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wie ihm die Augen des schönen Geschlechts bewundernd folgen, und diese Entdeckung verbessert seine Laune.
„Jugend, Reichthum und Schönheit,“ monologisirt er,„sind Vorzüge, die man ausnutzen muß, um ihrer würdig zu sein. Spielen wir also ein wenig den Löwen der Saison.“
„Ah, sieh da,“ unterbricht er plötzlich seinen Gedankengang, „recht pikantes Gesicht dort neben dem alten Herrn. Kommt mir übrigens bekannt vor, der Alte.— Da ist auch noch ein Platz an dem Tisch.“
„Gargon!“ ruft er einem vorübereilenden Kellner zu,„geben Sie mir einen Stuhl!“
„Einen Stuhl hätt i schon, gnäd'ger Herr, aber'nen leeren Tisch giebt's halt nimmer. Doch schauen's, hier ist noch an Plätzerl; bitt' schön, gnäd'ger Herr!— Kaffee zu wünschen?— Wird gleich hier sein!“
Damit hatte der schön gescheitelte Ganymed den Stuhl dicht neben dem alten Herrn, der jungen Dame gegenüber, an den Tisch geschoben.
Graf Heinz zog den Hut:„Gestatten Sie mir, hier einen Augenblick Platz zu nehmen?“ wendete er sich mit verbindlicher Miene an den alten Herrn.
„Bitte sehr!“ entgegnete dieser mit freundlicher Geberde.
Heinz aber verbeugte sich höflich vor der Dame, welche sei— nen Gruß mit einer kurzen, vornehmen Bewegung des Hauptes erwiderte und dann gleichgültig in die Ferne blickte.
„Aha!“ dachte der Lieutenant,„wir sind wohl ganz unnahbar! Nur Geduld, ich führe jetzt meine Hülfstruppen in's Feld,“— und zu dem Alten gewendet sprach er:„Täuscht mich nicht eine Aehnlichkeit, so möchte ich fast glauben, schon früher die Ehre Ihrer Begegnung gehabt zu haben.— Mein Name ist Graf Warren!“
Der alte Herr blickte ihn erstaunt an. dings interessant,— ich heiße von Maien, und hier,“ auf die junge Deme deutend, welche plötzlich ihre nachlässige Haltung aufgegeben hatte,„meine Tochter Irma!“
Jetzt war die Reihe des Verwunderns an Heinz, doch er faßte sich schnell, verbeugte sich 19 0 ehrfurchtsvoll vor Irma und sagte:„Charmant, charmant! Es ist wirklich ein außer— ordentliches Glück, hier unter den vielen fremden Menschen gleich auf so gute Freunde meiner Familie zu treffen.“
„Sie haben ein vorzügliches Physiognomien-Gedächtniß, Herr Graf,“ bemerkte der Freiherr.„Es mögen wohl schon fünf Jahre seit unserer ersten und letzten Begegnung vergangen sein. Sie waren zu jener Zeit, als ich mich in der Nachbarschaft Ihres Stammgutes ankaufte, zu einem kurzen Besuch auf Warren an— wesend, und unsere damalige Bekanntschaft ist leider nur eine
sehr flüchtige geblieben.“
Heinz' Augen waren unterdessen mehrmals verstohlen zu der Dame hinübergeschweift. Die unverhohlene Bewunderung, welche sich hierbei in seinen Mienen ausprägte, war auch keineswegs unberechtigt. Irma's zarte und schön geformte, sonst nur etwas zu blasse Züge waren augenblicklich durch den Reflex des roth— seidenen Sonnenschirmes mit einem rosigen Licht übergossen, welches ihrer ganzen Erscheinung einen ungemein frischen und jugendlichen Reiz verlieh.
„Wahrhaftig,“ dachte er,„dieses entzückende Weib war für den mürrischen Udo fast zu schade. Wer weiß auch, wie ver sie mit seinen Bedenklichkeiten gequält hat.— Ich werde sie die Vergangenheit nicht entgelten lassen.— Lächerlich!— Jeder sorgt für sich!“
Er hatte garnicht auf Herrn von Maien's Worte gehört, welcher zum Glück sein Schweigen für Zurückhaltung nahm und mit verdoppelter Höflichkeit fortfuhr:
„Ich sehe, daß Sie den Arm in der Binde tragen,— nun in diesem Stadium pflegt bei solchen Verletzungen Gefahr und Schmerz schon vorüber zu sein. Hoffentlich irre ich hierin nicht?“
„Ganz recht, Herr Baron,“ entgegnete Heinz.„Bin beim Rennen gestürzt;— kleiner Armbruch;— hat aber nichts zu bedeuten!— Da meine Schwester hier die Bäder gebrauchen
wollte, so habe ich mich ihr angeschlossen, um nicht in Warren, wo ich bis jetzt meinen Urlaub verlebte, allein zu versimpeln!“
„So ist Helene auch hier?“ fiel Irma ein, an welche Heinz . Worte eigentlich 85 hatte.
„Ah, das ist aller-
„Zu Befehl, mein wallergnädigstes Fräulein! Wir sind a ab erst heute eingetroffen. Meine Schwester fühlte sich von Reise angegriffen und ist deshalb im Hotel zurückgeblieben. E wird sich unendlich freuen, wenn sie die Anwesenheit der§ schaften erfährt.— Ich darf doch hoffen,“ schloß er mit v bindlicher Verbeugung gegen Fräulein von Maien,„daß wi noch lange das Glück Ihrer Gesellschaft haben werden?!“?
Irma warf ihrem Vater einen bedeutungsvollen Blick zu. Der Freiherr verstand ihre stumme Bitte und erwiderte statt cher
„Ich muß freilich die Dauer meiner Kur von dem Urtheil meines Arztes abhängig machen, welcher noch heute darüber ent- scheiden wird. Für mich wäre es ja eine ganz besondere Freude,* die alten nachbarlichen Beziehungen, welche durch die traurigen 5 Ereignisse der letzten Jahre leider gestört wurden, wieder erneuern zu können.— Wenn ich Sie recht verstanden habe, so hat auch* Graf Udo Schloß Warren verlassen und ist vielleicht eb. falls hier?“„
„Nein, Herr Baron, mein Bruder ist zu Hause. Als 10 2 von der Einsamkeit in Warren sprach, hatte ich an Udo nicht gedacht. Er geht leider bei seiner zurückgezogenen Lebensweise 5 für den Familienverkehr gänzlich verloren.“
Irma athmete auf, als sie vernahm, daß sie vor einer Be- 5 gegnung mit ihrem ehemaligen Verlobten sicher sei. 1
Der Freiherr aber nickte theilnahmvoll mit dem Kopf.„Es ist doch eine recht traurige Veränderung, welche mit dem früher so lebensfrohen Manne vorgegangen ist! 7 Familie* ja am meisten darunter gelitten!“ 15
Er machte eine kurze Pause. 85
Irma erröthete ein wenig und sah, die Augenbrauen zu⸗ sammenziehend, zu Boden. Heinz wußte augenblicklich nicht 5 recht, was er sagen sollte. 2
„Ja, ja,“ fuhr der Freiherr fort,„ich ahnte gleich Böses, als mir damals am Morgen nach der Unglücksnacht der A 1 über die schweren Verletzungen Ihres Bruders Bericht erstattete e. Ist denn noch gar keine Hoffnung auf Wiederherstellung ag n Gesundheit?“ f
Heinz zuckte die Achseln. Er wunderte sich zwar, daß auch der Freiherr den unter dem gewöhnlichen Volk verbreiteten Glaf ben, in dem Kopfe des Majoratsherrn sei es nicht ganz richti zu theilen schien; aber er war heute nicht in der Stimmun diesen Gegenstand der Unterhaltung noch länger zu verfolge und erwiderte daher etwas kurz: 2
„Möglich, daß er eines Tages wieder eine Forschungs unternimmt; ich würde mir wenigstens hiervon mehr Zerstreuung für ihn versprechen, als von dem abgeschlossenen Dasein Warren.“*
„Wie gefällt Ihnen eigentlich das Leben hier in Teplitz, 5 mein gnädiges Fräulein?“ wendete er sich zu Irma.
„Das hängt ganz davon ab, ob ich einen mir dale Verkehr finde, entgegnete sie, ihm einen schmachtenden Blick zuwerfend.„An und für sich ist ja Teplitz nichts weniger als ein Luxusbad; gemischte, uninteressante Gesellschaft, m an Vergnügungen, Ueberfluß an Kranken— o, und ich hasse A was an Krankheit erinnert!“
„So habe auch ich keine Hoffnung, Gnade vor Ihren Augen zu finden?“ 5
„Das weiß ich in der That noch nicht,“ lächelte sie, ich muß doch erst abwarten, ob Sie nicht auch den langweiligen Badegewohnheiten fröhnen, die ich verabscheue.“
„Und was verstehen Sie hierunter?“.
„Nun, das ängstliche Einhalten einer lächerlichen Regel 5 mäßigkeit; früh aufstehen, Brunnenpromenade, Bad, Diner, Konzert im Kurgarten, gemeinschaftliche Spazierfahrt in die obligate reizvolle Umgebung, Theater, Souper, Schlafengehen, — und so täglich wie ein aufgezogenes Uhrwerk dieselbe Melo⸗ die der gräßlichsten Langeweile.“ N
„Nein,“ lachte er,„vor solcher Pedanterie sind Sie bei mir sicher. Nun aber erläutern Sie mir gütigst das eee i Programm nach Ihrem Geschmack!“
„Ja, ein Programm, wie Sie es nennen, vermeide ich een, Ich liebe die Ungebundenheit! Ein Gang in's Freie oder ein Spazierritt in die Berge, wie die Laune mich treibt, ohne Aue und ohne Ziel, in gleichgesinnter Gesellschaft, zu Zweien, aller ler⸗
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