Abschied von der Verlobten genommen, und in Gedanken versunken stand diese jetzt, wo die frühe Dämmerung hereinbrach, am Fenster ihres Stübchens. Ihr war eigenthümlich zu Muthe, so unruhig, beklommen und un befriedigt aber das war auch wohl ganz natürlich, suchte sie sich selbst zu beruhigen, in einem Augenblicke, wo sie so vielem Neuen und Ungewissen entgegen ging, und er, dessen Braut sie geworden, in der Ferne weilte! Erschreckt fuhr Käthchen zusammen; ihr kam zu Bewußtsein, daß sie über all den andern Gedanken, die ihr im Kopfe herumschwirrten, heute noch kaum an Gisbert selbst gedacht hatte, und ihn nicht im Geiste auf der Reise be⸗ gleitet, wie dies einer liebenden Braut doch wohl angestanden hätte. Wohl hatte sie an Gisbert's Mutter gedacht und sich ein Bild von dessen Schwestern zu entwerfen gesucht hohen, schlanken Gestalten mit lichtem, blonden Haar, so hatte Gisbert sie be⸗ schrieben. Ob sie wohl hübscher sein würden, als sie selbst es war? Ein zuversichtliches Lächeln spielte um ihren Mund, und in Folge einer natürlichen Ideenverbindung trat sie an den großen Schrank von Nußbaumholz heran, darin sie ihre bessern Kleider verwahrte. Dann unterzog sie eine Toilette nach der andern einer genauern Untersuchung: das braune Seidenkleid dort war noch wie neu, sie besaß es zwar schon seit zwei Jahren, doch hatte sie es stets sehr geschont, und der helle Ausputz sah noch vollkommen frisch aus. Mehr hatte ihr schwarzseidenes noch

0 D

2

ä

.