Ausgabe 
8.4.1888
 
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Gegenliebe selig im Herzen, die Welt aber wußte nichts von unserem Bündniß. Da warf sie mir eines Tages vor, daß ich das Duell mit einem armen jungen Menschen vermieden, dessen Vater jetzt darf ich es sagen meine Kniee umfaßt, daß

ich seinen einzigen Sprossen, einen kränklichen, reizbaren Jungen,

nicht dem gewissen Tode aussetze. Meine Handlungsweise wurde in der Gesellschaft in Agram verstanden, nur nicht von Jella Androchich.Feigheit warf sie mir vor. Da war es aus zwischen uns, und in der Erregung verlobte ich mich am selben Abend mit ihrer Schwester; die Gesellschaft gratulirte, und ich ging zu Oberst Androchich, mir seine Einwilligung zu holen. Jella war nach Triest zu einer Verwandten abgereist. Laß mich

von dieser Zeit der Höllenqual schweigen; ich wartete darauf, daß mir Jella ein Wort der Abbitte schreibe und mich zu sich zurückrufe. Der Tag war nahe, der mich an das damals wohl liebliche, aber ungeliebte Mädchen fesseln sollte, ich ertrug es nicht länger und eilte nach Triest. Als ich durch die Straßen schritt, sah ich Jella Androchich in die Kathedrale eintreten. Ich zögerte einen Augenblick, dann schlich ich leise nach. In einer Seitenkapelle, in die der Abend bereits seine Schatten warf, lag sie auf den Knieen vor dem Bilde der heiligen Jung frau. Einige brennende Kerzen zeigten mir Jella's Gesicht; nie und nimmer habe ich den Ausdruck des tiefsten Seelen schmerzes, der gänzlichsten Auflösung in Jammer und Weh auf einem Menschenantlitz so ergreifend gelesen, wie auf ihren bleichen, entstellten Zügen. Sie rang stumm die Hände und blickte zu dem Bilde der Heiligen auf in jammervollem Gebet. Ich stand nahe bei ihr, und als ich eine rasche Bewegung machte, fiel ihr Blick zur Seite und sie errieth mehr meine Gegenwart, als daß sie mich im Düster der Kirche erkannt hätte. Im Augenblick stand sie aufrecht da, ihre Blicke sprühten Flammen.

Jella! rief ich außer mir,einzig geliebte Jella, sei mein, es ist nicht zu spät. Ich lag zu ihren Füßen und das ruhige Bild der Heiligen blickte mild auf uns hernieder.

88 2 2 f 5 116 Deine Mutter war meine Braut, wandte er sich plötzlichGehe, entweihe nicht die heilige Stätte! rief sie wild und zu Jella,ich hatte ihr Wort und trug die Gewißheit ihrer schüttelte die dunklen Locken.Deine Rache macht jede Umkehr

unmöglich und jedes Wort überflüssig, teuflischer hat sich nie ein Mensch eines armen Wortes wegen gerächt, gehe, Du hast Deinen Zweck erreicht.

Du liebst mich, Jella, und Du bist mir Alles; Deine Schwester ist ein Kind, das den Verlust meiner Person nicht viel betrauern wird; fliehen wir, sogleich, ohne Deinen Besitz ertrage ich das Leben nicht.

Einen Augenblick senkte sie die Augen zur Erde, als über legte sie; in mir klopften alle Pulse, es war ein Moment, in dem man ein Dasein durchlebt. Jella's Blick erhob sich langsam, schwermüthig:Es ist zu spät, Kemeny Josika, sprach sie ton⸗ los,meine Schwester liebt Dich, mache sie glücklich.

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Todtenmaske Kaiser Wilhelm's. Abgenommen von Professor R. Begas, gezeichnet von E. Timmer den 10. März 1888.

Meine heißen Bitten, meine Verzweiflung wurden nur mit einem traurigen Kopfschütteln beantwortet.Es kann nicht sein, laß mich allein, die Mutter der Barmherzigkeit wird mir helfen, so sprach das bleiche, unvergeßliche Mädchen und machte mir ein Zeichen, ihr nicht zu folgen. Sie verließ langsam die Kirche, während ich im Gefühle meines tiefen Elends auf den kalten Steinen lag und mein Dasein verfluchte. Ich habe Jella An⸗ drochich nicht wieder gesehen. Was mein Leben gewesen ist, das wird Dir Gräfin Anka oder ihr Faktotum Vera erzählt haben. Du wirst Deinen alten Onkel in den schwärzesten Farben ge⸗ sehen haben was thut's, mein Kind? Freude an meinem Leben habe ich, trotz der sogenannten Genüsse des Daseins, dennoch nicht gehabt. Ein Augenblick des Wahnsinnes nahm mir das Weib, in dem eine Welt von Gefühl, Hochherzigkeit und Seelengröße wohnte, und gab mir dafür eine kopf- und herzlose Puppe. Was sie Dir gesagt baben mögen, ich habe

nie ein anderes Weib geliebt wie Jella Androchich.

Graf Josika hatte kurz und eilig gesprochen, ohne Jella an⸗ zusehen. Er sah düster vor sich hin, und erst als Jella die Hand auf seinen Arm legte und ihm mit thränenfeuchtem Blick in die Augen sah, schien er sich seiner bewußt zu werden.Das ist Alles schon lange her, mein Kind; siehe, mein Haar beginnt