Beilage
zu den
Ouerhessischen Unchrichten. 3
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Gießen, den 8. Januar. 1888.
II. Ballsaal und Straße.
Bei dem wirklichen Staatsrath Paul Andrejewitsch Welikanow war große Abendgesellschaft. Die lange Fensterreihe im ersten Stock seines palastähnlichen Hauses in der„Großen Morskaja“ — der Straße der Millionäre und der hohen Würdenträger in St. Petersburg— war glänzend erleuchtet. Vor dem Hause stand eine lange Reihe von Schlitten. Wie aus weiter Ferne hörte man rauschende Tanzmusik. Die Kutscher, deren Embon— point den Stolz ihrer Herren ausmachte und als Maßstab für den Reichthum und die Ueppigkeit des Hauses, dem sie dienten, gelten sollte, saßen in träumerischer Betrachtung, oder auch schla— fend auf dem Bock, oder suchten sich dadurch zu erwärmen und 0 gegen die schneidende Kälte der Januarsnacht zu schützen, daß 4 sie auf dem knirschenden, scharf gefrorenen Schnee umhertanzten,
1 die Arme um die Schultern klatschten, sich im Scherze stießen
N. und balgten. Zwei oder drei Polizeisoldaten in dicken Pelz⸗ 1 mänteln mit dem Baschlik(Kaputze) über Kopf und Mütze hatten 1 sich dazu gesellt, um die etwas ungeberdige Gesellschaft in Ord⸗ nung zu halten und gelegentlich wohl auch einen guten Schluck zu erjagen aus einer Branntweinflasche, die irgend ein Iwan oder Andere sich vorsorglich eingesteckt hatten.
Hell erglänzte die Straße im silbernen Lichte des Vollmonds,
welches auf dem Dach des nahen kaiserlichen Winterpalastes schimmerte und dort zur Linken in der prachtvollen, vergoldeten Kuppel der Isaakskirche sich wiederspiegelte.
Es war um die elfte Stunde, als ein leichter Schlitten in raschem Lauf vom Newsky-Prospekt herkam und mit plötzlichem Ruck vor der Thüre hielt. Ein hochgewachsener junger Mann in langem Pelzmantel stieg aus und trat in das Haus.
An dem sich verneigenden Portier in großer Gala vorüber⸗ schreitend, überließ er einem Diener im Vorzimmer seinen Pelz, legte Mütze und Galloschen ab und stand in tadelloser Ball— toilette vor dem Spiegel, um nochmals genaue Musterung zu halten. Natürlich saß die Kravatte nicht mathematisch genau in der Mitte— das ging durchaus nicht au und erforderte sorg— fältige Abhilfe. Dann, nach einem prüfenden Blick auf das glänzend schwarze, sorgfältig gescheitelte Haar, auf den hoffnungs⸗ vollen Schnurrbart, betrat der junge Mann die glänzend er⸗ leuchtete Treppe, welche allein schon von dem Reichthum Seiner Excellenz laut und vernehmlich Zeugniß ablegte. Es war eine Verschwendung von schwarzem und weißem Marmor, von Ver—
goldung, Sammet und kostbaren Teppichen, für welche der Jahres— gehalt wohl von einem halben Dutzend von Staatsräthen kaum hinreichen mochte. 5
Wir nehmen das Recht in Anspruch, uns den Ankömmling
Vor dem Sturm.
Roman aus dem modernen russischen Leben von A. L. Berthoff. (Fortsetzung.)
noch früher vorstellen zu lassen als dem Herrn des Hauses.— Maxim Petrowitsch Marlitzky, Student der Petersburger Univer— sität, war von stattlicher Gestalt und hatte trotz seiner Jugend schon scharf ausgesprochene Züge. Seine breite Stirn, sein her⸗
vortretendes, starkes Kinn sprachen von Entschlossenheit, eine
tief eingegrabene Falte zwischen den Augenbrauen, der düstere Glanz seiner Augen zeugten von langem Nachdenken, vielleicht von einem tiefliegenden Kummer. Seine regelmäßigen Züge hatten nur wenig von echt russischem Typus und eine sehr schwach angedeutete Adlernase ließ eher auf polnische Abkunft schließen, welcher auch sein Familienname mehr entsprach.
Der Herr des Hauses empfing ihn mit dem Ausdruck auf—⸗ richtiger Freude.
„Wir sind Ihnen böse, Maxim Viktorowitsch, daß Sie so selten sich bei uns zeigen. Strengen Sie sich so sehr mit Ihren Studien an, oder— bietet unsere lebenslustige Residenz andere Verlockungen, die Sie in Anspruch nehmen?“ fügte er lächelnd hinzu. 8
„Halten Sie mich nicht für undankbar, Excellenz, wenn ich dem Lebenszweck, der mich nach Petersburg führte, anscheinend zu eifrig nachlebe, aber seien Sie überzeugt, daß nichts mehr Reiz für mich haben könnte als die geistigen Genüsse, welche Ihr gastfreundliches Haus bietet.“
Der Staatsrath war ein rüstiger Fünfziger, mit kaum merk— bar ergrautem Kopf- und Barthaar. Der Ausdruck seines Ge— sichts war ein Gemisch von Entschlossenheit und Gutmüthigkeit, es sprach von stolzem Bewußtsein des Erfolgs und von höf⸗ lichem Entgegenkommen des gastfreundlichen Wirths. Die Gast— freundlichkeit ist ja eine der liebenswürdigsten Seiten des russi— schen Charakters.
Augenscheinlich geschmeichelt durch die schlagfertige Antwort Maxim's, drückte ihm Welikanow die Hand und führte ihn zu seiner Frau. Olga Tatwejewna saß im zweiten Salon, welcher von einem reichen Damenflor eingenommen war. Die Konver⸗ sation war im lebhaftesten Gang und mit vielen französischen Phrasen untermischt. Sie hatte ihre Tochter, Irene Paulowna, neben sich, eine vollendete Schönheit von kaum achtzehn Jahren mit reichem blonden Haar und prachtvoller Haltung, welche, vereint mit ihrer überaus kostbaren Toilette, einen imposanten Anblick darbot.
„Ach, Maxim Victorowitsch, ein seltener Gast,“ sagte die Staatsräthin zu dem jungen Mann, der ihr die Hand küßte. „Wo sind Sie so lange gewesen? Gewiß haben Sie inzwischen viel erlebt und erfahren. Geschwind, erzählen Sie uns das Neueste.“
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