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„Du mußt schon entschuldigen,“ sagte er stehen bleibend, „wenn ich Dich verlasse. Ich habe Eile und werde hier erwartet. Herr Hauptmann von Hanstein—“
„Von Hanstein!“ rief Ludwig plötzlich überrascht. doch sonderbar.“
„Wie es scheint, kennst Du den Hauptmann.“
„Er ist ja der Schwager unserer Tante Bock, mit dem sie wegen der Erbschaft den großen Prozeß hatte. Früher waren wir intim befreundet, aber jetzt verkehren wir nicht mehr mit einander, was mir sehr leid thut, da der alte Herr ein Ehren— mann ist und eine allerliebste Tochter hat; eine reizende Familie, an die ich noch immer mit Vergnügen denke.“
„Aber weshalb habt Ihr den Umgang mit ihr aufgegeben?“
„Alles der Tante wegen, die den Namen Hanstein seit dem Prozeß nicht hören kann. Darum möcht' ich Dir auch rathen, wenn Du sie Sonntag bei uns siehst, ihr kein Wort von Deinem Patienten zu sagen, damit Du es nicht mit ihr verdirbst.“
„Ich fürchte mich nicht vor der Tante; doch will ich mich aus Rücksicht auf Sophie so sehr als möglich in Acht nehmen, um ihr keinen Verdruß zu bereiten.“
Mit dem festen Vorsatz, sich vor der Macht des Geldes nicht zu beugen und seine Unabhängigkeit zu wahren, begab sich der Arzt, ohne Zeit zu verlieren, an das Bett des Patienten, der an einer schmerzhaften und nicht ungefährlichen Gallenkrankheit in Folge der vorangegangenen Aufregungen und mancherlei Gemüthsbewegungen litt.
Durch sein sicheres Auftreten und freundlich theilnehmendes Wesen gelang es dem Doktor auch hier, das Vertrauen des Kranken zu gewinnen und die Befürchtungen der besorgten An— gehörigen zu beruhigen, so daß er dringend aufgefordert wurde, seinen Besuch so bald als möglich zu wiederholen.
Die verordneten Mittel wirkten ebenfalls so gut, daß schon nach wenigen Tagen die Gefahr schwand, die Schmerzen nach— ließen und der Zustand des Patienten sich wesentlich besserte, wofür die ganze Familie dem Doktor überaus dankbar war.
Je öfter er aber kam und je besser er den Hauptmann und dessen Umgebung kennen lernte, desto mehr befreundete er sich mit dem alten wackern Herrn und den liebenswürdigen An— gehörigen, welche in vollem Maße das ihnen von dem Referendar ertheilte Lob verdienten und rechtfertigten.
Dabei konnte es nicht ausbleiben, daß der Kranke auf die Fragen seines Arztes nach den näheren Umständen und der eigent— lichen Ursache seines Leidens sich über den unglücklichen Erb— schaftsprozeß und die Frau Amtsräthin zwar ohne Gehässigkeit, aber mit soldatischer Aufrichtigkeit aussprach.
„Ich würde,“ berichtete der Hauptmann,„das Testament meines verstorbenen Schwagers nicht angefochten haben, wenn er mir nicht noch wenige Tage vor seinem Tode geschrieben hätte, daß er mir und den Meinigen den dritten Theil seines Vermögens hinterlassen wollte, wozu er gewissermaßen verpflichet war.“
„Soviel ich weiß,“ entgegnete der Doktor,„haben Geschwister und Verwandte nach unseren Gesetzen keinen Anspruch auf die Erbschaft, wenn der Erblasser seine rechtmäßige Ehefrau zur Universalerbin einsetzt.“
„Allerdings! Aber der Vater meiner Frau hatte die Be— stimmung getroffen, daß mein Schwager zu einem billigen Preise das der Familie gehörige Gut übernehmen sollte unter der Be— dingung, daß er für diese Begünstigung seine übrigen Geschwister im Verhältniß zu dem Ertrage und steigenden Werth des Bodens entschädigen sollte.“
„Und hat er das stets gethan?“
„Das wohl, aber die Summen, welche wir erhielten, waren bei den damaligen höchst ungünstigen Konjunkturen in der Land— wirthschaft und bei den schlechten Getreidepreisen so unbedeutend, daß wir gern den Vorschlag des Schwagers annahmen, uns ein für alle Mal mit einem kleinen Kapital abfinden zu lassen, wozu ich um so bereitwilliger war, als ich gerade in jener Zeit mich in Geldnoth befand. Außerdem versprach er mir, wenn
„Das ist
auch nur mündlich, falls sich die Gutsverhältnisse wieder bessern
sollten, mir einen anständigen Zuschuß zu meiner Lieutenants⸗ gage zu zahlen, mit der wir trotz aller Sparsamkeit nicht aus⸗ kommen konnten.“
„Solche Verhältnisse kenne ich leider aus eigener Erfahrung.“
„Bock hielt auch sein Wort und schickte uns einige Jahre e
diese willkommene Zulage, bis er sich, bereits im vorgerückteren Alter, zu unserer nicht gerade angenehmen Ueberraschuug mit einer Beamtentochter verheirathete, welche ihn, ohne daß wir ihr dazu einen Grund gaben, seiner Familie zu entfremden suchte und ihm nicht eher Ruhe ließ, bis der schwache Mann unter allerlei nichtigen Vorwänden uns den versprochenen Beistand entzog. Zum Glück war ich unterdessen zum Hauptmann avancirt, so daß wir nicht in Verlegenheit kamen, wenn wir uns auch sehr einschränken mußten. Doch ich fürchte, daß meine Angelegen⸗ heiten Sie langweilen, lieber Doktor.“
„Im Gegentheil! Ich interessire mich dafür mehr, als Sie denken.“
„Natürlich,“ fuhr der Hauptmann nach einer kleinen Pause fort,„trat in Folge dieses Benehmens zwischen mir und meinem Schwager eine leichte Erkältung ein. Wir schrieben uns nur selten und sahen uns nicht mehrere Jahre. Unterdessen war in Folge der glücklichen Verhältnisse nach dem Kriege der Werth der Güter um das Doppelte, fast um das Dreifache gestiegen, und mein Schwager wurde immer reicher. Das viele Geld aber brachte ihm keinen Segen, da er, wie wir hörten, mit seiner Frau nicht glücklich lebte und seine Ehe auch ohne Kinder blieb, was er sich sehr zu Herzen nahm. In Ermanglung häuslicher Freuden suchte er sich in Gesellschaft lustiger Nachbarn und Zech⸗ brüder, mit denen er die Nächte bei der Flasche verbrachte, zu zerstreuen. Allmählich gewöhnte er sich das Trinken an, so daß er selten ganz nüchtern war.“
„Ich wundere mich nur,“ bemerkte der Doktor nachdenklich, „daß die Frau Amtsräthin das zugegeben und ihm nicht ernst⸗ liche Vorstellungen gemacht hat, wie es doch ihre Pflicht war.“
„Wie ich glaube,“ erwiderte der Hauptmann,„war ihr die unglückselige Trunksucht ihres Mannes nicht unangenehm, da sie dadurch das Regiment des Hauses in ihre Hände bekam und über Alles schalten und verfügen konnte, wie es ihr gefiel. Deshalb ließ sie ihn auch ruhig gewähren und kümmerte sich nicht darum, daß er sich zu Grunde richtete.“
„Abscheulich!“ rief der Doktor erregt.„Aber warum haben Sie nicht Ihren Schwager vor den Folgen einer solchen Lebens⸗ weise gewarnt?“
„Das ist auch geschehen, nur kamen meine Mahnungen leider zu spät. Als ich ihn nach Jahre langer Trennung wiedersah, war er bereits rettungslos dem Dämon verfallen und nicht mehr fähig, sich aufzuraffen, körperlich und geistig ruinirt Bei meiner Anwesenheit schien jedoch sein Gewissen zu erwachen; er ver⸗ sicherte mich wiederholt mündlich und schriftlich und schwur mir unaufgefordert, daß er mir und meinen Kindern den dritten Theil seines Vermögens hinterlassen wollte, was mir um so angenehmer war, da ich in Folge der Strapazen des Krieges und meiner Wunden genöthigt worden war, meinen Abschied zu nehmen.“
„Trotzdem wurden Ihre Hoffnungen getäuscht?“
„Sagen Sie lieber betrogen, schändlich betrogen. Als nach einigen Wochen der Schwager starb und das Testament eröffnet wurde, erbte die intriguante Frau das ganze Vermögen und wir erhielten nur einige unbedeutende Legate.“
„Ein harter Schlag!“
Natürlich wollte und konnte ich mich nicht beruhigen. Ich griff das Testament an und klagte wegen Unzurechnungsfähigkeit des Verstorbenen bei der Abfassung seines letzten Willens. Der Prozeß dauerte fast ein Jahr und die Kosten betrugen mehr als die Legate, abgesehen, daß ich dabei meine Gesundheit ue und vor Aerger und Verdruß krank wurde. Schließlich ver ich den Prozeß, da ich die geforderten Beweise für meine Be⸗ hauptung nicht beibringen konnte. Ich wurde abgewiesen, ob⸗ gleich ich wie von meiner Seligkeit überzeugt bin, daß das schlechte Weib uns bestohlen, das Testament erschlichen oder gefälscht hat.“
Diese Mittheilungen des ehrenwerthen Hauptmanns, welche durchaus das Gepräge der Wahrheit trugen, bestärkten den Arzt nur in seiner ungünstigen Meinung von dem Charakter der Tante, so daß er nur ungern und nur aus Rücksicht auf die geliebte Sophie der Einladung zu dem Diner folgte.
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Zur bestimmten Stunde begab er sich am nächsten Sonntag!
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