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„Das wär' eine schöne Partie für die Kinder. Was meint Ihr dazu?“
„Ich verzichte mit Vergnügen,“ versetzte Sophie,„und über⸗ lasse Else den Assessor, für den sie sich auch mehr interessirt als ich.“
„Und ich Dir Deinen Doktor,“ erwiderte diese ein wenig piquirt.
„Den Doktor?“ fragte die Amtsräthin verwundert.„Welchen Doktor?“
„Nun, den Doktor Wiese, den Du heute bei uns gesehen hast.“
„Was, den groben, unverschämten Menschen, der sich den ganzen Abend nicht um mich gekümmert und kaum ein Wort mit mir gesprochen hat! Das gebe ich unter keiner Bedingung zu.“
„Du verzeihst, liebe Tante, aber Wiese hat mein Wort; ich bin mit Wissen der Mutter schon seit längerer Zeit mit ihm versprochen und werde nie einem anderen Manne meine Hand reichen, wenn er auch in Gold stünde.“
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Du nur so reden? Du vergißt ganz den Respekt, den Du der Tante schuldig ist.“
„Das kommt davon,“ versetzte die Amtsräthin roth vor Aerger, wie ein zorniger Puter,„daß Du Deine Kinder schlecht erzogen hast und eine viel zu schwache Mutter bist. An Deiner Stelle würde ich kurzen Prozeß machen, dem Doktor die Thür weisen und meiner Tochter jeden Verkehr mit einem solchen Menschen verbieten.“
„Da hast Du Recht,“ erwiderte die Stadträthin unterwürfig. „Ich werde morgen dem Doktor schreiben, daß er uns mit seinen ferneren Besuchen verschonen soll.“
III.
Am andern Morgen herrschte in der sonst so glücklichen und
trotz der beschränkten Verhältnisse bisher so zufriedenen Familie
Kaiser Wilhelm II.
„Daraus kann nichts werden, da der Doktor, wie ich höre, keine Praxis hat und nicht einen Groschen besitzen soll.“
„Er genießt den besten Ruf als ein geschickter Arzt und mit der Zeit wird er auch so viel verdienen, als wir brauchen, da er es an Fleiß und Mühe nicht fehlen läßt und ich mit Wenigem zufrieden bin.“
„Darüber kannst Du alt und grau werden.“
„Das kümmert mich nicht; ich werde warten, bis Wiese im Stande ist, eine Frau zu ernähren.“
„Eine solche Verrücktheit ist mir noch nicht vorgekommen, sich mit Gewalt unglücklich machen.“
„Man ist nie unglücklich, wenn man liebt.“
„Thu' mir den einzigen Gefallen und verschone mich mit solchen sentimentalen Reden, mit denen man sich heutzutage nur lächerlich macht. Liebe ohne Geld ist der pure Wahnsinn. Wenn man nichts zu beißen und zu brechen hat und am Hungertuche nagt, nimmt die Liebe bald ein Ende, da Du von mir keinen Groschen zu erwarten hast, wenn Du den Doktor heirathest.“
„Darauf hab' ich auch nicht gerechnet und verzichte gern unter solchen Bedingungen auf jede Mitgift.“
„Aber Sophie!“ mahnte die Stadträthin entsetzt.„Wie kannst
Kaiserin Victoria Augusta.
Sorge, Kummer und Herzeleid. Sophie war tiefbetrübt wegen der Zerwürfnisse mit ihrer Mutter, die Stadträthin aufgebracht über ihre ungerathene Tochter und die Tante krank in Folge eines verdorbenen Magens oder, wie sie behauptete, aus Aerger über ihre ungehorsame Nichte.
„Um des Himmels Willen!“ stöhnte sie.„Ich sterbe; laßt mir nur schnell einen Arzt rufen!“
„Unser Arzt,“ entgegnete die Stadträthin,„war bisher der Doktor Wiese.“
„Lieber den Tod als diesen Menschen, dem ich keine Katze zum Kuriren anvertrauen möchte.“
„Dann wollen wir nach dem Doktor Gabler schicken, der ganz in der Nähe wohnt und bald kommen wird.“
„Ich mag nicht den ersten besten Doktor,“ erwiderte die um ihr Leben besorgte Kranke,„sondern einen Sanitätsrath, wo⸗ möglich einen Geheimen Medizinalrath. Auf Geld kommt es mir nicht an, wenn er mich nur gesund macht.“
Nach vielem Suchen und langem Umherirren brachte endlich Ludwig den Medizinalrath Süßmilch, einen beliebten Frauen⸗ arzt, der mit wichtiger Miene die Patientin untersuchte, einige Male bedenklich den Kopf schüttelte, eine gleichgiltige, aber
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