Ausgabe 
7.10.1888
 
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SBeilage

zu den

Oberhessischen UMachrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Ur. AI. 155 Gießen, den 7. Skipher

Peifenblasen Erzählung von Eliza Orzeszko. Deutsch von Johanna Ruhe.

von der scheidenden Sonne bestrahlte Kirche fiel, zogen sich seine

Niemals stellt unser Städtchen ein so trostloses Bild voll Augenbrauen finster zusammen, und als er im Vorübergehen der Stille und der Oede dar, als während der Sommermonate einige Juden in ihrem Jargon sich unterhalten hörte, heftete er gegen Sonnenuntergang. Gott weiß, es herrschen bei uns nie seine Augen unzufrieden zu Boden und preßte seine Lippen so lautes Leben und große Bewegung, aber wenn nach einem heißen fest aufeinander, als hätte er etwas Bitteres verschluckt. Das Tage der Straßenstaub mit dem Rauch der Schornsteine sich ver-[Plaudern und das Lachen seiner jungen Frau machte gar keinen mengt, wenn die Steine des Straßenpflasters glühend heiß sind, Eindruck auf ihn, ja er hörte garnicht zu. Augenscheinlich be wenn auf den Hauptstraßen die Spaziergänger, langröckige Juden merkte die junge Frau die üble Laune ihres Gatten, denn von in ihren Sammet⸗ oder Atlaskaftanen, und die Frauen mit ihren Zeit zu Zeit blickte sie ihn traurig an, und ihre glänzenden Augen blumengeschmückten Hüten, ihren langen seidenen Kleidern und füllten sich mit Thränen. Aber schnell faßte sie sich, und anstatt den goldenen Ringen an den Fingern, ihren Wohnungen zu-⸗WTihn nach der Ursache seines Unmuthes zu fragen, versuchte sie, eilend, den Staub noch mehr anfwirbeln, und in den Nebengassen durch ihre Heiterkeit ihn umzustimmen. die Kühe mit gesenkten Köpfen langsam ihre Ställe aufsuchen,Siehe doch, Jas! rief sie wiederum. dann sieht man höchstens nur noch halbwüchsige Kinder, schlaf Dieses Mal erhob auch er seine Augen, und ein schwaches Lächeln trunkene Droschkenkutscher und hin und wieder einen Menschen, glitt über sein Gesicht, obwohl sich seinen Blicken keineswegs etwas der sich mit seinem Taschentuche die schweißtriefende Stirn trocknet] Außerordentliches darbot; ein grüner Gartenzaun wurde sichtbar, und sich Kühlung zufächelt. Um diese Zeit spielen sich in großen und inmitten eines kleinen Gartens stand ein graues Haus mit Städten ganz andere Bilder ab; feingekleidete Damen und Herren, sechs Fenstern und einem Portale, welches zwei Säulen schmückten. Offiziere, Studenten, kurz, die elegante Welt fängt an, in Kon⸗ Durch die geöffneten Fenster, die gerade geputzt wurden, sah man zerten und Konditoreien sich zu amüsiren. Hier findet sich von hinter den blendend weißen Vorhängen einen blitzblanken Samowar all diesem nichts; wer überhaupt in unserem Städtchen nicht mit auf dem Tisch stehen. Im Garten standen zwei weitästige Ahorn den Honoratioren verkehrt, der wird sich langweilen, mag er auch bäume mit dichtem Laubdach, und auf den verschiedenen Beeten noch so hohe Geistesgaben und noch so seine Bildung besitzen. blühten Levkojen, Astern und andere Blumen. Ein junges Fräulein

An einem solchen heißen Sommertage ging ein Pärchen über[und ein Dienstmädchen mit nackten Füßen begossen die Beete, die Straße, dem Anscheine nach ein Ehepaar. Die Frau war während vor dem Portale ein alter Herr mit einer großen Brille einfach, aber anständig gekleidet, schien noch jung zu sein und[auf der Nase in einem umfangreichen Buche las, welches, wie konnte weder hübsch noch häßlich genannt werden. Das un⸗T man an den Ecken der Blätter bemerken konnte, viel benutzt moderne, faltenreiche Kleid ließ sie kleiner erscheinen, als sie in[wurde. War denn aber dieses Fleckchen Erde wirklich so beachtens Wirklichkeit war. Den Hut zierten etwas grelle, große dunkel- werth? Es muß dem wohl so gewesen sein, denn das Ehepaar, rothe Blumen, und eine unförmig große Brosche mit einem falschen[welches aus der Stadt heimkehrte, blieb am Gartenzaune stehen, glänzenden Stein hielt ihren Shawl zusammen. Man sah es auf und bei der jungen Frau bewunderten nicht blos die glänzenden den ersten Blick, die Frau war eine Kleinstädterin, die sich gern[ Augen, nein, sie öffnete auch die Lippen, um halblaut vor sich hin der Mode angepaßt hätte, ohne es jedoch zu verstehen. Ein Paar zulachen, und dabei zeigten sich hinter ihren korallenrothen Lippen schöne, sanfte Augen leuchteten aus dem jugendlichen Gesichte, zwei Reihen weißer, kleiner Zähnchen. Doch auch die Physiognomie welches von der Hitze stark geröthet war. Sie war offenbar müde, des Mannes neben ihr veränderte sich, die Wolke auf seiner Stirn aber dabei heiter und vergnügt und hatte alle Augenblicke ihrem verschwand, und seine Augen leuchteten.

Gefährten etwas zu erzählen und denselben auf allerlei aufmerksamMein Gott, flüsterte die Frau,welch' schöne Blumen!

zu machen, wobei sie immer lebhaft auflachte.Und diese Bäume so dicht belaubt, sagte der Gatte und Sieh' doch einmal, Jas! Siehst Du, Jas? fügte bald hinzu:Helka wird entschieden hübscher werden als Allein Jas schaute aus, als könnte ihn weder im Himmel Fräulein Josepha. 5

noch auf Erden etwas erfreuen. Schlank, elegant, einige Dabei deutete er auf das junge Mädchen im rosafarbigen

dreißig Jahre alt und modern gekleidet, wäre er wohl eine be-⸗J[Perkalkleide dort drüben im Garten.

achtenswerthe Persönlichkeit gewesen, in diesem Augenblick jedochWas für eine angenehme Kühle muß dort sein! Schaue,

malten sich auf seinem Antlitze Unwillen, Langeweile und Un⸗ Jas, dort unter den Bäumen der Schatten und hier auf der zufriedenheit ab. Er schleppte sich so träge über die Straße, wie Straße solch ein Sonnenbrand! ein fauler Knecht auf dem Gutshofe. Als sein Blick auf die Aus der Gießkanne, welche das Dienstmädchen handhabte,

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