Ausgabe 
6.5.1888
 
Einzelbild herunterladen

2* 8 8 9 5 5 82 E

2 146

im Lehnstuhl saß, vor die Füße zu werfen. Assessor von Rolfs blickte mit einem liebevollen Lächeln vom Buche auf, aus dem er ihr vorgelesen.Du giebst nicht Acht, Mütterchen, sagte er und schob das Buch zurück.

Höre doch das grauenhafte Wetter, versetzte sie und hob den Zeigefinger;ich meine jeden Augenblick, es müßte ein Schornstein einstürzen; ach, mein lieber Curt, wie viele Schäden werden wir morgen wieder entdecken; wir haben an den alten mehr wie genug.

Curt blickte in das abgehärmte Gesicht seiner Mutter und strich ihr liebkosend über die mageren, in ihrem Schoß gefal tenen Hände.

Franz bleibt so lange auf der Jagd? fragte sie nach einer Weile, nachdem sie die unruhigen Blicke nach dem Fenster schweifen ließ, das die Nacht düster und sternenlos zeigte;ich möchte doch so gerne, ehe ich schlafen gehe, ein tröstliches Wort von ihm hören. Hat er Dir nicht mitgetheilt, was er morgen zu thun gedenkt? O Kind, dieser Termin läßt mich Nachts kein Auge schließen.

Sei doch nicht so ängstlich, Mütterchen, Franz wird schon Rath geschafft haben; im schlimmsten Falle kann er den Termin verlängern lassen, tröstete Curt und seine blauen, treuherzigen Augen wirkten beruhigend auf die alte Frau.

Vielleicht war kein Ort geeigneter gewesen, dem tiefen Herzenskummer Curts die Spitze abzubrechen, wie ein längerer Aufenthalt bei seiner alten Mutter. Er war nun schon weit über ein Jahr hinaus verlängert worden. Curt fühlte, daß er nicht gehen durfte, was sollte aus der kummervollen, tief niedergedrückten Frau werden, wenn er ging? Sein Bruder, der immer ein schroffer Charakter gewesen, war nun durch die Un gunst der Verhältnisse, in denen er die verschuldete Erbschaft als der Aelteste antrat, von einer schonungslosen rücksichtslosen Härte gegen die Mutter, während Curt sich bemühte, sie zu be ruhigen. f

Wie soll ich sie denn schonen? rief er ärgerlich, als ihn der jüngere Bruder eindringlich bat, sie doch nicht mit allen Unannehmlichkeiten bekannt zu machen;sie will ja Alles wissen und hat in Gemeinschaft mit dem flotten Herrn Papa die Schulden gemacht; daß die Dränger mich umgeben und ich kein Geld aus den Steinen schlagen kann, weiß sie.

Die arme Mutter, wie sparsam und einfach ist sie stets gewesen! Bedenkst Du denn nicht, daß ihr ganzes Leben ein Martyrium gewesen ist? Sie hat geweint und gelitten, ändern konnte sie nichts, entgegnete Curt traurig.

Um so schlimmer für sie, haarsträubend geradezu für mich! Bringe ich das baufällige Nest hier und das ausgesogene Land unter den Hammer, so bietet mir die Kanaille niederträchtige Preise, knirschte er und wühlte in dem vollen blonden Haar.

Was sollte Curt sagen? Was hätte es genützt, wenn er wieder vorgeschlagen hätte, noch einmal zu versuchen, Geld zu bekommen und dann eine andere Wirthschaft in Mutzdorf ein zuführen? Er hatte gesprochen, er hatte Vorschläge gemacht, sein Bruder war nicht der richtige Mann, dem ruinirten Heim aufzuhelfen. Er ließ sich von den obwaltenden Verhältnissen dominiren und niederdrücken und machte keinen Versuch, sich zu wehren. Umsonst, vergeblich! Das stand auf dem abgehärmten Gesichte seiner Mutter deutlich geschrieben, umsonst, vergeblich! Das drückten die breiten Schultern seines Bruders mit dem unwirsch vorgebeugten Kopfe aus, dessen Augen meistens finster an dem Boden hafteten. Anfangs hatte Curt gehofft, hier und da mit Rath zur Hand gehen zu können, aber das kurze Lachen seines Bruders bei jedem Vorschlage überzeugte ihn bald, daß sein Bruder dahin gelangt war, die Dinge ohne Widerstand an sich herankommen zu lassen.

Wenn nur Franz zu Hause wäre! sagte Frau von Rolfs besorgt.Ich denke, es war nur ein Vorwand, als er mit

Hilfe zu suchen.

Sie erwartete ein zustimmendes Kopfnicken von Seiten ihres Sohnes, er aber schwieg und horchte. Franz ist zurückgekehrt, sprach er und stand auf.

Gott sei Dank! rief die Mutter und erhob sich ebenfalls,

Flinte und Hunden am Morgen hinauszog; er ist gegangen,

Ich höre die Hunde,

um an das Fenster zu gehen. Sie war eine hochgewachsene

Frau, deren Haar schneeweiß unter der weißen Haube schimmerte. Es mußte hellblond gewesen sein, denn ihre Gesichtsfarbe und 14 ihre Hände waren von durchsichtiger Weiße. Ihr Sohn Curt glich ihr sehr; er war von jeher ihr Liebling gewesen, und nun war er ihr einziger Trost. 1 Düster und wortkarg saß der Erbe der traurigen Hinter⸗ lassenschaft von Mutzdorf bei dem einfachen Abendessen, das ihm seine Mutter in dem kleinen Thurmzimmer, in dem sie sich gewöhnlich mit Curt aufhielt, hatte serviren lassen. Sie be⸗ mühte sich, ihm ein heiteres Gesicht zu zeigen und erzählte von den Ereignissen des Tages; auch Curt versuchte das Gesicht, das unwirsch über dem Teller hing, aufzuheitern, aber es war vergebens. 8 Deine Braut ist Nachmittags hier gewesen, erzählte Frau von Rolfs als letzten Versuch, ihn seinem Schweigen zu entreißen. Franz erhob langsam den Kopf und sah seine Mutter über⸗ rascht an.Was wollte Luise hier? fragte er verwundert. Nun, doch wohl uns besuchen, antwortete sie lächelnd. Das zunehmende schlechte Wetter aber schien sie zu beunruhigen, so daß sie sich nur kaum eine halbe Stunde hier aufgehalten hat. Franz schüttelte ungläubig den Kopf. Der Sturm und der Hagel schienen ihr bange zu machen, sie wechselte die Farbe zu verschiedenen Malen, sagte Curt.

2 e- eee e eee ee ee eee eee e eee e.

*

Franz richtete sich hoch auf.Ihr habt mir etwas mitzu⸗ theilen? fragte er dumpf und schob den Teller zurück.

Frau von Rolfs und Curt sahen sich befremdet an.Wir haben nicht das Geringste mitzutheilen, erklärten Beide. f Der Sturm wüthete die ganze Nacht um das verödete

Schloß. Eine alte, schwergeprüfte Frau lag schlaflos auf ihrem Bette; langsam schlichen die Stunden dahin. Wie viele dieser Nächte hatte sie, mit nagender Sorge das geängstigte Herz er füllt, auf dem einsamen Lager durchwacht! Warum zögerte die letzte so lange, sie vom Jammer ihres Lebens zu erlösen? e

Curt stand am Fenster seines entlegenen Zimmers und schaute auf den schwarzen Tannenwald, der sich düster über der weißen Erde abhob. Sein Herz war erfüllt von Mitleid für die arme Dulderin. Auch er fragte, warum ihr die Qual des Daseins nicht erspart werde, und doch beunruhigte und erschreckte ihn ihr sichtbares Dahinschwinden unter dem unbarmherzigen Druck des Verhängnisses.Arme, theure Mutter, seufzte er,giebt es denn kein Erbarmen für Dich? Da schwebte es weiß über den dunkeln Tannenwald, es bildete sich aus dem nächtlichen Nebel eine liebreizende Gestalt, das süße Traumbild eines unter gegangenen Glückes, und das Antlitz voll stummen Leidens wen⸗ dete sich dem Winterhimmel in einer Klage zu, die im Aufruhr der Sturmnacht ihren Ausdruck fand. Er zürnte ihr nicht mehr, der unendliche Schmerz in dem geliebten Angesicht in der Mond nacht hatte Versöhnung in sein Herz gebracht.

Der Tag graute kaum, da trat Bruder Franz in Curt's Zimmer, gerüstet zur Jagd.Du bist ein Mann des Rechts, sagte er und gürtete die Waidtasche um,Du wirst besser wissen wie ich, was Du dem Juden zu antworten hast, wenn er heute kommt. Ihr Juristen seid nie um Rath verlegen, und was Du thun wirst, um einen Aufschub zu erlangen, das werde ich mit verbundenen Augen unterschreiben.

Curt schien vorerst nicht recht zu verstehen.Der Gläu⸗ biger wird meine Einmischung nicht annehmen und keine Unter⸗ handlungen mit einem Unbefugten eingehen wollen, erklärte er.Deine Gegenwart ist absolut nothwendig, recht gerne leihe ich Dir meinen Beistand, eine Verlängerung des Termins zu erzielen. 5

Es ist nicht so schlimm, Curt; mit einigen juristischen Phrasen und einigen lateinischen Ausdrücken machst Du den Juden mundtodt, lachte er auf.Ich bin einem Wildschwein ouf der Spur und kann heute nicht frühe genug in den Wald kommen. Halte Dir nur die Mutter ferne, ihr Lamento ist gewöhnlich das Allerwiderwärtigste bei der Geschichte, und er nickte kurz und überschritt die Schwelle. 5 Nur noch ein Wort! rief ihm Curt nach. Unbegrenzte Vollmacht, hörte er ihn nur noch im eiligen Fortgehen rufen, nur noch ein kurzes Auflachen und die Hunde bellten unten; Franz war in der Morgendämmerung verschwunden.