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Wenige Minuten nachher eilte die Baronin bleich in Curt's Zimmer.
„Franz ist zur Jagd aufgebrochen?“ rief sie trostlos und rang die Hände.
„Ich bitte Dich, Mutter, beruhige Dich doch,“ bat er milde. „Franz hat mir eben gesagt, daß der Gläubiger in eine Ver⸗ längerung des Termins willigt und mich gebeten, die Sache juristisch zu ordnen.“
Er sah ihr so beruhigend in die Augen, daß sie wieder ein
wenig Muth zu fassen schien.
„Ich zittere vor der Pfändung, Curt,“ sagte sie und sah ihm ängstlich beobachtend in's Gesicht.
„Das sind Schreckbilder, die mein vernünftiges Mütterchen gar nicht aufkommen lassen dürfte,“ versetzte er zuversichtlich und nahm ihre weißen Hände in seine kräftige Rechte.
„Wie tröstlich ist mir der Ausdruck Deines Gesichts, mein geliebtes Kind, was wäre aus mir geworden ohne Deine un— ermüdliche Geduld mit der alten zu Tode gehetzten Mutter.“
„Sie findet ein bischen Plaisir darin, sich selbst zu plagen, ist's nicht so, Mütterchen?“ fragte er neckend..
Sie sah ihn mit einem langen, innigen Blicke an.„Der Herr vergelte es Dir,“ sagte sie und drückte ihm die Hand.
„Wenn ich mir sie nur fern halten kann, während ich mit dem Gläubiger rede,“ dachte er und begab sich nach dem weiten öden Hofe, um dort den Mann sogleich bei seiner Ankunft in Empfang zu nehmen und ihn schnell in eins der unteren Zim— mer zu führen, wohin die Baronin selten kam.
Da fuhr ein leichter Wagen in den Hof, den eine schöne, schlanke Dame lenkte. Sie sprang anmuthig herunter und bot, Curt die Hand.
„Nun finden Sie meinen Bruder wieder nicht zu Hause,“ sagte er zu ihr und geleitete sie die breiten, steinernen Stufen hinauf, die durch die Benutzung im Laufe der Jahrhunderte ausgetreten waren.
„Mein Besuch gilt heute ausschließlich der Frau Baronin,“ erwiderte das schöne Mädchen mit den edlen Zügen.„Wie geht es ihr heute? Ich fand sie gestern sehr angegriffen.“ Sie beugte tief den Kopf und vermied es, Curt in das offene, treuherzige Auge zu schauen.
„Es geht ihr heute gut,“ antwortete er und wunderte sich über die sichtbare Befangenheit der Braut seines Bruders;„jeden⸗ falls wird es recht heilsam auf sie wirken, wenn Sie den Tag 1 ihr zubringen wollen, Ihr gestriger Besuch war so kurz,
uise.“
„Ich werde es mir auch heute versagen müssen, länger zu bleiben,“ entgegnete sie mit niedergeschlagenen Augen und leichtem Erröthen.
„Curt,“ sagte sie an der Thür des Thurmzimmers und sah ihn, aufathmend, an,„ich liebe Ihre Mutter und der Gang hierher, gestern und heute, ist mir schwer geworden, aber es muß
sein.“ Sie trat rasch in das Zimmer ein und Curt gönnte sich
kaum Zeit, über ihre Worte nachzudenken; er hörte eben einen anderen Wagen in den Hos fahren und war froh, daß seine Mutter nun der Unterredung mit dem ärgsten Gläubiger nicht beiwohnen konnte.
„Was ist Dir, Luise?“ fragte Frau von Rolfs, nachdem sie einige Minuten das junge Mädchen beobachtet.
Luise von Horax erhob das edle, bleiche Angesicht zu der alten Dame.„Ich konnte nicht von Ihnen scheiden, ohne mir die Gewißheit verschafft zu haben, daß Sie mir nicht grollen,“ rief sie und brach in Thränen aus.„O, Mutter, ich kann nicht die Frau Ihres Sohnes werden, es ist nicht möglich!“ Luise barg ihr Antlitz im Taschentuch und weinte heftig.
„Mein armer Franz, er liebt Dich so sehr,“ sagte die alte Frau und faltete hoffnungslos die Hände im Schooß.
„Ich weiß nicht, ob er mich liebt!“ rief sie erregt;„seit einem Jahre habe ich Furcht vor ihm, so schroff ist sein Betragen gegen mich, gegen meinen Vater, gegen Jedermann.“
„Wahrscheinlich kränkt ihn das beständige Hinausschieben Eurer Heirath,“ sagte Frau von Rolfs.„Es sind nun fast drei Jahre seit Eurer Verlobung vergangen.“
„Es ist nicht meine Schuld,“ entgegnete sie in peinlicher Verlegenheit.
„Dein Vater hat nicht genug Vertrauen zu meinem Sohn,“ versetzte die alte Frau schmerzlich.
„Franz duldet keine Einmischung in seine Angelegenheiten,“ sagte Luise zögernd.„Wie habe ich gewünscht, ihm ein Ver— mögen zubringen zu können!“ rief sie bewegt.
Das durchsichtig weiße Gesicht der alten Dame erröthete flüchtig.„Kennt Franz Deinen Entschluß?“ fragte sie.
„Heute früh ist er zu Papa gekommen,“ antwortete sie bebend,„und da hat der es Franz mitgetheilt.“
„Wie hat es der arme Junge aufgenommen?“ fragte die Mutter in tiefer Niedergeschlagenheit. Sie hatte auch das kommen sehen in den langen schlaflosen Nächten; der Freiherr von Horax war schon längere Zeit sehr zurückhaltend geworden.
„Ich weiß es nicht, ich stand recht unglücklich am Fenster und wollte Franz noch einmal sehen, da eilte er, nachdem er kaum einige Minuten vorher ins Haus eingetreten war, schleunigst fort und schlug die Richtung nach dem Walde ein.“ Luise weinte leise, das Taschentuch vor das Gesicht haltend, und näherte sich darauf schüchtern der alten Frau.„Darf ich auf Ihre Ver— zeihung hoffen, Mutter?“ fügte sie zögernd hinzu, und über ihre schmalen zarten Wangen flossen Thränen.
Frau von Rolfs reichte ihr die Hand.„Du thust meinem Kinde ein großes Leid an, möge er es Dir verzeihen, wie Dir seine alte Mutter verzeiht,“ sagte sie mit unsicherer Stimme.
(Fortsetzung folgt.)
Piech ten Waren, Novelle von Georg Harnisch. (Fortsetzung.) a V.
Die Saison in Teplitz stand auf ihrem Höhepunkt.
Ueberall herrschte trotz brennender Sonnenhitze reges Leben und Treiben.— Hotelwagen und Fiaker rasselten über das schlechte Pflaster der bergigen Straßen und vertheilten den Strom der eben eingetroffenen Fremden in den Gasthöfen und Privatwohnungen der alten vielbesuchten Badestadt. Hier half ein norddeutsches Schul— meisterlein dem freundlichen Hausmädchen das schmale Köfferchen in die kleine einfenstrige Logirstube tragen, dort geleiteten Haus— meister und Oberkellner des vornehmen Hotels mit tiefen Ver⸗ beugungen den reichen Bankier über weiche Teppiche und glän— zende Marmortreppen in die vorausbestellten Gemächer.
Aus dem Kurgarten aber erschollen die rauschenden Weisen der Badekapelle. Kopf an Kopf saß dort unter den Schatten spendenden Bäumen und Zelten die bunte gemischte Gesellschaft der Fremden, bei den Klängen der Musik den Nachmittagskaffee schlürfend, jede nur irgend beachtenswerthe Erscheinung musternd, sich selbst zur Schau stellend.
Welch ein wechselvolles Bild! Elegante Herren, reizende Mädchengesichter, pikante Frauen und Offiziere in kleidsamer österreichischer Uniform. Daneben aber auch gebückte, leidende Menschen, Kranke mit Krücken, Gelähmte im Rollstuhl, und dort in bescheidener Ferne in den Gängen des Parks die we⸗ niger Begüterten— einfache Weiber, bleiche Männer, Unter⸗ offiziere am Stock und polnische Juden mit Locken an den Schläfen und bekleidet mit dunklem Kaftan.—
Aus dem Portal des Kaiserbad-Hotels tritt Graf Heinz von Warren in den Kurgarten. Seine hohe, schlanke Gestalt in dem kleidsamen, knapp sitzenden Touristenanzug, die schwarzseidene Binde, welche den linken Arm trägt, sein gebräuntes vornehmes Gesicht mit dem langen, hellblonden, militärischen Schnurrbart und dem Monokel im rechten Auge erregen sofort allgemeine Aufmerksamkeit.
„Mon dieu! hier wird auch nicht viel zu holen sein,“ denkt er mit stummem Seufzer,„die überall gleich langweilige Phy⸗ siognomie der Badegesellschaft ennuyirt mich eigentlich recht gründ— lich. Nun, wir wollen versuchen, ob wir nicht eine interessante Einzelheit aus der öden Masse herausfinden.“
Mit diesem tröstenden Gedanken schlendert er langsamen, elastischen Schrittes durch die plaudernden Gruppen, rechts und links die Gesichter der Damen musternd. Er merkt es wohl,
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