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zu den
Oberhessischen UMuchrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Nr. 28.
Gießen, den 8. Juli.
1888.
Die Erbschaft der Tante.
Novelle von Max Ring. (Fortsetzung.)
II.
Einige Tage nach der Ankunft der Amtsräthin begegnete Ludwig dem Doktor Wiese, der eben im Begriff stand, seine Patienten zu besuchen. Mit der Zeit hatte sich in der That seine Praxis vergrößert, obgleich er noch immer vorzugsweise unter der ärmeren Volksklasse zu thun hatte und seine Einnahmen nicht im Verhältniß zu seiner Beschäftigung standen.
Da aber der gewissenhafte und fleißige Arzt seine Kranken ohne Rücksicht auf ihren Rang und ihr Vermögen mit gleicher Sorgfalt und liebevoller Humanität behandelte, ihm auch in den letzten Wochen einige bedeutende Kuren geglückt waren, so ver— breitete sich sein Ruf und es kam jetzt nicht mehr so selten vor, daß er ab und zu auch zu besser situirten Leuten und zu wohl⸗ habenderen Patienten in der Nachbarschaft gerufen wurde. Schon seine Persönlichkeit, die kräftig männliche Gestalt mit der intelli⸗ genten hohen Denkerstirn, den scharfen und doch so wohlwollenden blaugrauen Augen und den energischen, aber freundlichen Gesichts— zügen, verbunden mit dem festen, ruhigen Benehmen am Kranken⸗ bett, flößten unwillkürlich Vertrauen und Achtung ein. Besonders waren die Frauen dem guten Doktor zugethan und trugen wesent⸗ lich dazu bei, in ihrem Stadtviertel seinen Namen bekannt und ihn populär zu machen. Diesem Umstande verdankte er es auch, daß er heute zu einer neuen und, wie es schien, angesehenen Familie, zu dem Hauptmann außer Diensten von Hanstein ge⸗ rufen wurde, worüber er so erfreut war, daß er gegen seine Gewohnheit allerlei Luftschlösser baute und den mit ihm befreun⸗ deten Referendar nicht eher bemerkte, bis dieser ihn ansprach.
„Sieh' da, Timotheus,“ rief Ludwig, ihm die Hand reichend, „die Kraniche des Ibicus! Gut, daß ich Dich treffe. Ich komme von Deiner Wohnung, aber Du warst bereits ausgeflogen in die goldene Praxis.“
„Damit hat es noch gute Wege; ich bin schon froh, wenn ich nur etwas Silber finde. Aber,“ fügte er besorgt hinzu, „was führte Dich so früh zu mir? Es ist doch Niemand bei Euch erkrankt?“
„Im Gegentheil! Die ganze Familie befindet sich äußerst wohl und höchst vergnügt, wie die Götter im Olymp.“
„Das freut mich; aber willst Du mir sagen—“
„Pazienza, verehrter Doktor! Du sollst Alles erfahren: Im Auftrage meiner würdigen Mutter, der verwittweten Frau Stadt⸗ räthin Sänger, habe ich die Ehre, den berühmten Doktor der Medizin und Chirurgie, praktischen Arzt und Geburtshelfer, Herrn Heinrich Wiese allhier, für den nächsten Sonntag zu einem solennen
„Zu einem Diner?“ versetzte Wiese überrascht.„Das ist doch nur ein schlechter Scherz von Dir.“
„Mein voller Ernst; mit so heiligen Dingen scherz' ich nie.“
„Aber ich begreife nicht, in Euren Verhältnissen—“
„Die haben sich wunderbar über Nacht geändert; unsere Mittel erlauben uns das. Wir können jetzt Diners mit Austern und obligatem Champagner geben, große Gesellschaft bei uns sehen und ein Haus machen.“
„Ich glaube wirklich, daß Du toll geworden oder über⸗ geschnappt bist, wenn nicht die Mutter in der Lotterie gespielt und das große Loos gewonnen oder eine reiche Erbschaft ge— macht hat.“
„Fast hast Du es getroffen. Du kennst doch die Tante Bock oder hast von ihr gehört?“
„Wie ich mich erinnere, hat Sophie neulich mit mir über sie gesprochen und mir mitgetheilt, daß sie in die Stadt ziehe und mit Euch leben will.“
„Sie ist endlich gekommen, die Goldtante, und mit ihr ist das Glück in unser Haus eingezogen. Seit sie bei uns ist, sind wir noch nicht zur Besinnung gelangt. Abend für Abend im Theater, im Cirkus oder in Konzerten, von einem Vergnügen zum andern, wo es etwas zu sehen und zu hören giebt. Ich weiß wirklich nicht, wo mir der Kopf steht und wie es mit meinem Staatsexamen werden soll. Seit die Tante hier ist, hab' ich noch kein Buch angesehen und die schriftliche Arbeit nicht mehr angerührt.
„Das ist freilich eine unangenehme Störung, aber die Tante wird Dich unter solchen Verhältnissen entschuldigen und Dir die nöthige Zeit zu Deinen Arbeiten lassen.“
„Daran ist vorläufig nicht zu denken, da ich sie überall hin begleiten und hundert Kommissionen für sie besorgen muß: Billete, Wagen und andere Kleinigkeiten; außerdem soll ich noch auf den verwünschten Affenpintscher aufpassen, daß er ihr nicht davonläuft, und wenn sie sich langweilt, mit ihre Bezigue spielen.“
„Du bist wirklich zu bedauern. An Deiner Stelle würde ich ihr fest, aber ruhig erklären, daß Du wegen Deines Examens verhindert bist und Deine Arbeit dem Vergnügen vorgeht.“
„Da würde mich die Mama schön ansehen. Was die Tante Bock wünscht, muß geschehen. Uebrigens mache ich mir nicht viel daraus, wenn ich auch durchfalle; für uns ist jetzt gesorgt.“
Während dieser Unterhaltung waren die beiden Freunde allmählich bis an die Thür des Hauses gekommen, in welchem der neue Patient wohnte, weshalb“ sich'der Doktor verabschieden
wollte.
Diner feierlichst und ergebenst einzuladen. U. A. w. g.“
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