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N 9
ergoß sich ein wahrer Regen über die Blumen, die, angenehm erfrischt, einen herrlichen Duft verbreiteten. Der Mann athmete mit Vergnügen diesen Duft ein, während seine Brust sich mächtig dehnte. Die Frau an seiner Seite jedoch faltete ihre Hände und flüsterte:
„Mein Gott, könnte doch unsere Jancia den ganzen Tag über in solch einem Garten spielen! Wie zuträglich wäre das für ihre Gesundheit!“
„Ich möchte gern die kleine Helka begrüßen,“ bemerkte der Herr,„aber der alte Skiwski hält mich dann gleich wieder zu⸗ rück.— Er ist ein langweiliger Schwätzer, doch im übrigen. schließlich ist er ein guter Mensch. Und solch ein Onkel ist dem Fräulein Josepha und der Helka zu wünschen.“—
„Nun wird Josepha bald abreisen und ihre Schwester mit⸗ nehmen,“ meinte die junge Frau.
Der grauköpfige, alte Herr nahm seine Brille ab und schaute vom Buche auf. Das kleine Fräulein im Rosakleidchen flüsterte dem etwas unordentlich gekleideten Dienstmädchen leise ein paar Worte zu und näherte sich mit der Gießkanne dem Gartenzaune. Es wäre unhöflich gewesen, dort länger zu verweilen und einen fremden Garten sich anzusehen. Das Ehepaar ging deshalb weiter. Das enge Trottoir war mit kleinen, spitzen Steinen ge⸗ pflastert, die wie Nägel in die Füße prickelten; dann war noch weißer Sand darüber gestreut, welcher deutliche Spuren auf den Kleidern zurückließ. Die junge Frau klopfte sich den Staub ab und sagte:
„Weißt Du, Jas, Josepha erzählte mir, daß der alte Skiwski nach einigen Jahren sein Haus verkaufen wolle, um zu seinem Sohne zu ziehen?— Was braucht auch der Alte einen solch großen Hausstand! Was meinst Du dazu, Jas, wie?“
Ungeduldig antwortete er:„Was soll ich dazu meinen? Ueber⸗ haupt, was geht denn dieses Alles mich an?“
„Wie, was Dich das angeht? Haben wir nicht wiederholt darüber gesprochen, wie schön es wäre, wenn wir dieses Haus und diesen Garten uns kauften?“
„Ich wüßte nicht, woher das Geld nehmen!“ erwiderte ärgerlich der Gatte.
„Woher das Geld nehmen, Jas? Wir werden sparen. Wir haben bald zwei Tausend Rubel, und ich habe gehört, Skiwski wolle sein Haus für sechs Tausend Rubel verkaufen.“
„Vier Tausend Rubel Unterschied— bah, eine Bagatelle, nicht wahr, Anna?“
„Nun, mag der Unterschied auch groß sein,“ entgegnete die junge Frau,„Gott wird geben, daß wir nicht heute und nicht morgen sterben— und so werden wir allmählich die Summe schon zusammensparen.“
„Während die Sonne aufgeht, verschwindet allmählich der Thau,“) warf erzürnt der Gatte dazwischen, und während er seinen Hut lüftete, um sich den Schweiß von der Stirn zu trocknen, fügte er höhnisch hinzu:„Was für himmelhohe Träume sind das! Ein eigenes Haus mit fünf Zimmern und ein Garten mit zwei Bäumen und verschiedenen Blumenbeeten? Wenn man nur nicht im Winter zwischen den modrigen Mauern frieren und im Sommer vor Hitze umkommen müßte! Aber selbst das ist zu viel— auch darauf kann man warten, und wer weiß, ob man es jemals erlebt. Ach, es ist ein wahres Hundeleben!“
Es wurde immer drückender und schwüler; kein kühlendes Lüftchen regte sich, aus den Schornsteinen stieg der Rauch empor und aus den Fenstern der Kellerwohnungen drang unangenehmer Küchengeruch. Das Gehen war heute beschwerlich. Die junge Frau trocknete sich den Schweiß von der Stirn und den Wangen, und obwohl schwer athmend vor Hitze, sagte sie in einem heiteren Tone:„Was soll man thun! Mein lieber Jas, wir müssen ruhig warten, wir sind ja beide noch jung, und unsere Jancia ist klein. — O, mein Gott, wie heiß ist es.— Aber Gott sei Dank, wir sind bald zu Hause!“
„Und was haben wir zu Hause?“ fragte Jas ironisch.
„Wie— was? Ei, unseren Thee!“ rief naiv die junge Frau, fügte jedoch, als sie das gleichgiltige Gesicht ihres Mannes be— merkte, leise hinzu:„immerhin ist es dort etwas kühler— Du
) Polnisches Sprichwort.
wirst ein wenig ruhen— und Josepha hat gewiß schon unsete.
Jancia nach Hause gebracht.“
Endlich standen sie vor der Thür des Hauses; es war einn großes, massives Gebäude, dessen Mauern stark verwittert und
abgebröckelt aussahen. Herr und Frau Mirewicz gingen in ihre Wohnung, deren Fenster theils nach der Nebenstraße, theils auf
den Hof gingen. Der Hof, auf welchem eine Schaar schmutziger
Judenkinder sich tummelte, war mit Ställen und Remisen eng bebaut. Die Wohnung bestand aus vier Zimmern, von welchen das Speisezimmer das geräumigste war. Letzteres war ein freund⸗ liches, helles Gemach; von der Decke herab hing eine blank ge⸗ putzte Hängelampe über dem Tische, welcher mit einem sauberen Tischtuche bedeckt und ringsum mit Stühlen umstellt war. Mirewicz nahm seine Studierlampe, begab sich in sein Zimmer und stellte dieselbe auf den mit Büchern bedeckten Schreibtisch. Beide Zimmer waren einfach eingerichtet, aber wohnlich und in jeder Beziehun sauber. Nachdem Mirewicz seine Lampe angezündet hatte, schloß er geräuschvoll das Fenster, durch welches vom Hofe her eine
schlechte, drückende Luft hereindrang, dann warf er sich auf die
Chaiselongue, welche an der Wand stand, und sagte wiederum: „ach, es ist ein wahres Hundeleben!“
Hierauf stützte er seinen Kopf in seine Hand und versank in tiefes Nachdenken. Aus der Küche, welche hinter dem Speise⸗ zimmer lag, vernahm man deutlich die Stimme der Frau Mirewicg.
„Ist der Samowar noch nicht fertig?“ rief sie.„Hat er noch nicht gekocht? Aber meine Kasia, warum hast Du ihn nicht zeitiger aufgestellt? Du bist wahrscheinlich in den Garten zur Musik gelaufen?“
„So wahr ich Gott liebe, nein, gnädige Frau!“
„Nun, schwöre nur nicht gleich, sondern blase stärker! Aber
warte, ich werde selbst pusten.“
„Er kocht schon, gnädige Frau— da— der Dampf dringt
schon heraus!“
Geräuschvoll riß Katharine die Thür auf und trug, unbekannt mit der städtischen Mode, mit bloßen Füßen und ungekämmtenn Haaren den blanken Samowar in's Eßzimmer. Hinter ihr kamm Frau Mirewicz mit einer sauberen Schürze und hatte ein Körbchen mit Weißbrot, einen Butternapf und mehrere Teller in der Hand.
„Hast Du den Braten aufgewärmt, Kasia? Schnell, Mädchen, beeile Dich! O Gott, mein Gott, auch Jancia ist noch nicht hier! Josepha hätte sie längst nach Hause bringen können.“
Mirewicz, ganz in Gedanken versunken, vernahm neben sich leises Weinen.
„Jas, mein lieber Jas,“ sprach seine Gattin,„denke Dir nur, g 5
Josepha hat unsere Jancia noch nicht nach Hause gebracht!“
Unwillig entriß er sich seinen Träumereien und rief:„Nun,
was ist denn dabei? Wenn unsere Kleine mit Fräulein Josepha ausgegangen ist, so kannst Du ganz ruhig sein. Du weißt ja selbst, wie vorsichtig und vernünftig Fräulein Josepha ist!“
Die letzten Worte sprach er mit verhaltenem Hohne. Frau Mirewicz bemerkte es sofort und sagte:„Ich weiß nicht, mein lieber Jas, weshalb und seit wann Du eine Abneigung gegen Josepha hast.— Früher bewundertest Du dieselbe doch so sehr und zeichnetest sie bei jeder Gelegenheit aus.“
„Ach was, bewundert!“ rief er.„Sie ist intelligenter und gebildeter, als die anderen Frauen dahier, und einem gebildeten Manne, der dazu verdammt ist, in der Finsterniß zu leben, ist jeder Lichtstrahl angenehm und willkommen.“ f
Diese Worte machten auf die junge Frau einen ungemein trüben Eindruck. Sie antwortete nichts, aber neben dem tische ihres Mannes stehend, blickte sie gleichgültig auf die vielen Papiere und Bücher und hing tiestraurigen Gedanken nach.
Mirewicz schwieg ebenfalls. Da hörte man plötzlich eine Droschte
vorfahren und gleich darauf ließ sich im Hausflur eine sonore Frauenstimme hören:„Wohnt hier Herr Johann Mirewich!“
„Jas, Jas, vielleicht kommt eine neue Klientin zu Dir, flüsterte Frau Anna.„Ich bin zwar hier nicht nöthig, aber ich werde an der Thür lauschen.“
Nach diesen Worten schlüpfte sie in das dunkle Nebengemach, während das barfüßige Dienstmädchen die Thür zum Studier⸗ zimmer ihres Herrn öffnete. Es trat eine Dame ein— u
mit welchem Glanze erfüllte sie diesen bescheidenen Raum, das“
schwach erleuchtete Gemach. Sie glich einer himmlischen Er⸗


