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zurück und bekam einen heftigen Nervenanfall. Vera eilte herbei und trug sie auf den starken Armen in das anstoßende Schlaf— zimmer.
Traurig, den Kopf auf die Hand gestützt, blieb Jella in der Gräfin Wohnzimmer und wartete auf die Rückkehr der Kammer— frau. Sie hörte das krampfhafte Weinen ihrer Tante; endlich wurde es ruhig nebenan und Vera kam leise in das Zimmer.
„Gnädiges Fräulein erlauben, daß ich mich hier niederlasse,“ flüsterte sie;„Frau Gräfin schlafen eben, aber ich muß in der Nähe bleiben.“
„Vera, war meine Tante immer so nervenschwach?“ fragte Jella die Kammerfrau.
„Jawohl,“ gab sie zur Antwort und nahm eine Näharbeit auf, es schien, als wollte sie den ganzen Abend nicht mehr den Mund öffnen.
„Hassest Du mich, Vera, oder hast Du meine Mutter ge— haßt?“ fragte das junge Mädchen nach einer Weile, während sie mit verdüstertem Gesicht der schweigsamen Kammerfrau zusah.
Vera sah von ihrer Arbeit auf und das kalte, unbewegliche Gesicht überzog sich mit jäahem Roth.„Ich kenne das gnädige Fräulein nicht, Fräulein Jella Androchich hat mich mehr als einmal durchgepeitscht, als ich, eine zwölfjährige Waise, hierher nach Voridori kam,“ sagte die Frau gleichgültig, ohne Haß, ohne Bewegung. f
„Du willst sagen, daß meine Mutter sehr böse gewesen ist,“ fuhr Jella auf.
Vera schüttelte den Kopf.„Das nicht,“ sagte sie ruhig,„sie hat es von der Mutter gehabt, die wußte auch nicht, was sie that, wenn ihr das Blut in den Kopf stieg. Ihre Mutter sollte Gräfin Josika werden, da hat sie dem Grafen eines Tages eine solch blutige Beleidigung entgegen geschleudert, daß er sich rächte und kurzweg Fräulein Anka heirathete. Die Ehe war denn auch darnach, auf seiner Seite völlige Gleichgültigkeit, auf ihrer Eifersucht und Quälerei, bis er sich von ihr scheiden ließ. Da war das Lied zu Ende.
„Tag und Nacht nannte man die Schwestern, die eine war dunkel wie die Gewitternacht, voll leuchtender Blitze, die andere war wie der sonnige Tag. Glücklich aber ist noch nichts aus Voridori hervorgegangen; es gährt ein dunkles Verhängniß über dem unheimlichen Hause,“ flüsterte die alte Dienerin und ihr Gesicht wurde bleich.„In dem ganzen Lande geht die Sage, daß fast alle Besitzer von Voridori sich mit Blutschuld bedeckt haben; man sagt, keinen ausgenommen,“ fügte sie schnell hinzu.
„Doch nicht mein Großvater?“ schrie Jella auf.
„Stille, stille, Sie wecken die Gräfin,“ flüsterte Vera.„Ihr Großvater? Kein Mensch weiß, wie Ihre Großmutter gestorben
ist. Eine Schußwunde in der Brust, freilich kann sie dieselbe
sich ja selbst beigebracht haben.“
„Du bist schrecklich, Vera; weißt Du, was Du sagst, grauen— haftes Weib?“ rief Jella mit angstvollem Blick.
„Nein, das weiß ich nicht,“ lachte sie auf.„Warum haben Sie mich meinem Schweigen entrissen? Sie sehen ja, daß ich nicht reden darf, daß man in Voridori Alles mit Erde und Todesschweigen überdeckt. Der alte Mann schläft und die Gräfin wühlt in den Spitzen und Seidenstoffen und liest französische Bücher,— wir sind ruhige, zufriedene Leute hier, Fräulein Jella, was wollen Sie mit Ihren Fragen und den forschenden Augen? Sie gleichen der Nacht mit den zuckenden Blitzen, man muß sprechen, wenn man auch nicht will und darf,— eine Ge— witternacht aber war Ihre Mutter nicht mehr, als sie mit dem kleinen Jungen hierher kam, nur noch ein trüber, stiller Abend, gebrochen war sie in ihrem innersten Wesen. Eine Sehnsucht verzehrte sie, eine tiefe, unheilbare Sehnsucht; aber Graf Josika dachte nicht mehr an sie; er schwelgte in den Freuden der ungarischen Hauptstadt, während seine Frau sich in Eifersucht verzehrte.“
„Du willst behaupten, daß meine Mutter nicht aufgehört hat, den Grafen Josika zu lieben?“ preßte Jella mit zornsprühenden Augen hervor und packte krampfhaft den Arm der Dienerin.
Die kalten Augen maßen sie höhnisch.„Das will ich,“ antwortete sie eisig.„Was lag Jella Androchich an dem feinen, sorgsam aufgeputzten Manne, der immer dasselbe glatte, freund— liche Gesicht zeigte? Sie hatte ihn den Winter in Triest kennen
gelernt und dachte nur:„Fort, fort von Voridori, ehe Graf Josika die blonde Schwester heirathet.“ Ich erwartete damals ein Unglück, Jella Androchich wußte gut mit dem Dolche um⸗ zugehen,— sie that nichts, sie zog mit dem glatten Manne nach Deutschland. Ihr Sohn aber, der ihr nicht glich und ein gar feiner Herr war, mußte doch etwas vom Blute der Androchich in sich haben: er war kaum zwanzig Jahre alt, da lud er die Blutschuld auf sich.“
Jella sprang entsetzt auf.„Schweige, um Gottes Willen, fürchterliches Weib, Du bist wie das verkörperte, boshafte Schicksal des verfluchten Hauses, welches das Unglück hohnlachend heraufbeschwört.“
Vera's ausdruckslose Augen sahen gleichgiltig auf das bleiche zitternde Mädchen.„Ich bin nur Zuschauerin gewesen, mein gnädiges Fräulein; ja freilich, das Schicksal ist eine blinde Macht und muß die Dinge gehen lassen, wie sie gehen müssen.
„Weiß meine Tante, daß Du die Schauerchronik des Hauses Androchich bist und daß Du so freigebig mit ihrer Verbreitung bist?“ fragte Jella mit bebenden Lippen.
„Das weiß Gräfin Josika nicht und kein Mensch weiß das. Bisweilen aber, wenn sie ihre französischen Romane müde ist, dann erzählen wir uns die alten Geschichten. Sie greifen wunderbarer Weise der Gräfin Nerven nicht an; geben doch diese Traditionen dem Hause Androchich, das keine aristokra— tischen Ahnen hat, eine Bedeutung, in der Ihre Tante die überzeugendste Bürgschaft für das ritterliche Blut der Androchich erblickt.“
Jella starrte die Sprecherin an, um deren Mund es höhnisch zuckte. Dieses Weibes kalte Augen hatten in alle Gräuel ge— sehen, sie streiften spottend der verlassenen Gräfin Schwächen, und es entführen ihr Worte darüber, als sei es ihr Beruf, den Greis und dessen Tochter, deren Dienerin sie war, auf jede Weise bloszustellen.
„Warum hassest Du das Haus, das Dir von jeher Unter— kunft und Schutz gewährt hat?“ fragte Jella nach einer Weile angstvollen Nachdenkens. Wie von einem Schlag getroffen, richtete sich die Dienerin auf.„Ich hasse Niemand, sonst würde ich auf Rache gesonnen haben; aber lieben thue ich die nicht, denen ich Sklavendienste leisten muß, bis ich in die Grube sinke. Sie sprechen von Schutz und Unterkunft? Gehen Sie, Sie sind ein Kind, meine Arbeiten und Leistungen hier sind nicht mit Tau— senden zu bezahlen, die Androchich sind meine Schuldner, ich bin ihnen keinen Dank für ein Sklavenleben schuldig.“
„Warum bist Du hier geblieben?“ fragte Jella und starrte noch immer auf das Weib, vor dem ihr graute.
„Die Gewohnheit, mein gnädiges Fräulein,“ antwortete Vera ruhig,„und wo sollte ich denn hingehen? Ich wäre anderswo ausgenutzt worden, wie hier; wir Unglücklichen, denen nichts wie das nackte Leben mit in's Dasein gegeben wird, sind und bleiben die Lastthiere der Reichen. Ein Mann kann sich dagegen auf— lehnen, ein Weib nicht, besonders nicht, wenn sie häßlich ist, wie Vera Görgej. Nun gehen Sie, mein gnädiges Fraulein, ich höre Gräfin Josika, sie hat Ihrer nicht nöthig, sie braucht keinen Menschen auf der Welt wie mich.“
„Hast Du aus Rache den Vorhang vor den fürchterlichen Dingen zurückgezogen?“ fragte Jella, ehe sie das Zimmer verließ.
„Sie meinen wegen der Peitschenhiebe, die mir einstens Jella Androchich gab?“ fragte sie und zuckte im Fortgehen die Schulter.„Ich sagte Ihnen ja, daß ich mich nie rächen werde, ich dachte nur, weil Sie der letzte Sproß der Familie sind, dürfte man Ihnen die Geschichte Ihrer Vorfahren nicht vor⸗ enthalten.“ Damit verschwand sie im Schlafzimmer der Gräfin Josika. a
Jella fröstelte; sie zögerte hinauszutreten in die öden, un⸗ heimlichen Gänge, in denen der Sturm heulte und der Regen durch das schadhafte Dach heruntertropfte. Nun wußte sie, warum Schrecken und Angst ihre Begleiter noch bis zur Stunde in dem
fürchterlichen Hause waren, sie konnte ihrem Großvater heute Abend nicht mehr in das versteinerte Gesicht sehen, sie fürchtete
ihn, fürchtete die stumme Nähe dieses— Mörders! Wie Blutlachen sah das trübe Wasser aus, das sich langsam in den verfallenen Gängen ansammelte und Jella's raschen, angst⸗
haften Lauf nach ihrem Zimmer aufhielt. Endlich stand sie in 1
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