Ausgabe 
5.8.1888
 
Einzelbild herunterladen

n e 8 W

2 2

N 250 D

Statt ihn wie sonst mit ihrem freundlichsten Lächeln zu be⸗ grüßen, überließ sie es heute der Stadträthin ihn zu empfangen und ihm die unangenehme Mittheilung zu machen. Sie selbst aber saß in ihrem Hinterstübchen, von schmerzlichen Zweifeln gequält, ob er die gefährliche Probe bestehen, oder wie der schändliche Assessor, sie verlassen und dem schnöden Mammon opfern würde, entschlossen in diesem Fall, nie mehr einem Mann zu glauben und eine alte Jungfer zu werden.

Aenastlich lauschte und harrte sie auf die Entscheidung, da

es ihr diesmal Ernst war und sie den ehrenwerthen und tüchtigen

Mann wirklich lieb gewonnen hatte, abgesehen von allen sonstigen Vortheilen einer so guten und in jeder Beziehung ihr zusagenden Verbindung.

Voll Ungeduld verfolgte sie den Zeiger an der alten Schwarz wälder Uhr, der ihr so langsam wie eine Schnecke zu schleichen schien, so daß ihr jede Minute gleich einer kleinen Ewigkeit dünkte und sie vor Unruhe sich nicht zu lassen wußte. Bald hoffte, bald zweifelte sie, bald war sie von seiner Liebe fest überzeugt, bald fürchtete sie eine neue bittere Täuschung.

Endlich hörte sie die Stimme ihrer Mutter, die laut ihren Namen rief. Unwillkürlich zitterte Else, als ob ihr Urtheil ge sprochen werden sollte, ihr Athem stockte und ihre Füße schwankten, als sie erröthend und mit niedergeschlagenen Augen in das Zimmer trat, wo sie die Stadträthin und Herr Holzstamm erwarteten.

Ein verstohlener Blick genügte, ihr Glück zu verkünden und es bedurfte nicht der Worte, um sie seiner Liebe zu versichern und ihr zu sagen, daß der treffliche Mann die Probe bestanden und sie sich diesmal nicht getäuscht hatte.

Noch an demselben Abend fand die doppelte Verlobung zweier liebenden Paare statt, da auch Sophie und der Doktor von der Mutter die gewünschte Einwilligung zu ihrer Verbindung erhielten, nachdem es ihm gelungen war, ein für ihre bescheidenen Ansprüche hinreichendes sicheres Einkommen zu eben.

Das war eine Freude und ein Jubel, die sich nicht beschreiben ließen, lauter vergnügte und glückliche Gesichter, wie man sie schon lange nicht in der Familie gesehen, strahlende Blicke und selige Herzen. Auch die alten Freuden, der sogleich benachrichtigte Hauptmann von Hanstein und seine liebenswürdige Tochter, waren herbeigeeilt, um von Herzen Glück zu wünschen.

Um den kleinen Tisch, für den die alte Köchin auf das Beste gesorgt, saß die heiterste Gesellschaft von der Welt und stieß auf das Wohl der Verlobten an, daß die Gläser hell erklangen und die treue Marie in der Küche bald vor Vergnügen lachte, bald vor Rührung schluchzte.

Alles Leid war geschwunden, Sorgen und Kummer vergessen und kein Mißton, keine Befürchtung vorhanden. Keine traurige Erinnerung störte das fröhliche Fest, wenn es auch nur wenig, aber gut zubereitete Gerichte und weder Champagner noch Ge frorenes gab.

Am lustigsten war aber der fidele Ludwig; was wohl daran liegen mochte, daß seine Nachbarin, die reizende Adele, so freundlich gegen ihn war und ihn zum Abschied gestattete, sich morgen nach ihrem Befinden zu erkundigen.

VI.

Noch waren die Flitterwochen nicht verstrichen und schon gab es Streit und Zank zwischen der Amtsräthin und ihrem zweiten Gatten, veranlaßt durch die zerrütteten Vermögensverhältnisse des Herrn von Schmielinski.

Wie die Neuvermählte nur zu bald erfuhr, war das Gut in so schlechtem Zustande und so überschuldet, daß die ihr gegebene Hypothek so gut wie werthlos war und bei der drohenden Subhastation aller Wahrscheinlichkeit nach ausfallen mußte.

Statt des schönen Waldes fand sie nur noch einige elende Stämme vor und die gerühmten Wiesen und Weizenfelder zeigten ein erbärmliches Aussehen. Einige magere Kühe und steife Pferde bildeten den ganzen Viehbestand, und ebenso kläglich war das übrige Juventarium, eine Sammlung von zerbrochenen Wagen, schadhaften Pflügen und zerrissenem Geschirr.

Dazu kam noch das Heer der Gläubiger, welche Herr von Schmielinski auf die reiche Frau vertröstet hatte, und die jetzt wie Schmeißfliegen über einen Honigtopf über ihn mit ihren

* 8̃[

Forderungen, Mahnbriefen, Rechnungen, gerichtlichen Vorladungen und Exekutionen herfielen. 7

Kein Tag verging, an dem nicht die Frau Amtsräthin den Beutel öffnen und eine bald größere, bald kleinere Summe für den würdigen Gatten zahlen mußte, was sie natürlich tief schmerzte,

und worüber sie endlich einmal die Geduld verlor, als der Gerichts⸗

vollzieher eines Tages wegen einer ansehnlichen Wechselschuld ihre Einrichtung mit Beschlag belegen wollte.

Das geht nicht länger so, sagte die betrogene Dame;von heute ab zahle ich keinen Groschen mehr für Dich, da ich mich nicht ruiniren will.

Werden Sie zahlen, Madame, versetzte Herr von Schmie⸗ linski mit kalter Höflichkeit. Gütergemeinschaft und gehört mir Alles, was Sie besitzen.

Dann bleibt mir nichts übrig, als auf Separation unseres Vermögens anzutragen. 77

Wird Ihnen nichts nützen, wenn ich nicht gebe meine Einwilligung.

Ich kann nachweisen, daß Sie mich getäuscht, mich durch falsche Angaben über Ihr Vermögen, mich auf das Schändlichste hintergangen haben.

Muß ich Sie bitten, sich zu mäßigen, weil ich sonst ver⸗ gessen könnte, was ich schuldig bin einer Dame. Bin ein guter Kerl, aber wenn man mich reizt, kann ich werden so wüthend, daß ich schieße einen Menschen todt wie einen Hund.

Dabei warf er einen drohenden Blick auf seine, an der Wand hängenden Pistolen, worüber die Amtsräthin so sehr erschrak, daß sie am ganzen Körper zitterte und ihm nicht länger zu wider⸗ sprechen wagte.

Solche Auftritte wiederholten sich immer häufiger und heftiger, da die gegenseitige Abneigung mit jedem Tage wuchs und Beide einander Alles anthaten, was ihnen am meisten zuwider war. Zwischen der Amtsräthin und ihrem Gatten herrschte ein förm⸗ licher Krieg, an dem sich bald auch sämmtliche Hausgenossen betheiligten.

Außerdem benutzte die ganze Dienerschaft die eingerissene Un⸗

ordung und die schlechte Wirthschaft, um sich auf Kosten der Herr⸗

schaft zu bereichern und so viel als möglich aus dem drohenden Ruin für sich bei Seite zu bringen, wobei ⸗sich die alte Dietrich besonders durch ihre Schlauheit und Unverschämtheit auszeichnete. Da die Amtsräthin diese Unterschleife und Plünderungen nicht

länger dulden wollte und die Betheiligten ernstlich zur Rede 1

stellte, so kam es zwischen ihr und der verwöhnten Dienerin zu scharfen Auseinandersetzungen und gegenseitigen Erklärungen, welche ein eigenthümliches Licht auf das vertraute Verhältniß zwischen Beiden warfen.

Wenn ich Dich noch eimmal auf einem schlechten Streich ertappe, sagte die Amtsräthin aufgebracht über die fortgesetzten Veruntreuungen,so bleibt mir nichts übrig, als Dich fort⸗ zujagen.

Dos werden Sie hübsch bleiben lassen, entgegnete die Dienerin mit tückischem Lächeln,und sich befinnen, wegen einer solchen Lumperei Skandal zu machen.

Wenn es nur Kleinigkeiten wären, so würde ich ein Auge zudrücken und nicht darüber reden. Aber Du treibst es jetzt zu arg und Alles muß eine Grenze haben.

Auf die paar Thaler kann es einer so reichen Frau, wie Sie doch nicht ankommen.

Du weißt ja, daß ich jetzt große Ausgaben und Verluste

habe; da muß man sein Vermögen zusammen halten und auf jeden Groschen sehen.

Wer nicht hören will, muß fühlen. Warum haben Sie sich den ekligen Schuldenmacher genommen? Na, eine solche Dumm⸗ heit ist noch nicht dagewesen, das muß ich sagen.

Willst Du gleich schweigen und Deinen ungewaschenen Mund halten!

Na, mir kann es Recht sein, wenn ich doch fort muß.

Diesmal, versetzte die Amtsräthin freundlicher,will ich Dir noch verzeihen, aber bei der nächsten Gelegenheit kannst Du Dein Bündel nur schnüren und Dich auf die Strümpfe machen.

Das wollen wir doch sehen, murmelte die alte Dienerin, mit drohenden Blicken sich entfernend, während die Amtsräthin einen leisen Seufzer nicht unterdrücken konnte.

sind,

Leben wir, wie Sie wissen, in