Nolfs zögerte deshalb nicht, dem Präsidenten seinen Besuch zu
machen, sobald er dessen Rückkehr aus dem baierischen Hoch— gebirge vernahm Der Herr Präsident war beschäftigt, sagte der
Bediente und ersuchte den Assessor, ein wenig zu warten. Als Rolfs im Vorzimmer stand und ungeduldig die wohlbekannten Kupferstiche ansah, vernahm er die Stimme seines Chefs in sonder— baren Klagelauten. Er antwortete offenbar Jemanden, der aber zu leise sprach, um verstanden zu werden. Rolfs überlegte, ob und wie er sich ungesehen entfernen könnte; da hörte er den Präsidenten trostlos ausrufen:„Ich unglückseliger Vater!“ Rolfs stand bleich da, er hatte die andere Stimme erkannt. Wenige Augenblicke darnach eilte Jella, zum Erbarmen blaß und ver—
zu den
Ouherhessischen Nachrichten.
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Gießen, den 6. Mai.
1888.
Ein dunkler Schalten.
Novelle von M. Elton. (Fortsetzung.)
mehr oder weniger, was thut's? Wer weiß auch am Eude, ob sie so unsinnig ist? Wer kennt den Herrn Baron von Brunner von der Jusel Rügen? Sie nicht, ich auch nicht. Wie es scheint, will ihn der Präsident gar nicht sehen und will seiner Schwä— gerin, der Gräfin Josika, die ganze Angelegenheit übertragen. Jella spricht keine Silbe mit mir darüber, geht umher wie Loth's Weib und zeigt wieder einmal, daß sie ein durch und durch phantastisches Wesen ist.“
„Wird die Hochzeit nicht hier gefeiert werden?“ brachte Rolss mühsam hervor.
„Es hat durchaus nicht den Anschein. Fauge ich davon an, so ruft der Präsident sast händeringend:„Wenn Du mich lieb
stört, aus dem Zimmer ihres Vaters. Sie sah Rolfs nicht, der sich in die entfernteste Ecke zurückgezogen, und lief wie ein ge— hetztes Wild davon. Ein lautes Stöhnen kam aus dem Zimmer des Präsidenten, und Rolfs verließ eiligst das Haus. Wie ein Verzweifelter durchirrte er die Umgegend,— ein schreckliches Unglück schwebte über dem Mädchen, das er so wahnsinnig liebte,— was war es? Er durfte und konnte seinen Gedanken keinen freien Lauf lassen: ein schweres Verhängniß lag über dem Hause des Präsidenten. Er hatte sein Gesuch um einen längeren Urlaub schriftlich eingereicht, und als er nach acht Tagen die Genehmigung erhielt, ging er nach dem Gericht, um dort dem Präsidenten seinen Abschiedsbesuch zu machen. Sein Chef war um zehn Jahre gealtert, eine unruhige Hast setzte seine Hände fortwährend in Bewegung und eine auffallende Theilnahmlosig— keit charakterisirte Alles, was er sprach.
Als Rolfs in die Allee vor dem Gerichtsgebäude trat, sah er Frau Wellner daher kommen. Er konnte ihr nicht ausweichen, so gerne er es gemocht hätte.
„Ei, sehe ich denn wie ein Gespenst aus?“ rief sie munter, „da kommen auch Sie mir ganz verstört vor, seit ich Sie nicht gesehen habe. Der Präsident, Jella, Alle haben die Farbe ge— wechselt, nur Mama ist ihrer alten guten Eichenholzfarbe treu geblieben. Ich warte auf meinen Mann, kommen Sie, leisten Sie mir ein wenig Gesellschaft, bis er kommt.“
„Recht gerne, gnädige Frau,“ antwortete er,„ich werde doch in den nächsten Monaten nicht das Vergnügen haben, Sie zu sehen, da ein Urlaub mir einen längeren Aufenthalt in der
hast, sprich mir nicht von dieser Angelegenheit!“
Es schien ihr, als ob auch Rolfs sichtbar unter ihrer Mit— theilung leide.„Wenn ich nur begreifen könnte, warum der Präsident Ihrer Werbung so schroff entgegenstand, und warum er hier nachgiebt, so schwer es ihm wird. Jella besitzt freilich eine Hartnäckigkeit, deren Ausdauer schließlich Niemand gewachsen ist,“ sagte sie oberflächlich, ohne daran zu denken, wie der Stachel immer tiefer in der Wunde des Assessors wühlte. Er hatte an ihre Liebe und ihre Willenskraft geglaubt, der Andere nahm im Fluge Alles mit davon.
Sie sprach noch von ihrer Reise und anderen gleichgültigen Dingen, da erschien der Präsident am Eingangsthor des Gerichts— gebäudes und Rolfs nahm einen kurzen Abschied von Frau Wellner.
Wenige Wochen darauf verließ Jella ihres Vaters Haus. Der Präsident begleitete sie und war sichtlich in fieberhafter Hast und Aufregung. Das junge Mädchen war sehr bleich, aber von einer wahrhaft eisigen Ruhe. Es hieß, es sei nur eine Reise zu der sich so einsam fühlenden Tante in Kroatien, jede Anspielung auf eine Heirath hatte der Präsident von Anfang an kurz abgeschnitten.
Frau Direktor Bode lächelte überlegen und vertraute ihrer Busenfreundin, daß der Präsident mit Jella nicht die Route nach Wien, sondern nach Berlin genommen habe. Frau Wellner äußerte sich ganz unbefangen und erklärte, daß wohl eine Heirath möglich sei, wenn es nicht gelänge, Jella's Willen zu beugen.
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4 Heimath gestattet.“ 10 Frau Wellner blieb stehen und sah ihn erstaunt an.„Nun, VI. 0 doch auch wieder wegen Jella, leugnen Sie es nur nicht,“ sagte Der Wintersturm trieb den Hagel gegen die hohen, schmalen
Fenster mit den runden in Blei gefaßten Scheiben, und es zitterte und klirrte, als ob jeder erneute Windstoß die Absicht hätte, die Fenster der alten Frau, die mit gefalteten Händen
sie mit ärgerlichem Kopfschütteln.„Der Präsident ist ein alter Mann des Mädchens wegen geworden, diese Unvernunft. Es sind schon so viele unsinnige Heirathen eingegangen worden, eine
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