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Maxim war etwas verwirrt, er hatte nicht daran gedacht,
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daß es für einen jungen Mann ein bedenklicher Fehler ist, nichts
Neues zu wissen. Und doch ist dies oft sehr schwer, denn es giebt in der Residenz so Vieles, was man gar nicht wissen darf. Doch er faßte sich schnell und erwiderte, sich verneigend:
„Excellenz, ich bin so verwirrt durch soviel Schönheit und Grazie, daß ich Alles vergessen habe. Ich weiß nur eins, daß ich stets glücklich bin, Ihnen meine tiefe Verehrung ausdrücken zu können.“
„Schmeichler!“ erwiderte die Staatsräthin, augenscheinlich au— genehm angeregt,„wenn das wahr wäre, würden wir Sie nicht so selten sehen.“
Neue Ankömmlinge veranlaßten Maxim, sich etwas zurück— zuziehen. Bald wuchs das Gedränge in allen Sälen.— Der Tanz begann. Maxim war so glücklich, einen der ersten Tänze mit der vielumworbenen Tochter des Hauses bewilligt zu er— halten. Die rauschende Musik, die Schönheit und Lebenslust des jungen Mädchens an seiner Seite, verfehlten nicht ihre Wirkung und verscheuchten für kurze Zeit den Ernst, der von Maxims Wesen unzertrenntlich schien. Ein unwillkürlich be— wundernder Blick Maxims war von Irene aufgefangen worden und schien ihr als schuldiger Tribut lebhaftes Vergnügen zu verursachen. Sie richtete ihre imposante Gestalt auf und blickte fröhlich in das Getümmel rings umher. Es war nicht ihre Schuld, daß ihr Blick mehr als einmal dabei ihren Tänzer traf, denn er stand nun eben gerade da, wohin sie sehen wollte. Doch dieses stumme Fragen und Antworten konnte nicht ewig dauern.
„Haben Sie mir sonst nichts, gar nichts zu sagen, Maxim Viktorowitsch?“ fragte sie halb lächelnd, halb ungeduldig.
„Sonst?“ erwiderte Maxim,—„habe ich denn schon etwas gesagt?“
„Nun ja! Mit den Augen haben Sie gesprochen, und warum
schämen Sie sich, das auf gut russisch zu wiederholen, was Ihre Augen in der allgemein verständlichen Weltsprache redeten?“
„Was meine Augen sagen, vielleicht ohne mein Wissen und Willen, das sind meine innersten Gedanken, und ich habe kein Recht, mein Fräulein, Ihnen diese aufzudrängen.“
erheben.
richtete, könnte mich rasend machen! Nun, wir werden sehen,
Verlust im Wint.“) Die meisten saßen still, fast regungslos, zu⸗
„Hören Sie, Maxim Viktorowitsch, Sie sind nicht aufrichtig,“
erwiderte das junge Mädchen, während ein Schatten von Ernst den Ausdruck von strahlender Lebenslust auf ihrem Gesichtchen um einen Grad minderte.—„Warum dieser fremde, zeremonielle Ton, sind wir nicht Jugendfreunde, so zu sagen Schulkameraden?“
„Gewiß,“ erwiderte der junge Mann in herzlichem Tone, — Hund ich werde nie die Stunden vergessen, die ich Ihrem
Eklternhause verdankte. Aber verlangen Sie nicht von mir, daß
ich Ihnen wiederholen soll, was Ihnen schon in tausend Kom— plimenten gesagt worden.“
Irkutsk geschrieben, ja wir haben sogar nach allen Stationen
war hier ein willensstarker Charakter an einer empfindlichen
„Nun und warum denn nicht?“ sagte das junge Mädchen,
mit heiterem, unbefangenem Lächeln,—„Komplimente sind doch etwas sehr Angenehmes. Ich liebe sehr, sie zu hören. Aber gerade von Ihnen ist nichts der Art zu vernehmen.“
Maxims Ernst wich bei diesem naiven Ausdruck kindlicher Unbefangenheit.
„Sie sagten doch soeben selbst, meine Augen hätten ge— sprochen,“ erwiderte er lachend. Ihren Beifall?“
„Nein,“ sagte Irene mit komischer Ernsthaftigkeit,—„das genügt nicht. Komplimente will man nicht allein vom Gesicht ablesen, man will sie hören, um an ihre Aufrichtigkeit glauben zu können.“
reichung seines Ziels eine Beleidigung ist, der aber mit der
„Hat diese Aeußerung nicht
„Um au ihre Aufrichtigkeit glauben zu können?“ wiederholte
Maxim verwundert.„Nun, ich wünsche von Herzen, Irene
Pawlowna, daß Sie Ihre optimistische Weltanschauung immer
behalten und niemals eine Enttäuschung erfahren möchten. Nur Wenige vermögen es, an die Aufrichtigkeit von Ball-Kompli⸗ menten zu glauben.“
Maxim versank wieder mehr als zuvor in düstern Ernst.
Auch Irene blieb nachdenklich und als sie sich am Schlusse des
Tanzes stumm trennten, traf ein halb fragender, halb trauriger Blick sein Auge.
Maxim verließ langsam den Tanzsaal, um sich auf einen Augenblick in den Spielsälen umzusehen. Seine Unterhaltung
für Handel und Wandel, neue Handhaben für Polizei- und Be⸗
mit Irene war nicht unbeachtet geblieben,— sie war ja für
Niemand im Saal ein Geheimniß gewesen.— Aber dort an der
einen Säule unter dem Orchester lehnte ein junger Mann von nicht unangenehmem Aeußern, dessen struppiges rothes Haar und
funkelnde Augen ihm aber in diesem Augenblick etwas Unheim⸗
liches, Abstoßendes verliehen. Es war Peter Iwanowitsch Semenow, ein junger, unbedeutender Beamter, der aber dennoch wagte, seine Augen zu der Tochter des reichen Staatsraths zu
„Aha! Also dieser ist's, Marlitzky, dieser Halbpollak, der mir in den Weg kommt. Schon der eine Blick, den sie auf ihn
wir werden sehen! Ich werde sie Alle beseitigen, und sollte ich tausend erwürgen, Alle, die mir den Weg zu ihrem Herzen streitig machen!“
Inzwischen durchwanderte Maxim ziellos die übrigen Sale und Spielzimmer. Dort saßen an Dutzenden von Spieltischen die Männer und Väter der tanzenden Damen eifrig an der Arbeit, als gelte es, noch diese Nacht ein wichtiges Werk zu vollenden. Zahllos waren die Abstufungen vom vergnügten Lächeln des Gewinnes bis zum Aerger über den schlechten nach— lässigen Partner, oder gar bis zur Angst über erlittenen schweren
weilen wischte einer der Spieler die Stirne oder trank hastig ein Glas Champagner.
Plötzlich fühlte Maxim, daß eine fremde Hand auf seine Schulter gelegt wurde, und eine wohlklingende Stimme rief:
„He, Freund Maxim Victorowitsch, warum so nachdenklich, keunst Du mich nicht mehr?“
Maxim wandte sich um und erblickte das wohlbekannte Gesicht seines Freundes Wladimir Nikolajewisch Karzow. Er⸗ freut reichte er ihm die Hand.
„Wie geht es, Freund, wir haben uns seit Monaten nicht gesehen, aber komme hinaus, hier ist es schwül.“
Sie traten in eins der Büffetzimmer, die immer stark be— sucht waren und nahmen in einer einsamen Ecke Platz.
„Nun,“ begann Karzow,„Freund, erzähle, wie lebst Du jetzt, hast Du noch keine Nachrichten, keine Spur gefunden?“
„Nichts,“ erwiderte Marlitzty düster.„Wir haben nach
der endlosen sibirischen Straße zwischen Kasan und Irkutsk ge— schrieben. Aber theils kamen gar keine, theils ganz verworrene Antworten, den Vermißten will Niemand gesehen haben.“ „Nun, verzage nicht, gieb die Hoffnung nicht auf,“ tröstete Karzow. „Ich die Hoffnung aufgeben? Nie und nimmer!“ rief Maxim mit ungewöhnlicher, fast wilder Heftigkeit aufspringend. Offenbar
Stelle berührt worden, dem schon ein leiser Zweifel an der Er—
Kraft seines Willens oft das Unmögliche möglich macht.
Maxim ging einige Male hastig auf und ab mit zusammen— gezogenen Augenbrauen und fest geschlossenen Lippen. Dann trat er wieder zum Freunde.
„Nimm meine Aufregung nicht übel, aber ich kann sie nicht immer bändigen,“ sagte er.
Karzow suchte auf ein anderes Thema zu kommen.
„Du weißt,“ sagte er,—„daß ich jetzt im Ministerium des Innern diene.“
„Nun, und,— giebt es nichts Neues? Wo sind denn alle Eure Reformen, von denen so viel gesprochen wird?“
„Reformen?“ erwiderte Karzow,„daran ist jetzt wenig zu denken, wir haben anderswo alle Hände voll zu thun.“
„Ja, ich weiß, jetzt werden die Reformen, die eine bessere, jüngst vergangene Zeit gebracht, wieder reformirt. Ueberall regnet es neue Vorschriften, im Zollwesen, im Polizeiwesen, im Eisenbahnwesen,— welche nur neue Fußangeln und Hindernisse
amtenwillkür schaffen. Kein Wunder, wenn überall die Er⸗ bitterung wächst. Nun, Ihr werdet sehen,“ fuhr Maxim mit Bitterkeit fort,„wohin das Alles führt.“
„Die Schraube,“ eine Art Wbist.
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