Ausgabe 
8.1.1888
 
Einzelbild herunterladen

I D

Bah, erwiderte Karzow in gemüthlichem Tone,ich glaube nicht an das Märchen von dem Vulkan, auf dem wir tanzen! Dazu ist Rußland nicht geeignet. Die ungeheure Masse des Volks ist ohne jedes Verständniß, ist nur Sand, keine Lava! Wenn nur die Regierung wachsam ist, so glaube ich doch nicht, daß Signora Patti noch diesen Winter nach Peters burg kommt. Man sagt, sie beabsichtige eine Tour in den Ver einigten Staaten.

Verwundert sah Maxim nach seinem Freunde, in ernster Be sorgniß um dessen geistigen Zustand. Doch dieser saß gemüthlich lächelnd ihm gegenüber, mit der harmlosesten Miene der Welt, und als Maxim seinem Blicke folgend, sich umwandte, sah er einen jungen Mann vorübergehen, dessen haßerfüllten falschen Blick er heute schon einmal auf sich gerichtet gesehen hatte. Karzow tauschte einen flüchtigen Gruß mit ihm aus.

Wer ist dieser Herr? fragte Maxim, nachdem Jener sich entfernt hatte.

Das ist ein gewisser Semenow, ein Beamter, der aber ge mieden wird, da er im Rufe steht, auf jede Weise, auch durch Spionage und Angeberei, Karriere machen zu wollen.

Wir werden gut daran thun, bemerkte Maxim,unser Gespräch anderswo fortzusetzen. Besuche mich doch wieder, Freund. Es ist schon spät. Ich habe noch einen weiten Weg nach Hause. Auf Wiedersehen!

Gewiß, ich komme! Schon morgen werde ich Dich besuchen. Vieles habe ich Dir zu sagen. Also auf morgen, erwiderte Karzow, dem Freunde die Hand drückend.

Langsam verließ Maxim das gastfreie Haus des reichen Staatsraths. Er blickte die Straße auf und ab, um vielleicht einen Schlitten zu entdecken, doch vergebens; nur Privatschlitten standen in langer, bereits etwas lückenhaft gewordener Reihe vor dem Haus.

Maxim war dies gar nicht unangenehm. Was kann es

Schöneres geben, als einen Spaziergang bei Vollmondschein über:

den Newsky-Prospekt, auf dem knirschenden Schnee, gegen die Kälte wohl verwahrt durch Pelz und warmes Fußwerk? Welch angenehmen Kontrast gegen die Schwüle der überfüllten Säle bildete die scharfe, frische Luft der Januar-Nacht! Maxim machte

sich auf den Weg in gemäßigtem Schritt. Der letzte Schneefall

hatte alle Vorsprünge an den Häusern, alle Verzierungen mit einer dicken Schneeschicht belegt, welche, vom Mond beleuchtet, den Facaden ein phantastisches Ansehen gab.

Maxim ließ die Bilder des heutigen Abends noch einmal an sich vorüberziehen und versank in tiefes Nachsinnen, während er den Newsky-Prospekt hinabschritt, um dann links in den Litjeny-Prospekt einzubiegen.

Er sah, er war gern gesehen in dem Hause des reichen Staatsraths. Welikanow war ja gar kein eigentlicher Staatsrath, er war ein Geschäftsmann, welcher durch glückliche Unter nehmungen rasch ein großes Vermögen erworben hatte. Den

Titel eines wirklichen Staatsraths, welcher den erblichen Adel giebt, hatte er durch ein für ihn geringfügiges Geldopfer erlangt.

Nun, gleichviel! Und die Tochter! Ihr letzter fragender Blick hatte eine Welt von Fragen in ihm erweckt. Liebte sie ihn? Es war kein Zweifel, daß sie ihn auszeichnete. Aber nicht jede

Phantasie eines achtzehnjährigen Mädchens ist auch gleich Liebe!

An Maxim's Stelle hätten Tausende ganz anders geschlossen,

und Maxim schien den Beweis zu liefern, daß es auch Männer

ohne Eitelkeit giebt. Oder konnte er nur deshalb so kühl bleiben, weil sein ganzes Wesen von einer andern Idee eingenommen war, welche noch mächtiger als die Eitelkeit sprach?

Aber liebte er sie denn? fragte sich Maxim weiter. Nein? Nun dann war es doch Ehrensache, so schnell als möglich ab zubrechen, es war Ehrensache, keine Hoffnungen zu erwecken, die

i er nicht erfüllen wollte. Aber war es denn seine Schuld,

wenn sie ihr Herz nicht besser zu bewachen verstand? Hatte sie nicht ihre Mutter als Rath und Beistand, wie durfte diese zu⸗ lassen, daß Irene ohne der Mutter Wissen wählte, noch lange

bevor sie Welt und Menschen kennen lernen konnte?

Maxim war im Begriff, in den Litjeny-Prospekt einzubiegen, und wandte sich um, um nochmals den langen Newsky-Prospekt in dieser selten schönen Beleuchtung zu betrachten.

Und doch, warum sollte er sie denn nicht lieben? Das muß

doch noch erst näher untersucht werden, dachte der zukünftige Arzt weiter.Ist sie nicht liebenswürdig, jung, schön, von vor trefflichem Charakter? Gewiß! Sie wäre wohl werth, daß man sich ernstlich um sie bemühte.

Nein! Nein! schrie er plötzlich mit Heftigkeit laut auf, fort mit diesen Gedanken, bis ich den Vater wieder gefunden!

Erstaunt über sich selbst sah er um sich, ob Niemand seinen Ausruf gehört habe, und verwundert über den Wiederhall in der Straße. War es nicht Wiederhall? Nein, es war Aut wort! Sonderbar! Wo? Jetzt hörte er einen unterdrückten Schrei und wieder:

Hilfe! Mörder!

Maxim war von Herzen gerne hilfsbereit. Furcht kannte er nicht und gerade jetzt war ihm eine Ableitung für seine auf geregten Gedanken willkommen.

Karaul! Karaul! Wache! rief er laut, um weitere Unter stützung herbeizurufen und eilte vorwärts. Noch ein anderer Mensch lief in derselben Richtung, wie um zu helfen, kam aber Maxim so ungeschickt in den Weg, daß dieser ihn überrannte und der Mensch fluchend zur Erde fiel.

Hilfe! Hilfe! kam wieder ein schrecklich angstvoller Ruf.

Maxim eilte stürmisch vorwärts in der Richtung, von wo der Ruf kam. Da sah er am Eingang eines engen Neben- gäßchens zwei Männer eine vermummte Gestalt mit sich zerren, welche sich verzweifelt sträubte. Mit gewaltigem Stoß traf er den einen der Räuber, daß er schwer zu Boden fiel, während der Andere ein Messer zog, fluchend nach Maxim einen Stoß führte und dann entfloh. Er hatte schlecht getroffen, nur Maxims Pelzmantel war unter dem rechten Arm durchbohrt. Maxim wandte sich jetzt zu der vermummten Gestalt und fand zu seinem Erstaunen und Entsetzen ein junges Mädchen, anscheinend aus gutem Stande, welchem die Räuber ein Tuch über den Kopf geworfen und dann festgebunden hatten, damit die Hilferufe nicht gehört würden. Es war die höchste Zeit, daß Hilfe kam, denn Widerstand war fast unmöglich und noch einen Augenblick, so wären die Räuber mit ihrer wehrlosen Beute spurlos verschwunden in irgend einem Schlupfwinkel. 5

Außer sich vor Angst, war das Mädchen noch nicht im Stande, Maxims Fragen zu beantworten. Er suchte vergebens, ihr Muth einzusprechen, sie schien ihn kaum zu verstehen und war in kon⸗ vulsivisches Weinen ausgebrochen. Maxim fuhr fort, ihr zuzu reden und nach ihrer Wohnung zu fragen, um sie sicher dahin zu bringen. Da plötzlich schrie sie mit dem Ausdruck des Entsetzens laut auf, die Arme abwehrend ausstreckend, ein schwerer Schlag traf Maxims Kopf, er taumelte, Nacht senkte sich auf seine Augen, er verlor das Bewußtsein und sank zur Erde.

(Fortsetzung folgt.)

Das Orakel der Hulvesternacht.

Erzählung von A. Brüning. (Fortsetzung)

Was ich litt unter der Erkenntniß, die jene nie vergessenen Worte mir brachten, vermag ich nicht zu schildern. Sie, die ich so glühend liebte, mir auf ewig verloren verbunden in heimlicher Ehe mit dem Rebellen! Ich konnte es nicht fassen, und doch ließ das Billet keine andere Deutung zu.... Mir war, als ob mein Herz plötzlich stille stände, als ob Alles kalt und todt wäre, was dar⸗ innen noch vor wenigen Minuten so hoffnungsfreudig geglüht und geblüht. Nichts war übrig geblieben als ein wilder grausamer Durst nach Rache Rache für den Verrath, den ich in jenen Augenblicken ohne Ueberlegung und Gerechtigkeit an mir von der⸗ jenigen begangen wähnte, der ich meine Liebe geweiht und die doch in Wahrheit mir niemals irgend eine Hoffnung auf Gegen liebe gegeben.

Mechanisch faltete ich das verhängnißvolle Papier zusammen und schob es wieder an seinen vorigen Platz in das Notizbuch, das ich dann ebenso mechanisch schloß und in meiner Brust⸗ tasche barg.

Noch war keine Ordnung in meine chastisch durcheinander⸗ wirbelnde Gedanken gekommen; ich wußte nur, daß ich mich