Ausgabe 
8.7.1888
 
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schön gefärbte Medizin verschrieb und vor Allem eine strenge Diät verordnete.

Seinen ausgezeichneten Bemühungen gelang es auch, schon in wenigen Tagen das harmlose Uebel, das auch ohne jede Be handlung besser geworden wäre, zu beseitigen und die Tante so schnell wieder herzustellen, daß sie in Begleitung von Ludwig und Else die Eisbahn besuchen konnte, auf der sich um diese Zeit bei schönem Wetter die vornehme und elegante Gesellschaft einzufinden pflegte. f

Auf spiegelglatter Fläche entfaltete sich hier ein wahrhaft interessantes Schauspiel, ein heiteres, frisches Leben und Treiben, wie es nur die große Stadt in dieser Jahreszeit und an einem so prächtigen Wintertage zu bieten vermochte.

Ein buntes Menschengewühl, Damen und Herren in ele ganter Wintertoilette, Erwachsene und Kinder, Knaben und Mädchen bewegten sich auf diesem von der Kälte geschaffenen Parquet und überließen sich dem zugleich angenehmen und stär kenden Vergnügen.

Bald sah man einen vollendeten Eiskünstler und Virtuosen mit Blitzesschnelle vorüberfliegen und in kühnen Schlangen windungen wundervolle Kreise und Figuren zeichnen, bald einen furchtsamen oder ungeschickten Anfänger die ersten schüchternen Schritte wagen. 5

Auf den Arm des beklagenswerthen Gatten gestützt, schwankte bedenklich die dicke Kommerzienräthin, der wegen ihres zuneh menden Embonpoints der Hausarzt diese nützliche, aber für sie und ihren Begleiter so beschwerliche Bewegung verordnet hatte. Leicht wie ein Vogel schwebte dagegen eine schlanke Ballet tänzerin an der Hand eines schneidigen Garde-Offiziers dahin, verfolgt von den bewundernden Blicken der Zuschauer, welche sich von dem bekannten Paare allerlei sensationelle Geschichten zu erzählen mußten.

Hier stürmte eine von Herren und Damen mit verschlungenen Händen gebildete Kette durch die ausweichende Menge, dort purzelte ein rothbäckiger Schulknabe auf dem glatten Eise nieder, zum. Gelächter seiner Kameraden, und zwei kurz sichtige Schlittschuhläufer stießen wie Billardkugeln so heftig zu sammen, daß die Brillen von ihren Nasen flogen.

Das war ein Rennen und Jagen, ein Neigen und Beugen, ein Wiegen und Schmiegen, ein Suchen und Finden, ein Nicken und Grüßen, ein Kommen und Schwinden; immer neue Er scheinungen, die sich wie in einem Kaleidoskope im raschen Wechsel folgten, rosige Wangen und vom Frost blau und violet gefärbte Gesichter, flatternde Locken und bereifte Bärte, glän Flad Augen und rothe Nasen, wallende Schleier und wehende zlaids.

Da fanden sich alte Freunde und neue Bekannte. Liebende benutzten das Gedränge, um sich unbemerkt zu sehen und zu sprechen; während die wachsamen Mütter oder Duennen auf dem kalten Boden trippelten und auf dem hartgefrorenen Ufer wie ängstliche Hennen umherirrten, entfloh das leichtsinnige Volk den spähenden Blicken seiner Wächter.

Da wurden zärtliche Blicke und Reden ausgetauscht, Ver hältnisse angeknüpft, welche mit dem Eise wieder schmolzen, ge scherzt und gelacht, geliebäugelt und kokettirt.

In kurzer, mit Pelz besetzter Jacke, die Röcke hoch auf geschürzt, die verbrämte Mütze kühn auf den blühenden Locken kopf gedrückt, erschien jetzt die reizende Else an der Seite der Tante und ihres Bruders, bereits sehnsüchtig von dem Assessor erwartet und begrüßt.

Nachdem er sich pflichtschuldigst nach dem Wohlbefinden der gnädigen Frau Amtsräthin erkundigt und seine Freude über die schnelle Genesung und über die natürlich nur ganz zufällige glückliche Begegnung ausgedrückt hatte, forderte er Else höflich zu einer Schlittschuhpartie auf.

Sehr gern, erwiderte sie mit niedergeschlagenen Blicken, wenn es die Tante erlaubt.

Ich habe nichts dagegen, daß Du mit dem gehst und Dich amüfirst.

Aber ich möchte Dich nicht allein lassen.

Ludwig bleibt ja bei mir und kann mich im Stuhlschlitten fahren.

Herrn Assessor

Das ist wahr; daran hab' ich gar nicht gedacht. Viel

Vergnügen!

Im nächsten Augenblick folgte Else dem galanten Assessor, während der arme Referendar mit einem leisen Seufzer in den sauren Apfel biß und die schwere Tante in einem Stuhlschlitten herumschleppte, wobei sie es nicht an wiederholten Ermahnungen fehlen ließ, daß er ja recht vorsichtig sein, langsam fahren un sie um Gotteswillen nicht umwerfen sollte.

(Fortsetzung folgt.)

Die Gattin des Bräsidenten.

Die demokratische Konvention der Vereinigten Staaten von Nordamerika hat mit Einstimmigkeit die Wiederwahl des gegen wärtigen Präsidenten Cleveland nach Ablauf seiner vierjährigen Amtsperiode beschlossen, und es hat sich bei den zum Theil recht stürmischen Kundgebungen für diesen alleinigen Präsidentschafts⸗ kandidaten gezeigt, daß es ihm in seltener Weise gelungen ist, während seiner Amtsführung sich die allgemeine Zufriedenheit zu erwerben. Ein nicht unbeträchtliches Verdienst um die Popu⸗ larität des Präsidenten hat sich die junge Gattin erworben, welche der bedeutend ältere Mann vor zwei Jahren aus der Stille eines ländlichen Heims in dasWeiße Haus nach Washington führte. Gatten, der die Erwartungen, welche man von ihm hegte, im

Guten übertroffen, im Nachtheiligen zu Schanden gemacht hat.

Auch Mrs. Cleveland wurde bei ihrer Verheirathung nicht gerade mit den freundlichsten Augen angesehen, manche hämische, manche bange Prophezeihung begleitete das ungleiche Paar, keine ist davon eingetroffen. Sechszig Millionen Menschen halten seit zwei Jahren die Augen auf dasWeiße Haus gerichtet, und Keinem ist es gelungen, irgend einen Makel an der Gattin des Präsidenten zu entdecken, weder aus den Kreisen der Poli tiker, noch aus denen der Literaten und vornehmen Finanzwelt ist ihr ein Feind und, was noch mehr sagen will, eine Feindin, entstanden.

Weder durch auffallende Schönheit, noch durch eine ganz besondere Bildung ragt Mrs. Cleveland vor tausend anderen Töchtern ihres Landes hervor, wohl aber zeichnet sie sich in ihrer schwierigen Stellung durch seltenen Takt und eine Ein fachheit und Liebenswürdigkeit des Wesens aus, durch welche sie alle Herzen gewinnt. Eine Engländerin sagte von ihr:Ich werde ihr Lob über den Ozean tragen, und ein Deutscher,

Baron G., gestand nach einem Diner im Weißen Haufe:Zum

ersten Male in meinem Leben vergaß ich, die Wirthin zu kritisiren. Ihre Anmuth und einfache Liebenswürdigkeit haben mich vollständig gefangen genommen.

Jeden Morgen bringt Mrs. Cleveland mehrere Stunden mit der Pflege ihrer Kanarienvögel, Papageien und anderen Vögel und mit der Sorge für die Blumen und Pflanzen zu, welche sie selbst an den Fenstern ihrer Gemächer zieht und die in noch viel größerer Fülle und Schönheit in den Gewächshäusern ge⸗ zogen werden. Die letzteren sind ein von ihr sehr bevorzugter Aufenthalt, sie hält eingehende Berathungen mit den Gärtnern, welche ihr feines Verstandniß und ihre Liebe für die Blumen immer wieder bewundern. i

Die Blumenzucht in den Gewächshäusern des Weißen Hauses muß eine sehr ausgedehnte sein, denn man bedarf derselben in überaus reichem Maße. Der Speisesaal, in welchem die großen Staatsdiners gehalten werden und dessen Fenster auf den Potomac mit der historischen Long Bridge gehen, ist dreißig Fuß breit und vierzig Fuß tief; bei festlichen Gelegenheiten werden nun seine Waͤnde vollständig bedeckt mit Gruppen von blühenden Azalien, Kamellien, Lilien, mit Palmen, Akazien, Orangen, welche von den breiten und hohen Spiegeln in vergoldeten Rah⸗

men zurückgeworfen und durch tausend Kerzen mit einem märchen⸗

haften Lichte übergossen werden. Die Tafel selbst aber ist ge⸗ schmückt mit Orchideen, Rosen und anderen duftenden und sel⸗ tenen Blumen, die in Körben, Schalen und Aufsätzen prangen

und in Guirlanden und Gehängen die Tische umziehen, deren Die goldenen und

Geräthe eine historische Bedeutung haben.

Es ist ihr gewissermaßen ebenso ergangen, wie ihrem

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