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scheinung, die zur Erde herniedergestiegen war, um die umwölkte Stirn des Hausherrn zu erhellen, zu erheitern.
Die hohe, ele⸗ gante Gestatt mit hellblondem Haare und leichtgerötheten Wangen
war zwar etwas phantastisch, doch anständig gekleidet. Ihr Hütchen
glich mehr einem Männer- als einem Frauenhute und saß auf einem zierlichen Köpfchen voll der schönsten Locken, die über die Stirn hinab beinahe bis an die Augen reichten. Und welch prachtvolle Augen waren das! Und wie träumerisch und wie keck sie Herrn Mirewicz betrachteten! Endlich sagte die Fremde mit lächelnden Lippen:„erkennst Du mich denn nicht, Jas?“
Der Hausherr stand da, als hätte er eine Vision gehabt. Plötzlich rief er:„Pauline Mirewiczowna“)!“
„Paula Mirewicz,“ verbesserte die Dame und streckte ihm ihre kleinen Hände entgegen, die in langen Handschuhen von dänischem Leder steckten. Mirewicz verbeugte sich und führte ihre Hände an seine Lippen.
„Wie geht das zu? Du hier, liebe Kousine, und woher, wohin und warum?“
„Ich komme aus weiter Ferne und reise in die weite Welt,“
allautete die Antwort.
Indem die Dame so sprach, warf sie ihren Sonnenschirm auf den Tisch und setzte sich nachlässig auf die Chaiselongue, während sie ihre kleinen, feinbeschuhten Füßchen graziös vorstreckte. Hierauf nahm sie ihr Hütchen ab und legte dasselbe achtlos auf einen Stuhl, wobei die Feder oder vielmehr der Flügel, welcher als Garnitur diente, beinahe zerbrach. b
„Wie ich höre, hast Du Dich verheirathet,“ fuhr sie fort. „Mache mich doch mit Deiner lieben Frau bekannt; denn ich be— absichtigte, einstweilen bei Euch zu wohnen. Doch warte einmal, ich muß Dich erst ordentlich betrachten! Wie siehst Du denn aus? — Hast Du Dich sehr verändert?— Zehn Jahre lang haben wir uns nicht gesehen.“
Sie sprang von ihrem Sitze auf, faßte Herrn Mirewicz bei den Schultern und fing an, ihn vom Kopfe bis zu den Füßen zu mustern, etwa wie ein General die Soldaten. Herzhaft drückte sie seine Schultern und blickte ihm schelmisch tief— tief in die Augen. Darob verwundert und befangen, wurde Herr Mirewicz dunkelroth im Gesicht, Paula dagegen brach in ein schallendes Gelächter aus.
„Ha, ha, Du erröthest ja wie eine alte Jungfer!“ lachte sie. „Ha, ha, hast Du nach Deiner Verheirathung Dich in eine Nixe verwandelt? Ja wohl, es ist wahr, die Männer nehmen die Charaktereigenschaften der Frauen an, und umgekehrt die Frauen die der Männer. Der Farbenwechsel, mein Theurer, ist ein Ein— fluß unserer Nerven.— Doch Du lebst ja hier in der Finsterniß, wie es in einem solchen Winkel nicht anders möglich ist, und deshalb hast Du auch keine Ahnung davon, wie die Ideen der Jetztzeit sich entwickeln und entfalten.“ f
Er hielt ihre Hände in den seinigen und blickte ihr innig in die Augen; dann antwortete er halb scherzhaft, halb im Ernst: „und dennoch habe ich eine Ahnung davon, allein in diesem Augenblicke weiß ich nur das Eine, nämlich daß Du reizend bist.“
Scheinbar entrüstet entzog sie ihm ihre Hand und nahm wieder auf der Chaiselongue Platz.„Was soll das bedeuten?“ rief sie aus.„Glaubst Du, ich gehörte zu jenen Frauen, welchen man Komplimente machen kann? Ihr vermöget Euch immer noch nicht zu bekehren von den Dorfschönen und Gänschen, denen Ihr Süßigkeiten zuwerft.— Mein Theurer, ich gehöre zu einer anderen Art von Frauen— ich bin selbständig und verlange von den Männern weder Brot noch Naschwerk. Wenn Du mich erst ordentlich kennen lernst, dann wirst Du Dich überzeugen, daß ich das Recht habe, den Männern mich ebenbürtig zur Seite zu stellen.“ ö Zweifeln konnte man an ihren Worten nicht, da Alles, was sie sprach, den Stempel der Wahrheit und des richtigen Ver⸗ ständnisses an sich trug. Vornehm träumerisch erhob sie ihr schönes Köpfchen, ihre Augen leuchteten, und ihre Lippen kräuselten sich selbstbewußt. Mirewicz betrachtete sie unausgesetzt, und über sein Antlitz huschte ein Schein von Freude. Indem er ihre Hand ergriff, sprach er fast feierlich:„ich sehe, Paula, Du bist ein seltenes Weib. Welch ein Glück für mich, daß Du gekommen
) Im Polnischen unterliegen auch die Familiennamen der Deklination.
bist! In dieser Einöde werden wir beide, wenn auch nur für
kurze Zeit, zusammen arbeiten, denken, philosophiren— werden
gemeinsam uns bemühen, das Leben mit seiner Last zu ertragen.“ Verwundert blickte sie ihn an.„Das Leben mit seiner Last?“
fragte sie.„Was soll die Last? Was willst Du damit sagen?“ Er lachte bitter auf.
„Es giebt Menschen, meine Liebe, denen die Umgebung das
Leben zu einer Last macht.“
„Das sind höchstens Narren,“ erwiderte sie. Aufstehend, fuhr sie fort:„der Mensch ist dazu geboren, mein Theurer, um glücklich zu sein. Hast Du nicht die Worte gelesen, welche.... darüber schrieb—“
Sie nannte den Namen eines der größten Gelehrten und den Titel eines seiner berühmtesten Werke.
„Was, Du liest solche Werke?“ rief freundlich Herr Mirewicz.
„Warum sollte ich es nicht thun? Ich schwärme dafür, mein Freund.“
„O, welch ein Glück! Gleich Dir, finde auch ich meine Be— friedigung nur in der Lektüre solcher Werke. Aber denke Dir, ich besitze hier Niemand, mit dem ich darüber sprechen könnte.“
„Warum wohnst Du denn hier?“
„Weil ich muß.“
Sie lachte.
„Ich verstehe Dich nicht, Jas,“ antwortete sie.
Während sie sich so unterhielten und immer mehr Gefallen an einander fanden, fand im dunklen Nebenzimmer folgendes Zwiegespräch statt:
„Gnädige Frau, der Samowar wird kalt.“
„Geh' fort, Kasia, sei ruhig!“
„Das gewärmte Fleisch ist auch wieder kalt geworden.“
„Laß mich in Ruhe!— Ich sagte Dir doch, Du solltest fort— gehen!“
„Wird diese Dame bei uns zum Thee bleiben, gnädige Frau?“
„Ach, das habe ich ganz vergessen! Gut, daß Du mich daran erinnert hast!— Laufe schnell in die Konditorei, in die nächste — nach Kuchen— hier ist Geld!— Sage ihm, er solle Dir ganz frischen Kuchen geben.— Auf dem Rückwege wirst Du zum Kaufmann gehen und ein halbes Pfund Butter kaufen.— Weißt Du nicht, ob wir im Schranke noch etwas Schinken haben?“
Das Dienstmädchen lief mit ihren nackten Füßen eiligst in die Konditorei. Frau Mirewicz begab sich unterdessen in das Arbeitszimmer ihres Gatten. Wer diese Frau aufmerksam be⸗ trachtete, konnte unmöglich glauben, daß sie soeben noch an Thee, Kuchen, Butter und Schinken gedacht habe. Sie sah traurig und niedergeschlagen aus; durch die halbgeöffnete Thür hatte sie jedes Wort ihres Mannes vernommen, und deshalb war ihr Antlitz bleicher als vor einer Stunde, und ihre Hände bebten.
„Meine Gattin Anna— eine Verwandte von mir, Pauline Mirewiczowna!“
„Paula Mirewicz, bitte. Es ist mir sehr angenehm, Ihre werthe Bekanntschaft zu machen.“
Mit welch einer selbstbewußten Miene diese gelehrte Frau sprach! Nichtsdestoweniger erhob Anna ihre Augen zu ihr mit einem Ausdruck, der halb bittend, halb schüchtern zu sagen schien: „Du feine, kluge Frau, demüthige doch mich einfaches, dummes Weib nicht allzu sehr!“ Demüthigen wollte Paula in diesem Augenblicke keineswegs die junge Frau, aber sie gab sich auch weiter keine Mühe, sie zu beachten. Mit einem einzigen Blicke hatte sie erkannt, daß Anna weder schön noch häßlich sei, und daß dieselbe in ihrer weißen, breiten Schürze, dem unmodernen Kleide und der geschmacklosen Brosche ihr gegenüber in Nichts
zerfalle, ihr gegenüber, die mit dem klassischen Gesichte, den schön
geformten Schultern und der imposanten Gestalt schon manches Männerherz berückt hatte. Nach dieser flüchtigen Musterung ihres Gegenüber wandte sie sich wieder dem Hausherrn zu und nahm die vorhin unterbrochene Unterredung von neuem auf, indem sie aus einem kleinen Taschenbuche mehrere bemerkenswerthe Notizen vorlas.
„Ich bitte zum Thee,“ ließ sich mit leiser Stimme Frau Mirewicz hören.
Es war dieses eine längst bekannte Stimme in der Einsam⸗ keit. Als Herr Mirewicz dieselbe vernahm, wiederholte er die Worte noch einmal seinem Gaste und führte seine Kousine am


