Ausgabe 
8.7.1888
 
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g 4 sie einen bewunderungswürdigen Appetit entwickelte.

in die Wohnung der Stadträthin, bei der er bereits eine große Gesellschaft versammelt fand, meist alte Freunde, welche früher in der Familie viel verkehrt, aber seit dem Tode des lebens lustigen, ohne Vermögen verstorbenen Hausherrn sich nach und nach zurückgezogen hatten, doch jetzt wieder auf der Bildfläche erschienen, sobald sie die Ankunft der reichen Amtsräthin und die damit verbundenen glänzenden Verhältnisse erfuhren.

In kostbarer, feuerrother Atlasrobe, auf dem Haupte einen Wald von Federn und mit Schmuck, mit Diamanten und Perlen beladen, nahm die Gefeierte die Huldigungen der ihr vorgestellten Gäste entgegen, welche sie je nach ihrem Rang und Vermögen mit einer leichteren oder tieferen Verneigung und mit einem mehr oder minder freundlichen Lächeln beehrte, während die Stadträthin als Wirthin die üblichen Honneurs machte.

Alle Welt beeiferte sich der noch für reicher, als sie wirklich

war, geschätzten Dame den Hof zu machen und sie mit Artig keiten zu überhäufen; nur Doktor Wiese verschmähte es, diesem Beispiel zu folgen und hielt sich fern von ihr, was der geld stolzen und hochmüthigen Amtsräthin nicht entging und auch von der Stadträthin und Sophie bemerkt wurde, die ihn deshalb auf die Seite nahm, um ihn zur Rede zu stellen.

Ich möchte Dich nur bitten, sagte sie ihm leise,aufmerk samer gegen die Tante zu sein und Dich ihr zu nähern, da sie sehr empfindlich ist und Deine Vernachlässigung Dir übel zu nehmen scheint. Thu' es mir zu Liebe!

Du weißt, versetzte er ernst,wie gerne ich Dir jeden Gefallen thue, aber ich kann mich nicht verstellen, nicht Gefühle

heucheln, die ich nicht empfinde, und selbst Dir zu Liebe meine Grundsätze nicht verleugnen.

Aber, mein Gott, was hat Dir die Tante gethan? Du siehst

sie ja heute zum ersten Male und kennst sie nicht.

Ich kenne Sie vielleicht besser, als Du ahnst, und darum ziehe ich mich von ihr zurück. N

Das kann ich nicht zugeben; ich will wissen, was Du gegen sie hast?

Und ich möchte Dich bitten, Dir und mir diese unangenehmen Erörterungen zu ersparen, die Dich nur unnöthig aufregen und verstimmen dürften.

Wenn Du mir nicht die Wahrheit sagst, wirst Du mich noch ernstlich böse machen.

So gedrängt, vermochte der Doktor nicht länger zu wider

stehen, so ungern er ihr auch nachgab, da er sie zu betrüben

fürchtete. Mit kurzen Worten und so schonend als möglich er zählte er ihr seine Bekanntschaft und die Krankheit des Haupt manns, die Geschichte des Testaments und die Beschuldigungen gegen die Amtsräthin, um seine Abneigung gegen die Letztere zu erklären und zu rechtfertigen.

Obgleich Sophie die Tante nach bestem Wissen zu vertheidigen suchte und eine apsichtliche Fälschung des Testamentes mit aller Entschiedenheit in Abrede stellte, mußte sie doch zugestehen, daß

der Hauptmann mit seinen Angehörigen die gegründetsten An⸗

sprüche auf die Erbschaft habe und ihm ein schweres Unrecht geschehen sei, weshalb sie auch seine Erbitterung verzeihlich fand, wenn sie auch eine so schwere Beschuldigung gegen die Amts⸗ räthin nur dem blinden Hasse des Geschädigten zuschrieb und mit Entrüstung zurückwies.

Zugleich beklagte sie aufrichtig die Zerwürfnisse mit der liebenswürdigen Familie, für die sie noch immer die innigste Zuneigung fühlte und die sie nur aus Rücksicht auf die Tante und auf Wunsch der Mutter mied. Auch ersuchte sie den Doktor, ihnen allen, ganz besonders aber der reizenden Adele die herz- lichsten Grüße zu überbringen und sie ihrer unveränderten Freundschaft zu versichern. f

Trotzdem die Liebenden sich wieder vollkommen versöhnt hatten, so ließ das ernste Gespräch eine leichte Verstimmung zurück und trübte ihre bisherige Fröhlichkeit, sie unwillkürlich mit düsteren Ahnungen und unangenehmen Befürchtungen erfüllend.

Um so heiterer war die übrige Gesellschaft, die sich das vor⸗ zügliche Diner und die ausgesuchten Weine trefflich munden ließ. Das breite, rothe Gesicht der Amtsräthin strahlte von Stolz und von Vergnügen über die Komplimente, welche ihr Tischnachbar,

der angesehene Bankdirektor Brausewetter, ihr machte, während

Die Stadträthin freute sich über den neuen Glanz ihres Hauses und berechnete im Stillen die Vortheile, welche ihr und ihrer Familie aus der Gegenwart ihrer reichen Schwester er wuchsen, voll Hoffnung auf eine glänzende Zukunft. Auf ihren Wunsch brachte Ludwig einen humoristischen Toast in Versen auf die Tante aus, der mit rauschendem Beifall von sämmtlichen Gästen aufgenommen wurde.

Doch am glücklichsten fühlte sich die schöne Else an der Seite des hoffnungsvollen Regierungs-Assessors und Reserve⸗ lieutenants Brausewetter, der für die zukünftige Erbin der reichen Amtsräthin schwärmte und sie so dringend und so zärt⸗ lich aufforderte, mit ihm ein Vielliebchen zu essen, daß sie an seiner Liebe oder vielmehr an den ernsten Absichten des begehrens werthen Heirathskandidaten nicht zweifeln konnte.

Ihr Triumph wurde noch dadurch erhöht, daß auch die anderen jungen Männer, der Privatdozent Schaller, der Architekt Weberbaum, der Maler Müller, der witzige Zeitungsredakteur Schnabel und vor Allen der Fabrikbesitzer Holzstamm mit dem Assessor wetteiferten und ihr zu Füßen lagen.

Berauscht von ihren Erfolgen sah Else ihre kühnsten Wünsche und schönsten Träume erfüllt, sich angebetet und bewundert, von den liebenswürdigsten und wohlhabendsten Bewerbern umschwärmt, so daß ihr die Wahl schwer fiel, wenn sie auch im Stillen dem Assessor den Vorzug gab, da sein Vater auf eine halbe Million geschätzt wurde und ihr auch sonst sein elegantes Aeußere gefiel.

Nach beendetem Diner zogen sich die älteren Gäste zu einer Skatpartie zurück, während die junge Welt ein Tänzchen arran girte, zu dem die stets gefällige Sophie auf dem lebensmüden verstimmten Klavier die beliebten Walzer, Ländler und Quadrillen spielte, weshalb sich auch der von ihr verlassene Doktor lang⸗ weilte und sich auf englische Manier unbeachtet empfahl, ohne besonders vermißt zu werden.

Unterdessen schwebte die reizende Else wie eine graziöse Libelle an dem Arme des von ihr entzückten Assessors, glühend von Lust und Wonne und trunken von Seligkeit, seinen schmei chelnden Worten und galanten Komplimenten mit Vergnügen

lauschend. Sie tanzen wie ein Engel. Und Sie, erwiderte sie lachend,wie ein junger Gott. Ich möchte gleich so mit Ihnen, mein gnädiges Fräulein,

durch das ganze Leben tanzen.

Das wäre himmlisch.

Dabei blickte sie ihn mit ihren bezaubernden Augen so ver lockend an, daß er seine gewöhnliche Vorsicht im Verkehr mit unvermögenden jungen Damen ganz vergaß und ihr eine förm⸗ liche Liebeserklärung machte, die sie nur in ihrem Glauben an ihre Eroberung bestärken mußte.

So verlief der Abend für alle Betheiligten, mit Ausnahme des Doktors und der durch sein zeitiges Fortgehen betrübten Sophie, auf das Angenehmste, bis die herankommende Mitter nacht die Gesellschaft zum Aufbruch mahnte. Unter den üblichen Freundschaftsbezeugungen, Händedrücken, Umarmungen und Küssen verabschiedeten sich nach und nach die Gäste, mehr oder minder befriedigt von dem genossenen Vergnügen.

Der Bankdirektor versicherte, sich seit langer Zeit nicht so gut amüsirt zu haben und lud die Damen dringend ein, seinen Jour fixe in der nächsten Woche mit ihrer Gegenwart zu be⸗ ehren und den alten, freundschaftlichen Verkehr wieder aufzu⸗ nehmen, indem er mit gerührter Stimme von seiner früheren Intimität mit dem verstorbenen Stadtrath sprach.

Auch seine sonst höchst exklusive Gattin, eine auf ihre adelige Geburt und den Reichthum ihres Mannes eingebildete Dame, war oder that vielmehr so liebenswürdig, als ihr möglich war, für den wahrhaft genußreichen Abend dankend.

Durch das Beispiel seiner Eltern aufgemuntert, küßte der musterhaft galante Assessor die Hand der Amtsräthin und der Stadträthin, welche von den feinen Manieren des artigen jungen Mannes ebenso entzückt wie Else waren, mit der er sich schon vorher verabredet hatte, einander auf der Eisbahn zu treffen.

Ein lieber, charmanter Mensch! sagte die Tante, als die Familie wieder allein war.Der könnte mir gefallen.

Und reich, sehr reich, fügte die Mutter hinzu.Der Bank⸗ direktor wird auf eine halbe Million geschätzt.

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