Ausgabe 
7.10.1888
 
Einzelbild herunterladen

2325.

Am Ehre und Vflicht.

Aus den Papieren einer Einsamen.

Von J. v. Brun⸗Barnow. Nur eine rechte Ehre giebt's hienieden: Wenn man die Wahrheit stets zum Führer wählt, Stets der Vernunft und dem Gesetz gehorcht, Streng über sich, mild über Andre spricht, Das Gute thut, was uns die Pflicht gebeut, Kurz, rechtlich lebt, dies Wort schneg Alles ein.

oileau.

Der vierte, daß ich wie im Mein Inserat hat nichts er⸗ Man hat mir oft gesagt,

Wieder ein Tag zu Ende. Fieber auf den Postboten warte. reicht.

Ich erhalte keine Schülerin.

Mein liebes Hänschen, wir werden uns trennen müssen! Du

singst nicht mehr, Du frierst. Ich kann keine Kohlen kaufen

und mein Vorrath ist bald zu Ende. Es ist sehr kalt! Warum mich nur das Glück so hartnäckig flieht? Was habe

ich gethan, daß ich so freudlos so einsam dastehe?

Das Glück, pflegte mein Vater zu sagen, ist wie ein Vogel in der Hand, der bei jeder Bewegung uns entschlüpfen kann Zufriedenheit eine Blume, die bei guter Pflege gedeiht und wächst. Ja aber wie kann Zufriedenheit ohne Glück ge⸗ deihen? Wie in uns Wurzel fassen, wenn wir alles dahingeben

mußten, was uns theuer? 5 ö Der Mond scheint in mein Zimmer, groß, voll, glänzend. ö Glückselige Tage der Jugend, welche sein Anblick zurückruft, in denen das Leben sanft dahinfließt, und wir es kaum be⸗

Kronprinz Konstantin von Griechenland und seine Verlobte, Prinzessin

was ich meinen Eltern gethan, würde mir einst Gott lohnen. Die Eltern sind todt, meine Existenz hat meine lange Krankheit untergraben und den Kampf um's Dasein erleichtert mir Niemand.

merken, wenn die Wogen rascher rollen, höher schlagen. Sehnsuchts⸗ voll blicke ich zurück nach den verlassenen Gefilden des engbegrenzten Stromes, auf dem ein Stranden unmöglich war!

Weihnachtsfest o du schönes, friedenkündendes Weihnachtsfest! Draußen fällt der Schnee in dichten Flocken. Silbern leuchtet er in seiner krystallenen Klarheit. Kinder jubeln Schellen klingen. Frostig durchschauert es mich von der Kälte im Zimmer und der geschäftigen Fröhlichkeit draußen. Fröhlich Weihnachten! ruft man sich zu. Du bist es für die Glücklichen, den Kreis Derjenigen, die noch mitten im Familienleben stehen, für die Einsamen bist du es nicht! Still, was ist das, kommen da

Fu,

2 ,, e, g

5 8.

Sophie von Preußen.

Sollte es der Postbote sein? Nein,

nicht Schritte herauf. für mich nicht! Wenn meine einst so zahlreichen Freunde ahnten, wie hilf⸗ und mittellos ich bin, würden sie sich meiner annehmen? Ach, sie suchen mich jenseits des Ozeans, umrauscht von Triumphen, die mir meine Stimme zuführt. Keiner ahnt, wie kurz die glänzende Laufbahn gewesen, welche der Impresario meiner Stimme verheißen hatte. Eine Unvorsichtigkeit, eine Erkältung und wie ein Märchen aus Tausend und eine Nacht, so blieb mein kurzer Triumphzug in meiner Erinnerung zurück! Sehn⸗ suchtskrank suchte ich die Heimath wieder auf, unfähig, mich Hülfe flehend an meine Freunde zu wenden. Habe ich denn auch solche? Hat sie der Unglückliche, vom Schicksal Verfolgte? Wie ein lästiges Insekt, so schüttelt man ihn ab, nein, nein, ich muß mir selber helfen, aber wie? Wer antwortet auf mein Inserat? Doch horch, wieder Schritte, wirklich man klopft. Wer mag es sein, der Postbote, nein, das ist nicht seine Zeit!

1 2 8