Ausgabe 
8.4.1888
 
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zu den

Oberhessischen Machrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Gießen, den 8. April.

II. Nun mache nur kein so verzweifeltes Gesicht, Jella; was

ist's denn weiter? Es hat mich nur gewundert, daß Dein Vater

sich nicht schon längst wieder verheirathet hat. Dein Bruder Leo würde sich keinen Augenblick darüber gegrämt haben, der präch tige, herrliche Mensch, er war so ganz anders wie Du! sagte Gräfin Anka seufzend.

Ja, hätte ich nur noch einen Bruder! rief Jella und bedeckte das bleiche Gesicht mit den Händen.

Du hast ihn nicht gekannt und hast ihn nie vermißt; ich aber habe ihn erzogen, zum schönsten, stolzesten Jüngling erzogen. Da kam das Unglück. Nie hat Ungarn einen glänzenderen Offizier besessen, und er mußte sich unglücklich machen eines elenden Weibes wegen!

Jella hob den Kopf und sah die Gräfin fragend an.

Komme und setze Dich hier neben mich auf die Causeuse, mäßige aber Deine raschen und heftigen Bewegungen, sie regen mich auf. Du dauerst mich, so siehst Du aus und erinnerst mich lebhaft an Deine Mutter an ihrem Hochzeitstage. Der sterbende Blick macht mir ganz übel. So, wenn Du nun ganz ruhig neben mir sitzen willst, dann will ich Dir von Leo er zählen. Was mir ihn schon als kleinen Knaben lieb und theuer

machte, war, daß er bis in's innerste Mark hinein ein Aristokrat

gewesen ist. Deine Mutter brachte ihn hierher, als er vier Jahre alt war, und sie hat ihn hier zurückgelassen und ihn nicht wiedergesehen. Der alte Oberst hat sich nicht viel um ihn ge kümmert, die Erziehung fiel mir allein zu. Der schöne Knabe begleitete mich nach Ungarn, wohin mich das traurigste der Verhängnisse zurückrief. Graf Josika, der Peiniger meines Lebens, liebte und haßte den Jungen, und ging gewöhnlich von der unbegreiflichsten Schwäche für ihn zu grausamer Härte über. Mein Vater, Oberst Androchich, hat mir vorgeworfen, ich hätte ihn verdorben. Graf Josika hat es gethan, nicht ich. Syste matisch hat der Teufel das Gift in das junge Herz geträufelt, er nahm ihn mit zu den Orgien, als Leo noch ein Knabe war, und da wollte man denn noch staunen, als die Kunde kam, daß der Junge seine Geliebte, eine elende Schauspielerin, erschossen habe. Sie haben ihn hier in Voridori gesucht, aber ich trat

den Häschern entgegen und sagte ihnen:Gehet doch zum Herrn

Grafen Josika, der kann Euch sagen, was aus dem Herrn Lieutenant geworden ist. Der Oberst tobte und fluchte und

hätte den Enkel noch mehr in die Patsche gebracht, wenn ich

nicht ihm gegenüber kühn behauptet, ich hätte es mit eigenen Augen gesehen, wie er das Papier unterschrieben. Der Bankier in Agram hatte Leo eine bedeutende Summe auf die Unterschrift

Ein dunkler Schatten.

Novelle von M. Elton. Fortsetzung.)

des Obersten hin übergeben, und Oberst Androchich behauptet, daß sie gefälscht gewesen sei. Dem sei nun, wie ihm wolle, was thut der Mensch nicht Alles, wenn ihn die Verzweiflung packt. Leo hat sein Erbtheil vorausgenommen, das ist schließ lich Alles.

Gräfin Josika griff nach dem neuesten Pariser Odeur, be freite dann die durchsichtig weißen Hände von den Handschuhen und tauchte einige Finger in die milchweiße Masse. Jella sah mit wirren Blicken ihre Tante an.Ein Mörder, ein Be trüger, ein Dieb ist er gewesen? rief sie außer sich,o, ich schäme mich, ich schäme mich bodenlos vor den Leuten hier, die um die Geschichte wissen. Nun weiß ich, warum mein Vater und Niemand den Verlorenen erwähnte!

Gräfin Anka sah ihre Nichte an, als verstände sie absolut nicht eine solche Auffassung.Willst Du ihn mit dem Maßstab des gewöhnlichen bürgerlichen Lebens messen, ihn nach der Richtung des engen pedantischen Gesetzes, das der gemeinen Masse angepaßt ist, beurtheilen, so darfst Du seine Handlungsweise verdammen. Leo war eine Feuerseele, ein Aristokrat, ein hoch begabter Mensch. Zu beklagen ist es, daß das Gesetz nichts ist, als eine rohe Kraft, berechnet für eine rohe Kraft.

Zu allen Zeiten ist der Begriff von Ehre derselbe gewesen, rief Jella mit flammenden Augen.Er ist todt, der Unglück liche, setzte sie hinzu und senkte den Kopf;möge ihm Gott gnädig sein!

Das versteht sich ja von selbst, Mädchen, sagte Gräfin Josika und hob ungeduldig die Schultern.Gut ist's ja, daß Leo vernünftig gewesen ist, zu sterben, da seine nächsten Ver⸗ wandten ihn doch nie begriffen und verstanden hätten. Er hat mir einmal geschrieben; da er mir keine Adresse angab, konnte ich nicht antworten. Es ging ihm nicht gut in Australien, das war Alles, was er mir mittheilte. Ich bin ruhig über ihn geworden, seit ich weiß, daß er todt ist. Wie nahe ich ihm gestanden, das hat er mir bewiesen. Es ist heute der 4. No vember, Jella, sprach die Gräfin in ernstem, feierlichem Tone; siehe hier Dir gegenüber den Spiegelschrank. Vor sieben Jahren am 4. November, genau um diese Stunde, um 6 Uhr Abends, ist Dein Bruder gestorben. Ich öffnete den Schrank, um ein Kleidungsstück daraus zu nehmen, da kam mir Leo's Gesicht entgegen, bleich und entstellt, eine Schußwunde auf der Stirn. Als ich nach einer langen Ohnmacht wieder zu mir kam, da wußte ich, daß er todt war.

Ein heftiger Windstoß erschütterte das einsame Gebäude und langsam öffnete sich die Thür des Glasschrankes. Jella schrie laut auf und die Gräfin, todtenbleich, fiel in die Causeuse