Einzelbild herunterladen

115

2 e

5 928

dem großen, leeren Raume, den die Kerze nicht erleuchtete.

Schaudernd blickte sie um sich in die düsteren Ecken. Waren die

dunkelen Stellen auf dem Boden nicht in die alten Dielen ein gedrungenes Blut? Wie viel Leichen aus der Familie Androchich hatten hier mit klaffenden Wunden auf den Brettern gelegen, auf denen sie eben stand? Sie sprang entsetzt von der Stelle, auf der ihr Fuß weilte und floh nach dem Divan, auf den sie sich schaudernd drückte. Sie brachte eine schreckliche Nacht zu; die Kerze war aufgezehrt und Jella starrte in das undurch dringliche Dunkel der Novembernacht. Durch die Grabesstille hörte sie Stöhnen und Wimmern und vor ihren brennen den Augen huschten Schreckbilder vorüber, hohläugige, fleischlose Gesichter überboten sich in rasend schnellem Wechsel in grauen haften Grimassen, bis das arme Kind es nicht mehr länger aushielt und dem unheimlichen Zimmer entfloh. Ein Schauder schüttelte ihren Körper, als sie athemlos vor dem niedrigen, langgestreckten Gebäude stand und es mit angstvollem Blick noch einmal überschaute. In dem Eckzimmer zu ebener Erde brannte noch ein trübes Licht; mechanisch wendete sie ihre Schritte diesem Theil des Gebäudes zu und schaute durch das Fenster. Da lag ihr Großvater noch in dem Lehnstuhl an seinem Platze am Kachelofen. Der Kopf hing über der Rücklehne herunter in einer unnatürlichen Lage, das Gesicht war schauerlich entstellt, die Züge wie von Schrecken gelähmt und mit Todtenblässe be deckt.Todt, todt! schrie Jella auf und sank, trotzdem sie sich krampfhaft an den Eisenstäben des kleinen Fensters hielt, wider standslos zu Boden. Aber das Gefühl des Grausens, des Ent setzens besiegte die augenblickliche physische Schwäche, sie raffte sich auf und lief, ohne sich umzuschauen, in die fahle Dämme rung des trüben Morgens hinein, an den hier und da zerstreut liegenden niedrigen Häusern mit den kleinen Fensterlöchern vorüber, bis sie endlich nach einem stundenlangen Lauf erschöpft an dem Rand der Landstraße niedersank. Sie wurde aus der kurzen Betäubung durch eine klagende Stimme neben sich ge weckt, und sah im trüben Lichte des Wintermorgens eine junge Frau, geschüttelt vom Froste des Wechselfiebers, das in Kroatien jahraus, jahrein die armen Menschen heimsucht. Jella schenkte der armen Frau von dem Gelde, das sie zu sich ge

steckt, ließ sich von ihr Auskunft über den nächsten Weg zur

Eisenbahn geben, und nachdem sie einen schnellen Blick auf ihre Kleidung geworfen und sich überzeugt hatte, daß der lange, dunkele Mantel die durch den raschen Lauf derangirte Toilette hinlänglich bedeckte, setzte sie ihren Weg fort. Keinen Blick warf sie mehr zurück, die Schrecken der verflossenen Nacht beschleunigten den schnellen Schritt ihres schmalen, leichten Fußes.

Endlich athmete sie erleichtert auf, sie saß gesichert in einem Coupe der Eisenbahn und schlief fest ein, bis man ihr zurief: Aussteigen! Sie war in Marburg, wo nach allen Rich tungen hin die Schienen sich den Weg eröffnen in das bunte Gemisch der österreichischen Kronländer. Da waren alle Natio nalitäten in ihren malerischen Trachten und kennzeichnenden Physiognomien vertreten, da war der Ungar, der Steyermärker, der Böhme, da ließ sich der Tyroler, der Illyrier und der Italiener gemächlich nieder. Jella flüchtete, von Müdigkeit überwältigt, in einen Winkel des düsteren, weiten Wartesaales, und das Gewoge der bunten Trachten bewegte sich wie ein Traum an ihr vorüber. Ein schöner, stolzer Mann, dessen Jugend längst hinter ihm lag, ging vorbei und warf einen matten, gleichgültigen Blick auf die Menge. Plötzlich stockte sein Fuß und in die verschleierten Augen kam jugendliches, warmes Leben, so daß der Kopf mit dem

0 kurzen, lockigen, ergrauenden Haar plötzlich um viele Jahre

jünger erschien. Die schlanke, edle Gestalt richtete sich hoch auf und die Hand bedeckte einen Augenblick die Stirne, als müsse er sich klar darüber werden, daß die Zeit uns nie und nimmer die Liebe erweist, plötzlich zu einem Lebenspunkt zurückzukehren, der uns theuer über Alles ist.Jella Androchich! börte plötzlich Jella dicht vor sich eine tiefe, ausdrucksvolle Stimme. Erschreckt schaute sie empor und sah die hohe Gestalt des in Pelz gehüllten Mannes über sich gebeugt. Der Ausdruck seines Gesichtes und seiner dunkelen Augen beruhigte sie; denn es lag eine unbeschreibliche Milde und Güte darin, es schien selbst, als schimmerte es feucht in seinem Blick. a

Jella Wellner, sagte sie und sah vertrauensvoll in dieses Antlitz, das ihr bis in die innerste Seele wohl that.

So sei es dem Zufall gedankt, der mir einen Herzenswunsch erfüllt und mir Jella Androchich's Tochter zuführt; ich bin Dein Onkel, mein liebes Kind, Graf Josika, und er nahm Jella's Hand, drückte seine Lippen darauf und sah ihr tiefbewegt und nachdenkend in's Gesicht.

Mein Onkel! flüsterte sie tief erröthend.

Du erröthest, mein Kind? fragte er schmerzlich berührt. Du kommst von Voridori, das könnte mich darüber aufklären; was man Dir immer von mir gesagt haben mag, es sind Alles nur die Folgen einer einzigen vereitelten Hoffnung gewesen. Nimm meinen Arm, Jella, wir wollen dieses Gedränge verlassen, ich will Dich in ein Zimmer führen, wo wir wenigstens uns verständigen können.

Sie legte zitternd ihre Hand auf seinen Arm und folgte ihm in den Wartesaal erster Klasse, wo nur Wenige sich aufhielten. Sein Auge ruhte wehmüthig tief auf ihr, er schüttelte den Kopf, als könne er es kaum glauben, daß es nicht Jella Androchich war, die an seiner Seite saß. Ein Bedienter mit Handgepäck und Reisedecken trat zu dem Grafen, und Jella's gutes Auge unterschied auf den Knöpfen der Livre das Wappen, das Gräfin Josika überall in reicher Fülle in ihren Zimmern angebracht hatte. Es hätte dessen nicht bedurft, denn die Er scheinung dessen, der sich ihr Onkel nannte, flößte ihr völliges Zutrauen ein.

Ich muß wohl sehr meiner Mutter gleichen, sagte Jella, indem sie mit einem offenen Lächeln des Grafen gänzlicher Ver sunkenheit in ihr Anschauen begegnete.

Du siehst ihr so ähnlich, daß mir die Klage im Herzen weint:Jella, warum hast Du mir das gethan? Doch Du bist ihr Kind, Du bist so jung, und obschon es mich dazu drängt, mit Dir darf ich nicht über sie sprechen, sagte er und richtete sich rasch auf.Erzähle mir von Dir! Warum reisest Du allein? Wohin gehst Du von Voridori?

Wunderbarer Weise erzählte sie ihm Alles ohne Rückhalt. Ihre Thränen flossen, sie blickte ihm in das milde Angesicht, in dem ein Ausdruck lag, dem sie nicht widerstehen konnte, und nun wußte er Alles. Er strich ihr über das dunkellockige Haar, er drückte ihr warm die bebenden Hände, und sie weinte ihren Kummer bei ihm aus. Das that ihr wohl, seit so langer Zeit wieder einmal einen Menschen, der ihr nahe stand, der

Gefühl und Verständniß für ihren Kummer und ihre Verlassen

heit hatte, vor sich zu sehen.

Du hast recht, mein Kind, Du mußt wohl jetzt Deine Reise nach der Heimath fortsetzen; aber versprich mir, daß Du Dich eines väterlichen Freundes, des treuesten und ergebensten, den Du hast, erinnern willst, wenn Dir je das Leben Schwierigkeiten in den Weg legen sollte. Um dieses Anrecht, das ich beanspruche, Dir zur Pflicht zu machen, muß ich Dir von Jella Androchich sprechen, ich muß es, rief Graf Josika und sein bleiches, edles Gesicht färbte sich mit jähem Roth.

Thue das, Onkel! rief Jella mit flehendem Ausdruck. Das Bild, das ich mir von meiner Mutter entwerfe, ist ent stellt durch das Urtheil von Menschen, die sie nicht gekannt und nicht geliebt haben. Mein Vater hat mir kaum von ihr ge sprochen, von ihr nicht und nicht von meinem Bruder Leo.

Dein Bruder Leo, sagte Graf Josika langsam,war der Zögling Deiner Tante; es kam wie blinde Wuth über mich, wenn ich gezwungen war, in dem verweichlichten, energielosen Buben den Sohn der Frau zu sehen, deren Herz und Seele so unergründlich tief waren, daß jedes andere Weib wie ein wesenloser Schatten neben ihr erschien. Ja, er wurde mir verhaßt, der Junge, weil er der Abklatsch Deiner Tante geworden war. Seine Stirne hatte sich umwölkt und Jella legte bittend ihre Hand auf seinen Arm. 1

Sprechen wir von Jella Androchich, flüsterte sie.

Ja, sprechen wir von ihr, von ihr, zu ihr, zu ihrem Ebenbild, sagte er.

Der Zug nach Triest ist im Begriff abzugehen, Herr Graf, meldete der eilends hereinkommende Bediente.

Ich werde meine Nichte begleiten, antwortete Graf Josika ruhig;Du erwartest mich hier morgenoder übermorgen.