Ausgabe 
8.7.1888
 
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silbernen Teller und Schüssel wurden zur Zeit des Präsidenten Monroe angeschafft, die goldenen Löffel von van Buren, das prachtvolle Porzellan ward nach besonderen Zeichnungen für Mrs. Hayes angefertigt, das Krystall erinnert wieder an einen anderen der vorübergegangenen Herrscher dieses Hauses.

Mrs. Cleveland wird wahrscheinlich das Gedächtniß als Blumenfee zurücklassen. In angemessener, aber doch einfacher Toilette weiß sie den Staatsmännern und Gelehrten des eigenen Landes, den vornehmen Fremden und den mit fürstlicher Pracht gekleideten Damen mit vollendetem Anstande die Honneurs zu machen. Bei großen Empfängen, wie in kleinen Kreisen ist sie die liebenswürdige Wirthin für Alle; ja sie hat noch in gene röser Weise die großen, allgemeinen Tagesempfänge eingeführt, zu denen Tausende strömen, um mit derPräsidentin einen freundschaftlichen Händedruck zu tauschen.

Für ihre näheren Freunde ist Mrs. Cleveland noch heute das Schulmädchen aus den alten, glücklichen Tagen des College. Sie empfängt sie bei ihren zwanglosen Besuchen in ihren Privat- gemächern, unter welchen sie mit rührender Pietät das eine Großmama Garxfield's Zimmer, das andereNelly Grant's Zimmer nennt, liest mit ihnen ihre Lieblingsautoren, singt mit ihnen ihre alten Lieder, plaudert nach Herzenslust, um wenige Stunden später sich in einem Kreise von grauköpfigen Richtern, Senatoren und Diplomaten, von Damen von Rang und Bildung in der angemessensten Weise zu bewegen. 5

Mrs. Cleveland ist eine strenge Anhängerin der Mäßigkeits⸗ bestrebungen und man erzählte sich im Anfange ihrer Ehe sogar, daß sie alle geistigen Getränke von den Gastmählern des Weißen Hauses verbannen wolle. Ob ste dies versucht hat, bleibe dahingestellt; gelungen ist es ihr nicht, denn thatsächlich werden

noch immer die feinsten Weinsorten Europas den Gästen kre⸗ denzt. Wohl aber steht vor dem Couvert der Herrin des Hauses immer nur eine Karaffe frisches Wasser und ein kleines, feines Glas für Apollinaris. Vornehme Gäste haben schon öfter aus Rücksicht für die Wirthin auf den Genuß des Weines verzichtet.

Nein, nein, gnädiger Herr, sagte Peter, der Diener, eines Tages zu dem französischen Gesandten,fordern Sie Madame nicht zum Trinken auf, sie hat blos ein Glas bei ihrem Couvert und trinkt nur eine Art Wein, der sehr klar und sehr kalt ist; sie bedarf des Champagners nicht, ihre Augen haben einen sehr schönen Glanz.

General B. sagte bei einem Mittagessen im Weißen Hause zu ihr:Ich trinke auf Ihre Gesundheit, Mrs. Cleveland, aber Ihr Glas Wasser bei dem heutigen kalten Schneewetter erstarrt mir das Wort im Munde.Ich danke Ihnen, General, und bin stolz auf Ihre guten Wünsche, aber eine bessere Gesundheit vermag nichts zu geben, als dieses, versetzte Mrs. Cleveland, auf ihr Glas Wasser deutend, mit ebenso viel Sanftmuth wie Festigkeit. Beschämt setzte der General seinen mit funkelndem Wein gefüllten Kelch nieder, ergriff ein Glas Wasser, tauchte die Lippen hinein und rief, sich von seinem Sitze erhebend:Ich trinke auf das Wohl der Frau, deren Gesicht und Herz Symbole des klaren, durchsichtigen Weines find, den sie trinkt.

Am Sonntag ist Mrs. Cleveland darauf bedacht, den Dienst⸗ boten so viel wie nur irgend möglich die Arbeit zu erleichtern, damit sie Theil haben an dem Genuß der Sonntagsruhe.

Der Präsident und seine Gattin feiern den Sonntag noch dadurch, daß sie sich zu einer späteren Stunde des Tages nach ihrem zwei englische Meilen von Washington belegenen Land hauseRed Top begeben und dort, was ihnen die ganze Woche oft nicht zu Theil wird, allein mit einander speisen und den Abend gemeinschaftlich verleben. Das Haus ist wie geschaffen für eine solche Sonntagsruhe voll gemüthlicher Beschaulichkeit. Hügel und schattige Wälder schließen es von der Außenwelt ab;

die breite Veranda bietet die Aussicht auf den Potomac, auf Georgetown, das Kapitol und die sich zu dessen Füßen aus⸗ btreitende Stadt; in den wohlgepflegten Gartenanlagen blühen vom ersten Frühling bis in den Winter hinein Krokus und Hyazinthen, Spireen, Lilien und Rosen bis zu der sich unter Schnee bergenden Christrose. Die innere Ausstattung entspricht der Umgebung, sie ist einfach und elegant; hier sind die Hoch⸗ J zeitsgeschenke des Paares untergebracht, hier findet man die I Andenken, die sie von ihrer Reise heimgebracht haben, hier ist

ihr eigenstes Heim und vielleicht mag Beiden, wenn sie es ver lassen, um zu den Pflichten ihrer Stellung zurückzukehren, der Wunsch aufsteigen, für immer dort bleiben zu können. Sehr nachhaltig wird derselbe indeß keinesfalls sein. Prä⸗ sident Cleveland wird ohne Sträuben die Bürden und Ehren seines Amtes für weitere vier Jahre auf sich nehmen und seine Gattin es sich gefallen lassen, in anmuthsvoller Würdedie erste Dame des Landes zu sein. D. 88

ee eee Der Silhouettenschneider.(Siehe Illustration.)

Im kühlen Hof, vorm Sonnenscheine Geschützt, setzt' er sich hin zur Rast. Gesellschaft fand er, wahrlich, feine, Besonders aber eine Kleine

Hat er mit hellem Blick erfaßt.

Wenn dir dein Bild willkommen wäre, So hab' ich alles Nöth'ge hier. 5 Ich schneid' es, hoff' ich, mir zur Ehre Er zog hervor die kleine Scheere,

Dazu ein Blättchen schwarz Papier.

Nun bitt' ich dich um deinetwegen, Weil ich recht schön dich machen will Kannst ja nachher genug dich regen Woll' dich ein Weilchen nicht bewegen Und halt' das zarte Köpfchen still.

Die Mutter hielt die kleinen Hände Und lächelte, von Glück erfüllt, Begierig, was da wohl entstände, Doch eh' noch die Geduld zu Ende, Da war vollendet schon das Bild.

Ist sie es nicht? Gewiß, ihr müßt es Gesteh'n: ihr Näschen ist's, ihr Kinn, Ihr Mäulchen, ein wohl oft geküßtes! Und alle sagten:Ja, sie ist es! Und sah'n mit Staunen zu ihm hin.

Mehr ist, fürwahr, nicht zu verlangen, Von einem, der versteht dies Fach. Froh saß er da mit glüh'nden Wangen, Dann sprang er auf und ist gegangen, Und lange noch sah man ihm nach.

Das kleine Bild, vielleicht noch heute

Hängt es an eines Zimmers Wand;

Doch die es vorstellt, die es freute, Und der es schnitt als stille Leute

Längst zogen sie in's andere Land. J. Trojan

Die berühmten Pianisten Cramer und Dusseck waren Freunde, die ihre gegenseitige Meisterschaft anerkannten und dennoch nicht völlig ohne Neid waren. Das spiegelt sich in folgendem Vorfalle wieder. Beide waren zu einer Londoner Abendgesellschaft geladen; Dusseck erschien etwas später als die Uebrigen.Was hat Dich zurückgehalten, früher zu kommen? fragte Cramer.Ein Rondo, lautete die Antwort:Ich hatte es heute Nachmittag komponirt. Anfangs gefiel es mir ganz gut; aber ich habe es doch verbrannt.Weshalb?Es kam eine Passage darin vor, an der ich mich abmühte. Als ich nun gedachte, Du könntest sie vom Blatt spielen, warf ich das Ganze in das Feuer und ersparte mir die Demüthigung. W. G.

Aus Alt⸗London. London erlangte im Jahre 1208 die erste königliche Freiheit zur Erwählung seiner Stadtobrigkeit. 1234 bestanden die könig⸗ lichen Betten noch aus Strohsäcken. 1246 waren noch sämmtliche Häuser mit Stroh gedeckt. Um 1300 saßen die Einwohner statt vor dem Kamine, um einen Feuerbehälter in der Mitte des raucherfüllten Hauses. Wein wurde von den Apotheken nur zur Herzstärkung verkauft. Die Häuser waren noch sämmtlich von Holz, und es hieß große Pracht, mit einem zweirädrigen Karren zu fahren. 1351 waren Vier- und Zweipfennigstücke die größten Silbermünzen und das Parlament bewilligte dem Könige nur allerhand Waaren. 1509 gab es weder Rüben, noch Kohl, noch Salat; man führte sie aus den Niederlanden ein. 1561 trug Elisabeth die ersten seidenen Strümpfe und 1577 brachte man die ersten Taschen⸗ Uhren in die englische Hauptstadt. 1590 gab es in London nur vier Kaufleute, deren jeder nur auf 400 Pfund geschätzt wurde. R. F.

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