6 CC ͤ... ˙·
2326.
„Herein!“ Ein Diener tritt ein.„Bin ich hier bei der Gesanglehrerin Fräulein Marina? Die Herrschaften aus der ersten Etage lassen das Fräulein zur Bescheerung einladen.“
„Die Herrschaften aus der ersten Etage? Seltsam, ich kenne diese Herrschaft gar nicht. Sie zog erst vor wenigen Tagen in dieses Haus ein. Sollte sie etwa mein Inserat gelesen oder ihr Töchterchen ihr von mir erzählt haben? Ich begegnete dem Kinde, einem zarten, blassen Mädchen, mit seiner Bonne auf der Treppe. Es nickte mir so zutraulich zu. Da redete ich es an— ich liebe Kinder— besonders kleine Mädchen. Die Bonne mischte sich hinein und erzählte mir, daß ihre Herrschaft aus Berlin sei und ihr Herr als Rittmeister hierher versetzt worden. Ob ich die Einladung annehme? Ich habe solche Scheu vor Menschen und doch, es muß sein, vielleicht erhalte ich durch ihre Empfehlung Schülerinnen.
„Wann befehlen die Herrschaften?“
„Um acht Uhr ist die Bescheerung.“
Der Diener verläßt mich. Ich trete vor den Spiegel und ordne meinen einfachen, schwarzen Anzug. Ich habe keine Aus— wahl in meiner Toilette. Dieses Kleid und ein dunkel blau— seidenes ist Alles, was ich besitze. Ich habe es mir erhalten. Ich war einmal so glücklich, so sehr glücklich darin. Ob ich es anziehe? Nein, nein, das kann ich nicht. Wie blaß und ver— fallen ich aussehe? Wie ich jetzt bin, würde mich schwerlich einer meiner früheren Bekannten wiedererkennen. Und es ist gut,
daß es so ist, ich könnte das auch nicht ertragen. Wenn ich bedenke, wie einst meine Augen gestrahlt. Ein paar Sonnen nannte er sie, die Alles erwärmten, durchleuchteten. Und doch,
und doch konnte er sich von diesen Sonnen abwenden, sie ihren einsamen Lauf verfolgen lassen! Erloschene Sterne! Das sind sie jetzt. Erloschene Sterne!— O mein Gott, weshalb mußten sie es werden? Warum ist mein guter Stern untergegangen!
Nein, ich will nicht weinen. Es ist ja Alles überwunden — alles— nicht wahr, mein Hänschen— alles. Frierst Du noch? Wie wäre es, wenn ich Dich mit hinunter nehme und Dich als Weihnachtsgabe dem kleinen Mädchen schenkte? Du hättest es bei ihm sicherlich besser. Immer ein warmes Zimmer, ein Stückchen Kuchen und Dein gutes Futter.
Der Winter ist noch lang, sehr lang, und hier oben in der Mansarde ist es oft bitter kalt! Du hast das Singen verlernt und auch das vertrauliche Picken. Du fliegst auch nicht mehr im Zimmer umher, trotzdem ich den Käfig geöffnet, zusammen— gekauert sitzt Du da und blinzelst mich vorwurfsvoll an.
Wirklich, es wird das Beste sein, ich schenke Dich fort. Wieder Thränen! Meine armen Augen, sie haben schon so viel geweint. Ich werde die blaue, entstellende Brille aussetzen müssen, denn sie werden den Lichterglanz nicht vertragen. Aber fortgeben muß ich Dich, Hänschen— wirklich, ich muß. Giebt doch selbst eine Mutter ihr Kind fort, wenn die Verhältnisse es fordern.
Wer hätte das gedacht! In einem Hause mit ihm.— Noch lebt Alles in mir von dieser Begegnung. Als mich der Diener einließ, strömte mir ein blendender Lichterglanz ent— gegen und das Zimmer war voll Gäste. Ich wich scheu zurück. Es war aber zu spät, meine kleine Freundin hatte mich mit dem Vogelbauer bemerkt und nahm jubelnd das Geschenk in Empfang. Eine schöne, elegante Frau mit dunklen Augen und schwarzem Haar begrüßte mich und stellte sich mir als ihre Mutter vor. Ich stammelte etwas von vielem Besuch, den ich nicht erwartet, und daß ich mich wieder zurückziehen möchte. Sie erklärte lebhaft, davon könnte nicht die Rede sein. Sie hoffte, ich würde sie zum Gesange begleiten. Sie hätte im Blatt gelesen, daß ich mich als Gesanglehrerin angezeigt und ihre alte Lehrerin sei krank geworden und hätte deshalb heute Morgen eine Absage geschickt. Mein Mann und ich,“ setzte sie hinzu, „sind große Musikfreunde und lieben die Geselligkeit. Wir sehen stets am heiligen Abend einige unserer nächsten Freunde, die mit uns darin sympathistren und keine Kinder zu Hause haben, bei uns. Doch bitte, kommen Sie, daß ich Sie meinem Manne vorstelle.“
Ich folgte ihr unsicher, betäubt. Ihre Lebhaftigkeit, ihre Aufforderung, das mich umgebende Geschwirre fremder Menschen,
die eigene Unscheinbarkeit im schwarzen, abgetragenen Kleide und der blauen Brille, alles wirkte zusammen, um mich befangen, unbeholfen zu machen, mich, die einst vor einem tausendköpfigen
Publikum in wallender Seide auf das Podium getreten und bei
ihrem ersten und letzten Auftreten in New⸗Nork in Kränzen u Bouquets förmlich begraben worden. Die Dame des Hauses trat mit mir an einen großen, schlanken Herrn, in der kleidsamen Tracht der blauen Husaren heran, der, mit dem Rücken gegen uns, sich mit einem Kameraden unterhielt.
„Lieber Lothar, ich möchte Dich mit der Gesanglehrerin von oben bekannt machen!“
Bekannt machen! O Gott, ich hatte Mühe, als er sich uns zuwandte, nicht zu verrathen, wie bekannt er mir war! Wie segnete ich in diesem Moment meine verweinten, armen Augen, welche die blaue Brille nothwendig gemacht, wie mein unschein⸗ bares Kleid, mein schlicht gekämmtes Haar, mit welcher Er⸗ leichterung bemerkte ich, daß sein großes, ernstes Auge mich wie eine Fremde streifte und seine Anrede nichts von einem Erkennen verrieth, vor dem ich zitterte. Er sprach zerstreut einige begrüßende Worte und wandte sich dann wieder mit souveräuer Sicherheit von mir ab, der Unterhaltung mit seinem Kameraden zu. Das gab mir die verlorene Ruhe wenigstens äußerlich zurück. Ich gestand seiner Frau, daß ich zu meinem Bedauern mit meinen kranken Augen, welche die blaue Brille nothwendig gemacht,
bei Abend keine Noten lesen und sie somit zum Gesang nicht 5 1
begleiten könnte. g
Sie sah sichtlich enttäuscht aus und bemerkte, daß sie beabsichtigt hätte, mich ihren Bekannten als Gesanglehrerin vorzustellen, zu“ empfehlen!
Seltsam, mich zu empfehlen ohne etwas anders, als das Inserat von mir zu kennen. Ich fühlte, wie ich erröthete. Sie mußte ein sehr mitleidiges Herz besitzen und es im Hause bereits“ bekannt sein, wie sehr ich dieses Mitleid, diese Unterstützung bedurfte. Ahnte sie meinen Gedankengang, den Grund meiner Verlegenheit, meines Erröthens? Wenn das der Fall war, so half sie mir sehr rasch darüber hinweg. Sie erzählte mir, daß ich heute einen Herrn, Assessor von L.... kennen lernen würde, der einen prächtigen Bariton habe, welcher nur noch etwas der Schule bedürfe, um Vortreffliches zu leisten und daß sie gedacht, daß er vielleicht für mich ein Schüler werden könnte.
„Doch, da kommt er, er mag seine Sache selbst führen!“ 1 4
Sie ging einem mittelgroßen Herrn in eleganter Salon⸗ Toilette entgegen, der mich lebhaft an einen bekannten Schau⸗ spieler erinnerte, welcher die Rolle eines Steno in dem Byronschen Drama Marino Faliero gegeben. Ich sah, wie sie leise und lebhaft auf ihn einredete und beide nach mir hinsahen, dann trat er mit einer lächelnden Verbeugung an mich heran, dankte mir in ver⸗ bindlichen Worten, daß ich, wie er soeben durch Frau von S.. gehört, mich der Mühe der Ausbildung seiner Stimme unter⸗ ziehen wollte und suchte gleich Zeit und Preis der Stunde fest⸗ zustellen. Dieses Alles kam so schnell, so gänzlich unerwartet,
daß ich wieder in meine peinliche Unsicherheit zurückfiel und der N
Frau des Hauses diese Abmachung überließ.
„Ich denke,“ meinte diese,„fünf Mark für die Stunde und zwei Mal in der Woche, wird wohl Ihren Intentionen, mein liebes Fräulein, entsprechen! Nehmen wir die Nachmittagsstunde zwischen fünf und sechs. Nicht wahr,“ sie wande sich an den Assessor,„diese Zeit paßt Ihnen am besten?“
„Allerdings!“ gab er zu,„ich habe dann im Ministerium nicht mehr zu arbeiten und mein Diner eingenommen, wenn das Fräulein diese Stunde zur Verfügung hat, so wäre mir das sehr angenehm!“
Zur Verfügung hat! Ich hatte ja den ganzen Tag zur Ver⸗ fügung, und nun gar zu solchem Preis, den ich in meinen kühnsten Träumen nicht erwartet.
„So wäre denn die Sache abgemacht, gleich nach den Feier⸗ tagen können die Stunden beginnen!“ sagte— wer von den Beiden— oder sie zusammen— ich weiß es nicht; als ich mich mit dieser Zeit einverstanden erklärte.„Und nun, mein liebes Fräulein,“ schloß die Unterredung meiner gütigen Beschützerin, „sehen Sie sich vielleicht die Bescheerung meines Töchterchen? an. Elly sieht schon ungeduldig nach Ihnen hin. Sie ist heute


